Das Theremin des 21. Jahrhunderts?

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Hundert Jahre vor Touch und Geste erfand Leon Theremin ein Instrument, das zwischen Klang und Körper den Äther packte: Die Musikerin als Medium, die Musik als geisterhafte Erscheinung. Und das Instrument? Eine Antenne, ein magnetisches Feld, das gestört werden will, ein stabiler Zustand, der ins Wanken gerät: schon wenn man Möbel im gleichen Raum bewegte, konnte das Theremin anders klingen, seine Empfindlichkeit war so hoch, dass das pure Spielen schon eine Herausforderung darstellte. Musizieren als Geisterbeschwörung, solche romantischen Vorstellungen soll heute Hightech wahr machen.

von Peter Kirn aus De:Bug 173

Im 21. Jahrhundert trat zunächst Microsofts Kinect als eine Art digitaler Nachfolger für das Theremin an. Anders als die Erfindung aus dem 20. Jahrhundert nutzen Kinect und andere vergleichbare Gadgets Kameras, um die Position und Tiefe im Raum zu bestimmen. Einige tolle Demos aus dem Musikbereich gab es schon zu bestaunen: Loops, Filter oder auch der Wobble-Anteil von Dubstep-Basslines lassen sich mit Kinect und wildem aber doch koordinierten Zappeln beeinflussen. Die Versuche zeigen aber auch die Grenzen der Xbox-Erweiterung: Sie ist noch sehr langsam und hat so mit großen Latenzen zu kämpfen. Mehr als Ambient lässt sich also nicht wirklich realisieren. Und zweitens ist sie nicht besonders präzise und kann zwar Bewegungen des ganzen Körpers erkennen, subtile, kleine Bewegungen, wie man sie mit dem Musikmachen assoziiert, aber eher nicht.

Was in Klanginstallationen und Hacker-Demos spannend ist, haut als Musikinstrument nicht hin, dazu fehlt Kinect die Unmittelbarkeit. Könnte Leap Motion genau da ansetzen und erfolgreich sein? Das Upstart-Produkt wird jetzt seit Monaten getestet und von Entwicklern auf Einsatzmöglichkeiten abgeklopft. Anders als bei der Kinect werden die Entwickler von der Herstellerfirma dabei unterstützt. Wo Microsoft ein Game-Zubehör schuf, das von Künstlern gehackt wurde, hoffen die Macher von Leap Motion, dass ihr Gerät ein Gadget für den Massenmarkt ist, das von allen möglichen Usern genutzt wird; Musiker einbezogen.

Schreibtisch-Theremin
Leap liegt auf dem Schreibtisch, neben der Tastatur. Das Gerät selbst ist sehr klein, deutlich kleiner als zum Beispiel das iPhone. Alles passiert über dem Gerät, wo man durch Handbewegungen Steuerbefehle erzeugt. Die werden mit mehreren Kamerasensoren erfasst: Leap kann alle zehn Finger tracken, wodurch Gesten wie “Greifen“ oder etwa “in der Luft Klavierspielen“ möglich sind. Wie genau Leap funktioniert, behalten die Entwickler für sich. Es scheinen aber vor allem Infrarotsensoren genutzt zu werden, was dem Einsatz von Leap in dunklen Clubs in die Hände spielen würde.

Zwar ist Leap noch nicht für alle zu haben und diverse Probleme haben den Release-Termin immer weiter nach hinten geschoben, von ursprünglich Mai auf aktuell wahrscheinlich Spätsommer. Geräte für Entwickler sind jedoch verfügbar, wir konnten bereits einen Hands-On-, ähm, Hands-Off-Test machen. Die Interface-Dose wird über USB mit dem Rechner verbunden, zum Glück belastet sie die CPU so gut wie gar nicht, die meisten Berechnungen erfolgen direkt im Gerät. Um die Daten des Leap zu interpretieren, braucht man Software, wofür es zwei Möglichkeiten gibt: Zunächst haben die Leap-Macher einen Basis-Support für diverse Betriebssysteme integriert, darunter die Multitouch-Gesten APIs von Windows 7 und 8. Unter OS X , das bisher noch kein natives Multitouch systemweit unterstützt, wurde stattdessen der Fünf-Finger Support des Trackpads herangezogen. Diese Art der Integration ist primitiver, aber zumindest kann man damit Multitouch-Apps und Gesten ohne zusätzlichen Aufwand nutzen.

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Interessant wird es mit speziell angepassten Apps. Die erste aus dem Musikbereich heißt Geco. Sie übersetzt Handbewegungen in musikalisch sinnvolle Daten und nutzt dafür eine Bibliothek aus vorgefertigten Gesten, darunter auch diverse Handgriffe, wie man sie vom Theremin kennt: Hand hoch und runter und von rechts nach links schwenken, ändert einen Parameter kontinuierlich. Da man in einer Performance natürlich viele verschiedene Parameter steuern will, bietet Geco zusätzliche Kommando-Gesten – “Streams” -, mit denen man zwischen diesen wechseln kann, zwischen dem Filter und dem Grain Delay zum Beispiel. Leap unterstützt dreidimensionale Controller- Daten, so dass sich X-, Y- und Z-Achse nutzen lassen.

Der Anschluss an Musiksoftware wie Reaktor oder Ableton Live erfolgt über den virtuellen MIDI-Ausgang. Auf dem Mac wird der direkt unterstützt, unter Windows klappt es nur mit speziellen Treibern. So lassen sich natürlich über ein angeschlossenes MIDI-Interface auch externe Geräte ansteuern. Geco zeigt die Gesten via visuellem Feedback auf dem Monitor, so dass immer zu sehen ist, was gerade gesteuert wird. Momentan ist Geco MIDI-only, aber laut der Entwickler werden demnächst mit OSC auch eine höhere Auflösung und flexiblere Datenströme am Start sein. Leap hat einen App Store (Airspace), in dem Geco zum Launch für zehn US-Dollar zu haben sein wird.

Fazit
Das Beste an Leap ist tatsächlich die geringe Eingangslatenz. Mit der hohen Frame-Rate und der schnellen Verarbeitung dieser Daten bekommt man eine Latenz, wie man sie von einem MIDI-Controller erwarten würde: ein wirklicher Durchbruch!
Die Frage ist nur, ob Leap sich durchsetzen wird. Musik ist ein vergleichsweise kleiner Markt, Erfolg oder Misserfolg hängt hier von den Entwicklern und den entsprechenden Apps ab. Generell ist Leap aber auf einem guten Weg: mit HP wurde ein Lizenzdeal bereits abgeschlossen. Jetzt fehlen nur noch die Bastler, die zeigen, dass 100 Jahre nach dem Theremin ein neuer Geist in der Maschine gefunden werden kann.

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