iPhone und iPod Touch sind weit mehr als Telefon/MP3-Player mit Netz-Anschluss. Seit der Startschuss für den AppStore gefallen ist, können Benutzer Programme aller Couleur auf ihre Geräte schieben. Natürlich auch zur Musikproduktion. Wir haben uns für euch die wichtigsten und besten Programme angeschaut.

iphone

von Thaddeus Herrmann aus De:Bug 127

Neben zahlreichen Gitarren-Stimmern, Metronomen und wirklich ganz einfachen Klimper-Hilfen finden sich auch immer mehr anspruchsvolle Produktions-Tools. Und die fallen zum Großteil in zwei Kategorien: Steuersoftware für Rechner-basierte Systeme und tatsächliche Klangerzeuger. Auch wenn diese Programme im AppStore noch ein Nischen-Dasein führen, kann man hier für meistens nur ein paar Euro den Spaß für unterwegs kaufen oder aber im Studio locker auf dem Sofa sitzen bleiben.

intua

Beatmaker
Der heilige Gral
Der Beatmaker ist bislang das einzige Programm, das beweist, dass Musikproduktion auf dem iPhone und dem Touch wirklich möglich ist und dabei über das Skizzieren von Ideen und den Zeitvertreib in der U-Bahn hinausgehen kann. Der Preis von 16 Euro mag einige abschrecken, was man dafür bekommt, ist aber deutlich mehr wert und die Investition kann allen nur wärmstens empfohlen werden, immerhin kriegt man eine komplette Mini-DAW mit professionellen Import- und Export-Features, MPC-Interface, einen wahnsinnig cleverem Sequenzer, Sample-Editor mit Wellenform-Darstellung, der nachträglichen Möglichkeit, Patterns zu editieren, frei zu routende Effekte etc. Der Beatmaker ist jenseits der Spiele für mich zurzeit der heilige Gral der iPhone-Programmierung und zeigt das wirklich schockierend große Potenzial der mobilen OS-X-Version. Die mitgelieferten Sounds decken die Grundbedürfnisse aller Dance-Freunde ab, außerdem sind sogar Artist-Kits dabei, u.a. von Richard Devine. Das MPC-Interface erklärt sich von selbst und schon bald ist das iPhone am Rocken. Das gesamte GUI vom BeatMaker ist extrem ergonomisch und man hat so gut wie nie das Gefühl zu wenig Platz zu haben. Per ein- und ausblendbaren Buttons sind alle Funktionen und Arbeitsumgebungen immer sofort verfügbar. Das Feintuning des Samples auf den Pads ist kinderleicht und umfangreich (Sample-Editor, Rückwärts-Funktion, Verstimmen, Lautstärke etc.), der Sequenzer sehr leicht zu handhaben, verfügt über nachträglich einstellbare Velocity für jeden Step und auch das Groove-Verhalten kann nachträglich noch getweakt werden. Auch Dinge wie ein frei einstellbarer Circle-Mode, der genau wie alles andere einfach mit dem Finger eingestellt und auf die entsprechende Pattern-Länge ausgedehnt wird, ist mit an Bord. Die beiden Effekt-Racks verfügen je über ein Delay (1/32, 1/16, 1/8, 1/4, 1/2, 1/1), einen Dreiband-EQ und einen Bitcrusher und klingen völlig ok. Alles schön und gut, aber ich will die mitgelieferten Sounds nicht benutzen und außerdem alles mit anderen Usern teilen. Geht das auch? Klar. Für den Rechner ist eine kostenlose Software verfügbar, mit der sich eigene Sample-Kits erstellen lassen. Das geht schnell und komfortabel. Per WiFi kommuniziert der BeatMaker mit dieser Software und lädt die eigenen Kits auf das iPhone/den Touch. Auf dem gleichen Weg lassen sich auch Songs exportieren sowohl als Audio als auch als MIDI-Files. Noch Fragen? Der BeatMaker ist das komplette Killer-Tool für alle Musiker auf dem iPhone.
Intua
15,99 Euro

ir-909

IR909
Klassiker-Emulation
Nicht nur eine 909-Emulation bietet dieses kleine, feine Programm: Samples der 606, 707 und 808 sind auch gleich dabei, dazu noch zwei etwas freiere Soundsets. Bei einem Preis von 4 Euro empfehlen wir IR909 allen, die in der Bahn gerne den beliebten X0X-Sequenzer rocken. Mehr ist allerdings damit auch nicht zu machen. So fehlen essentielle Sounds (was ist die 707 schon ohne den Chicago-Rimshot) und Features (Export), die Sets sind generell auf acht Sounds begrenzt. Die Bedienung der Parameter ist ein bisschen fisselig geraten und Dinge wie schneller, langsamer, Shuffle etc. sind nicht wirklich intuitiv zu bedienen. Dabei lassen sich unter der Haube doch einige Parameter ordentlich verdrehen: Für jedes Sample kann Gain, Attack und Länge festgelegt und auch der Pitch kann verändert werden, sogar, falls gewünscht, nach dem Zufalls-Prinzip. Vier Pattern stehen insgesamt zur Verfügung. Wir hoffen auf Bedien-Verbesserung in der bereits angekündigten Version 2.0. Spaß macht IR909 auf jeden Fall und die Qualität der Samples ist tiptop.
Roventskij
3,99 Euro

pakl

Pakl Sound1 / Pakl Sound1 Deluxe
Trashiger Freizeitpark
Für gerade mal 79 Cents bekommt man hier einen ausgesprochen putzigen Sequenzer-Freizeitpark, der sich das Interface-Design von Yamahas Tenori-On borgt. In insgesamt drei Layern können hier Lead-, Bass- und Percussion-Sounds übereinander geschichtet werden. Die Basis-Features sind dabei allerdings sehr begrenzt. Der Sequenzer bietet zwei Abteilungen (A und B) und das Tempo kann verändert werden. Ende. Die Sounds sind relativ nutzlos, sprich billig und trashig. Spaß kann man mit Pakl Sound1 dennoch haben, zumal der Preis wirklich niemandem weh tut. Die Deluxe-Version für 3,99 Euro bietet da schon mehr Features: Songs können als XML per Email exportiert und über den Pakl-Server auch mit anderen Nutzern geteilt werden, Pausen-Funktion, Moll/Dur-Unterscheidungen. Entwickler Patryk Laurent wird beide Versionen demnächst miteinander verschmelzen und dann hoffentlich auch die integrierten Sounds updaten. Der Preis der neuen Version stand bei Drucklegung noch nicht fest. Wenn er sich aber bei runden vier Euro bewegt, geht das immer noch total in Ordnung.
Pakl

remote

TouchOSC / OSCemote / ProRemote / MidiLab
Fernsteuer-Lösungen
Eines der größten Potenziale sehen Entwickler offenbar darin, Host-Applikationen auf dem Rechner über das iPhone zu steuern, bzw. bestimmte Funktionen bequem vom Studio-Sofa immer wieder zu justieren. Dieser Trend ist gut und wichtig, denn neue Interfaces können uns nur weiterbringen. Dennoch sehen wir das iPhone und den iPod Touch eher als neue Orchestermitglieder und nicht so sehr als Aushilfsdirigenten.
“TouchOSC” (2,39 Euro) von hexler und “OSCemote” (3,99 Euro) von Joshua Minor setzen beide auf dem “Open Sound Control”-Protokoll auf und erlauben somit die Fernsteuerung von Parametern der Programme, die auf dieses Protokoll ansprechen. Von Max/Msp über Traktor Scratch bis zu Synths in Reason ist hier alles denkbar und auf YouTube belegt.
In der klassischen DAW-Fernbedienung spielt die kalifornische Firma Far Out Labs ganz vorne mit. Ihre ProRemote (zurzeit nur für Mac-Hosts verfügbar) steuert DAWs wie Logic und ProTools. Marker können gesetzt werden, Audio-Scrubbing ist drin, Start/Stop/Record, einfache MIDI-Befehle, Zooming, Pre/Post Roll, Panning, Fader-Kontrolle … die Liste ist lang und beeindruckend. Für diese Features muss man aber auch ordentlich Geld hinlegen. 110 Euro kostet die große Version, die bis zu 32 Kanäle unterstützt. Die Light-Version schlägt immer noch mit 32 Euro zu Buche, ist auf acht Kanäle begrenzt und bietet auch sonst deutlich weniger Features. Die kleinste und neuste Version nennt sich einfach ProTransport (5,99 Euro) und kontrolliert wirklich nur noch die Stop/Start/Punch-Funktionen eurer DAW. Die Kommunikation mit dem Rechner läuft natürlich über WiFi und erfordert bei allen drei Programmen die Installation der Helper-Applikation ProRemoteServer, die kostenlos zu laden ist. Logic wird derzeit noch nicht offiziell unterstützt, funktioniert aber schon ganz ordentlich.
In eine ähnliche Richtung geht die Firma Silicon Studios mit ihren “I Touch Midi”-Programmen. “MidiLab” lässt sich umsonst im AppStore laden und bietet einen Überblick über die Funktionen der restlichen Familienmitglieder, die alle 4,99 Euro kosten und in ihren Features deutlich weiter gehen. Im Moment stehen zur Verfügung: iTM Keys (Keyboard mit zehn Oktaven, Pitch Bend, Aftertouch und Velocity), iTM Matrix (Trigger-Pad für Samples), iTM Pad (Trackpad für PlugIn-Parameter), iTM Tilt (Controller, der den Bewegungssensor nutzt) und iTM (Fernbedienung für die Mackie Control).
Folabs
itouchmidi
OSCRemote
TouchOSC

bloom

Bloom
Ambient-Maschine von Brian Eno & Peter Chilvers
Seit der Veröffentlichung von Neroli ist Brian Eno Meister der generativen Musik. Diverse Installationen und eigens entwickelte Software zeigen das, jetzt auch auf dem iPhone. Bloom ist mit Abstand das schönste und faszinierenste Musik-Programm für das iPhone. Ganz einfach lassen sich die Klangwelten von Eno nachbauen. Auf dem schimmernden Screen werden einfach Töne gesetzt, die sich selber loopen, langsam ein- und ausschwingen. Das Interface ist dabei so einfach wie faszinierend: AUf dem farblich changierenden Display werden einfach Tonfolgen gedrückt, die als bunte Kreise sichtbar sind. Außerdem kann man zwischen verschiedenen Sounds-Stimmungen hin- und herschalten. Unterstützt werden die eigenen Kompositionen von tonal immer passenden Drones, die automatisch generiert werden. Entspannend und sensationell. Besser, als jedes Computerspiel und mit 2,99 € ein unfassbares Schnäppchen!
Bloom

Ein Video gibt es hier

7 Responses

  1. Tapedeck

    Ihr habt ein noch sehr mächtigen Synthesizer vergessen “Noise.io Pro”. Auch nicht gerade ein Schnappchen, aber zusammen mit Beatmaker (dank Export Funktion) ein Höllengerät ;)

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  2. Ikem

    Meine Favoriten sind Alchemy und EasyBeats LE. Und zum Quatsch machen ist PocketVoice Lite ganz witzig.

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