Die Krux der richtigen Nadel

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Vinyl lebt, doch die Auswahl an Tonabnehmer-Systemen und Nadeln ist groß, fast unübersichtlich. Auch heute noch. Doch genau wie Boxen den Klang von Musik färben, geben unterschiedliche Nadeln die Musik unterschiedlich wieder, mal besser, mal schlechter … das hat nicht nur mit Geschmack zu tun. Greg Riggs und Bill Oakley, “The Needlz Brotherz”, waren die beiden letzten Chefs der Phono-Abteilung bei Shure, einem der größten und wichtigsten Tonabnehmer-Hersteller. Sie erklären aus ihrer Sicht, was ein gutes System ausmacht, warum Design nicht alles ist, Klang Platz braucht und DJs trotzdem immer Kompromisse machen müssen.

von Thaddeus Herrmann aus De:Bug 111

BIOGRAFIE
Greg Riggs
arbeitet seit über 16 Jahren in der Audiobranche. Während einer langjährigen Tätigkeit in einem großen Fachgeschäft in den USA lernte er DJs hassen, wie er heute selbst sagt, “weil sie immer die billigsten Lösungen suchten und immer auf Second-Hand-CD-Player scharf waren”. Nach einem Studienabschluss in Marketing und einem schweren Bandscheibenvorfall nahm er 1999 einen Job in Shures Phono Department an, “weil es mich reizte, meine Fähigkeiten in einem Marktsegment zu verbessern, von dem ich nicht viel wusste, und Plattennadeln deutlich leichter als große Verstärker sind”.

Bill Oakley
lernte Techno und Clubs während eines Aufenthalts in Deutschland kennen und suchte nach seiner Rückkehr in die USA einen Job in dieser Szene. Nachdem er zahlreiche Raves organisiert hatte und selber auflegte, arbeitete er in einem der größten Equipment-Läden für DJs im mittleren Westen der USA. Als Shure im Jahr 2000 einen Marketing-Spezialisten im von der Firma bis zu diesem Punkt völlig ignorierten Segment “DJ” suchte, bekam Bill den Job.

Die Phono-Tradition von Shure geht bis in die 1930er zurück, als die Firma Einzelteile für andere Hersteller zulieferte. Ab den 1950er Jahren begann die eigene Produktion von Tonabnehmern und die Firma entwickelte das erste “Moving Magnet”-System. 1964 kam die V15 auf den Markt, eins der erfolgreichsten und besten Systeme aller Zeiten. Die V15 wurde in Abstufungen bis 2005 produziert. In den 70er und 80er Jahren produzierte Shure bis zu 30.000 Tonabnehmer pro Tag. Mit der Einführung der CD kam Schritt für Schritt die große Krise und es ist dem Mitarbeiter Jimmy Lawson zu verdanken, dass die Produktion nicht schon damals komplett eingestellt wurde. Er entdeckte, dass DJs gebrauchte M44-7-Systeme aus Asien re-importierten, und setzte durch, dass dieses Modell, das ursprünglich in Musikboxen zum Einsatz kam, als DJ-System wieder auf den Markt kam. Jimmy war der erste der “Needlz Brotherz”. Heute kümmern sich Bill Oakley und Greg Riggs und das Phono-Business bei Shure.

Von 1999-2005 wart ihr die “Needlz Brotherz”. Was verbarg sich dahinter?

Die Needlz Bortherz waren nach außen hin ganz einfach ein Marketing-Konzept. Wir kümmerten uns um Artist Relations, Event Promo, Kundenservice, haben für Shure HipHop-Battles gesponsort und betreut, waren auf Fachmessen und haben Fachhändler trainiert. Intern haben wir uns um Budgets, Verkaufszahlen, Werbung etc. gekümmert. Das war schon weniger spannend. Während unserer Zeit bei Shure wurden wir zu akzeptablen Turntableisten, haben versucht, mit unserem Sponsoring diese Szene bekannter zu machen, haben einen intensiven Austausch mit DJs gehabt, um herauszufinden, was sie von einer Nadel erwarten. All dies kulminierte schließlich im “Whitelabel”, Shures Cartridge für den Dance-Sektor, ein Produkt, das wir aktiv mitentwickelt haben.

Das alles ist jetzt vorbei.

Ja. Nachdem das M44-7 wieder erfolgreich auf dem Markt war, war die Phono-Sparte für Shure bis ca. 2003 eine Priorität. Alle Welt redete von Turntableists und HipHop und Dancefloor … da konnte man viele Systeme verkaufen. Unsere Rechnung war dabei sehr einfach: Wollen Teenager immer noch Vinyl-DJs werden, wenn sie groß werden? Sobald die Antwort darauf in ein signifikantes Nein umschlug, orientierte sich Shure wieder verstärkt in Richtung Mikrofone etc. Wir beide kümmern uns mittlerweile um Produktentwicklung für Shure in anderen Bereichen. Natürlich liegt uns Vinyl noch immer am Herzen und ein Ende der Produktion von Nadeln und Systemen ist auch zum Glück nicht abzusehen. Nur die “Needlz Brotherz” gibt es so als Team nicht mehr.

Shure hat sich einen Namen gemacht für DJ- und HiFi-Systeme. Warum wird zwischen diesen beiden Anwendungsgebieten überhaupt eine Unterscheidung gemacht und wo liegen die Unterschiede?

Ganz einfach: Bei HiFi geht es um Genauigkeit und Klarheit, bei den DJs um Genauigkeit und Klarheit mit so wenig Kompromissen wie möglich, was das Handling angeht.

Das müsst ihr erklären.

Dürfen wir technisch werden?

Ich bitte darum!

Zunächst ein paar grundsätzliche Dinge:
Signalwandler konvertieren Energie zwischen der akustischen/mechanischen Welt und der elektrischen. Mikrofone wandeln auftreffende Schallwellen in elektrische Spannung, Lautsprecher wandeln diese Spannung zurück in Schallwellen und die Tonabnehmer schließlich wandeln die Auslenkungen einer Rille auf einer Schallplatte in elektrische Spannung. Das sind die Basics.
Um das Prinzip eines Tonabnehmers zu verstehen, muss man sich die einzelnen Komponenten anschauen, aus denen er besteht. Da ist zunächst das rein Physikalische, kurz gesagt: die Schwingungen. Da geht es um den Diamanten, den Träger des Diamanten und dessen Aufhängung. Der Diamant folgt den Auslenkungen, welche die Rille auf der Schallplatte beschreibt, und wird in Schwingungen versetzt. Diese Schwingungen bewegen eine Spule innerhalb eines Magneten im System und werden dort in Spannung umgesetzt. Die Art und Stärke der Aufhängung ist dafür verantwortlich, dass der Tonabnehmer nicht springt, wie viel Schwingungen er abtasten kann und mit wie viel Auflagekraft er verwendet werden kann. Form und Größe des Diamanten, die Dicke des Trägers, die Elastizität der Aufhängung und die Abtast-Kraft sind hierbei entscheidend. Und schließlich noch die elektrische Komponente. Die Spulen sind durch den Tonarm und den Plattenspieler mit dem Verstärker verbunden. Entscheidungen, die man hier beim Design fällen muss: möchte ich das System an einer Headshell montieren oder lieber direkt am Tonarm befestigen. Hier entscheiden sich Klangqualität, die Anfälligkeit des Systems für Sprünge, aber auch wie sehr das System während der Abtastung die Rille angreift. Was für bestimmte Systeme besonders wichtig ist, wird durch die Verbindung bestimmter Bauteile aus den beschriebenen Bereichen erreicht. Wenn wir auf deine Ausgangsfrage zurückkommen, was den Klang eines HiFi-Systems angeht, kommt es vor allem auf hohe Dynamik, wenig Distortion und eine neutrale Wiedergabe an. Die Systeme sind sehr leicht, oft sogar sehr zerbrechlich. Bei DJ-Systemen ist ein neutraler Sound zwar auch gut, oft wird er aber geformt. Bestimmte Frequenzen sind in diesem Segment wichtiger als andere und oft wird eine bestimmte Distortion sogar gewünscht. Das sind dann die “fetten” Bässe zum Beispiel. Und natürlich muss das System viel robuster sein und sicherer in der Rille liegen, um eine hohe Abtast-Sicherheit zu gewährleisten. Im Umkehrschluss bedeutet diese aber Einschnitte in der Dynamik und Verluste in den hohen Frequenzen. Bei Shure war das oberste Gebot immer die akkurate Abbildung der Musik bei genauer Beibehaltung der Dynamik. Und das ist eine große Herausforderung bei “Moving Magnet”-Systemen. Ein DJ-System ist daher immer ein Kompromiss. Das dauernde Zurückdrehen einer Platte ist ein Problem, genauso wie die Tatsache, dass Plattenspieler oft auf wackligen Tischen stehen und dass ein DJ-System laut sein muss, viel lauter als eine HiFi-Nadel. All das muss in Betracht gezogen werden bei der Entwicklung. Größere Nadeln, robustere Träger und schwerere Aufhängungen sind die Folge. Es ist ein Kampf!

Die elektronische Musik hat die Renaissance von Vinyl eingeleitet. Wie ist der Stellenwert von Tonabnehmern heute bei Shure?

Man darf nicht vergessen, dass die CD unsere Abteilung schon in den frühen 90ern praktisch gekillt hatte. Nur die erfolgreiche Wiederauflage des M44-7 hat einen sofortigen Produktionsstopp aller Produkte verhindert, das Whitelabel hat dann noch mal frischen Wind gebracht. Digitale Systeme wie Serato Scratch sehen wir heute als einen der Hauptgründe für den Fortbestand der Nadel-Produktion. Solche Musik-Archivierungen brauchen sehr akkurat arbeitende Tonabnehmer, um den Timecode der Masterplatten wiederzugeben, also Klang zu produzieren, der die Crowd nicht anbrüllt: Hallo, ich bin ein MP3!

In europäischen Clubs werden am häufigsten Ortofon-Systeme verwendet, die zwar leicht zu handhaben sind und gut aussehen, gleichzeitig aber immer wieder in die Kritik geraten, die Musik auf der Platte nur ungenau und verfälschend wiederzugeben. Wo verläuft die Grenze zwischen Design und den technischen Möglichkeiten?

Generell gibt es zwei Arten von DJ-Systemen am Markt. Die, die “normale” Bauteile beinhalten und solche mit miniaturisierten Versionen. Shure baut nach der ersten Methode und aus unserer Sicht hat das Vorteile, auch wenn das Design dadurch für viele weniger elegant wirkt. Je größer der Tonabnehmer, desto mehr Raum hat man, um die Variablen, die wir erklärt haben, miteinander in Einklang zu bringen und das beste Ergebnis zu erreichen. Dieses Design erfordert auch den Gebrauch einer Headshell. Auch das ist unserer Ansicht nach von Vorteil. So kann die Masse über der Nadel ausbalanciert werden, der Diamant kann so freier und akkurater die Rille abtasten und der Platte beim Zurückdrehen weniger Schaden zufügen. Merke: Je akkurater die Abtastung, desto besser das Ergebnis. Das kann man mit einem kleinen Experiment eindrücklich erklären. Strecke deinen rechten Zeigefinger aus, zeige mit ihm nach unten und setze ihn auf einen Tisch auf. Nun bewege ihn vorwärts, rückwärts, nach links und rechts. Nimm jetzt deinen linken Zeigefinger und übe ein wenig Druck aus kurz hinter dem Fingernagel und mache die gleichen Bewegungen. Vergleiche den Widerstand! Das ist genau die unterschiedliche Positionierung der Masse bei Tonabnehmern.

Mit dem Whitelabel hat Shure dieses Konstruktionsverfahren dann aber gebrochen, oder?

Nein, denn auch, wenn das Whitelabel optisch vielleicht den Systemen anderer Hersteller ähnelt, haben wir an den kritischen Stellen nichts verändert. Die Masse ist weiterhin über der Nadel! Wir mussten eher am Design pfeilen, wir wollten, dass die Nadel deutlich sichtbar ist. Das Whitelabel versammelt Komponenten aus der Shure-Geschichte: vom V15VxMR, unserem HiFi-Prunkstück, aus der SC35C, die ursprünglich für Radiostationen entwickelt worden war und damals einen Art Kompressor enthielt, also die Dynamik begrenzt, und schließlich aus der M35X. Stolz sind wir vor allem auf den einstellbaren Haltearm, die hervorragenden elektrischen Kontakte und das Design, das die Augen einfach direkt auf die eigentliche Nadel lenkt.

Das Whitelabel war die letzte Phono-Entwicklung von Shure, die Abteilung gibt es nicht mehr. Traurig?

Natürlich, aber wirklich große technische Sprünge wären kaum möglich ohne unglaublich hohe Investitionen. Und das würde sich einfach nicht lohnen. Unserer Erfahrung nach greifen DJs auch gerne auf Produkte zurück, die es schon lange gibt und die sich bewährt haben.

Eure persönliche System-Hitliste?

Da ist die Reihenfolge ziemlich egal. Nennen muss man auf jeden Fall das M44-7, DAS Turntableist-System, das ursprünglich vor allem 7″s in Jukeboxen abspielte. Diese Tatsache stellte hohe Anforderungen an das System: Es musste sicher und zuverlässig in vertikaler Position laufen … das macht es heute für Scratching besonders attraktiv. Die hohe Lautstärke von damals ist heute beste Voraussetzung für den Einsatz im HipHop. Das Endresultat ist ein fetter Sound mit “Smiley Face”-EQ und dennoch extrem sachter Umgang mit dem Vinyl.
Dann natürlich das V15VxMR, unser HighEnd-Produkt. Wir hatten immer ein System auf HipHop-Workshops dabei und haben den Producern ihre eigenen Platten darauf vorgespielt. Die hatten die Nuancen, die man plötzlich hören konnte, noch nie wahrgenommen!
Und schließlich das Whitelabel. Einfach, weil wir dabei waren.

Shure DJ Systeme

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