Ziemlich mutig eine Hardware mit noch unfertigem Betriebssystem zu verkaufen, aber Elektron hat es trotzdem getan und so richtig beschweren wollte sich bisher keiner drüber, im Gegenteil, auf YouTube gibt es jede Menge Videos, in denen begeisterte Besitzer ihre halbfertigen Kisten vorführen. Das mag daran liegen, dass es angesichts der Dominanz der Laptops beim Auflegen und Livespielen immer mehr Leute gibt, die mal wieder mit Knöpfen und Fadern unterwegs sein wollen, aber wohl auch am Track Record von Elektron, die seit Jahren verlässlich gute Instrumente wie Machinedrum und Monomachine rausbringen. Wir haben uns mal in die aktuelle Betaphase begeben um euch ein paar erste Eindrücke vom Octatrack zu vermitteln.

von Benjamin Weiss aka Nerk aus De:Bug 151

Aufbau
Das Octatrack bietet acht Tracks, in die Samples geladen werden können und acht MIDI Tracks für externe Geräte (die allerdings noch nicht implementiert sind). Die Audiotracks unterstützen Stereofiles in 16 Bit / 44,1 kHz bzw 24 Bit und können bei Bedarf Samples von der Compact Flash-Karte direkt streamen, so dass es keinerlei Begrenzung in Sachen Filegröße gibt. Die Samples auf die ein Project zugreifen kann werden in einem Ordner auf der CF-Karte abgelegt. Dazu bietet jeder Audiotrack einen Recorder, mit dem Samples von den zwei externen Stereoeingängen oder dem Ausgang des Octatrack aufgenommen werden können. Sampling lässt sich sowohl synchron zum aktuellen Tempo als auch per Hand starten. Die externen Signale lassen sich aber auch ohne Aufnahme durch einen der Tracks schicken, um sie zum Beispiel mit Effekten zu versehen. Die einzelnen Tracks werden mit Machines bestückt, die verschiedene Funktionen haben: Static Machines für das Streamen langer Samples von der Karte, Flex Machines mit noch ein wenig mehr Features für Samples aus dem RAM, Thru Machines, die das an den Eingängen anliegende Signal weiterleiten und Neighbor Machines, die das Signal des danebenliegenden Tracks weitergeben. Jeder Track kann mit bis zu zwei Effekten belegt werden, unabhängig von der genutzten Machine. Auch die meisten klangformenden Parameter der Playback- und Amp-Sektion sind gleich und es gibt für jeden Track drei LFOs, die sich auf alle verfügbaren Klangparameter auswirken können, also auch zur Modulation untereinander.

Effekte
Die Effektauswahl ist klein, aber fein: neben einem schmatzig klingenden 12/24dB Multimode-Filter, gibt es einen zweibandigen parametrischen EQ, einen DJ EQ mit Kill-Feature, Phaser, Chorus, Flanger, Kompressor und Lo-fi, sowie ein Delay und ein Reverb. Das ist jetzt nicht gerade eine überbordende Auswahl, aber mit den Neighbour-Machines kann man sich doch recht komplexe Effektketten bauen.

Streaming & Backing
Eines der besten Features ist auf jeden Fall die Möglichkeit, auch ganze Tracks mitlaufen zu lassen, was ziemlich unkompliziert ist: einfach einem Track zuweisen, das Originaltempo angeben und mit einem Step versehen. Wenn die Audiofiles gut geschnitten sind, funktioniert das erstaunlich präzise ohne dass auch sehr lange Files aus dem Taktraster laufen. Der Timestretchingalgorithmus arbeitet dabei genau und hat nur geringe wahrnehmbare Timingschwankungen, soll aber noch weiter optimiert werden. Der Klang ist ziemlich klar und unverwaschen, Transienten werden vor allem im Beats Modus sauber abgebildet. Auch im Betrieb mit externen Geräten die mit MIDI Clock synchronisiert werden kann man das Tempo problemlos hoch- und runterdrehen, ohne dass das Timing wackelt, da kann Ableton Live nicht mithalten.

Sequenzer
Der Sequenzer ist ein klassischer 16-Stepsequenzer im XOX-Stil. Ein Pattern kann bis zu 64 Steps lang sein, wobei die einzelnen Tracks auch unterschiedliche Längen haben können. Gesetzte Steps lassen sich mit Parameter Locks versehen, dabei kann man auch Parameterwerte definieren, ohne Noten zu setzen. Die Samplebelegungen und Effektzuweisungen der Tracks werden in sogenannten Parts gespeichert, von denen es pro Bank vier Stück gibt. Dazu gibt es noch einen Arranger, mit dem sich längere Patternfolgen und Songs erstellen lassen.

Scenes & Parameter Locks
Der Crossfader kann zwar auch als klassischer Crossfader benutzt werden, ist aber eigentlich für die Liveautomatisierung der klangformenden Parameter gedacht. Jede Seite lässt sich dafür mit einer Scene belegen, die einen Snapshot mehrerer Parameterwerte darstellt. Mit dem Crossfader kann man so zwischen den beiden Snapshots überblenden. Belegen lassen sich die Scenes durch gleichzeitiges Drücken des Scene Buttons und Bewegen des Reglers, dessen Parmeterwert zugewiesen werden soll. Um auf verschiedene Snapshots schnell zugreifen zu können, muss man einfach nur einen der Steps zusammen mit dem Scene Button drücken, schon macht der Crossfader was völlig anderes. Sage und schreibe bis zu 64 Parameter können von einer Scene gesteuert werden, da verliert man zu Anfang durchaus auch mal den Überblick. Wie auch bei den anderen Elektronmaschinen lässt sich schon einiges mit den Endlosdrehreglern und den Parameter Locks machen, aber der Crossfader ist wirklich ziemlich ergiebig und lässt sich effizient sowohl für subtile Änderungen wie Überblendungen als auch extremes Soundmangling nutzen.

Einsatzmöglichkeiten
Der Octatrack ist schon jetzt ziemlich flexibel, wenn es um Einsatzmöglichkeiten geht: Backingmaschine, Sampleschredder, Groovebox, Livesampler, Effektbatterie, Looper, Drumcomputer, das alles und vor allem eins: eine Maschine, die live bedient werden will und darauf wirklich optimiert ist. Glücklicherweise ist sie auch gut verarbeitet, so dass man beim vielbenutzten Crossfader, der manches professionelle DJ-Mischpult in Sachen Leichtgängigkeit und Robustheit locker in den Schatten stellt, keine Angst haben muß, dass er im ruppigen Liveeinsatz Schaden nimmt. Schon mit der hier getesteten Beta (0.99 E) macht das Spielen enorm Spass. Auch wenn einem auf manchen Screens noch ein „Coming soon“ begrüsst und die MIDI-Fähigkeiten auf MIDI Clock Out beschränkt sind, ist die Samplesektion und der Sequenzer in Verbindung mit dem Scene-Konzept des Crossfaders ziemlich überzeugend. Noch ist es zu früh um Hurra zu schreien, aber das OS ist ja auch noch nicht fertig. Was das Octatrack bisher kann, macht einen ziemlich vielversprechenden Eindruck, wer es auf die Bühne mitnehmen will, sollte aber noch bis zum 1.0er-OS warten oder mit der nötigen Scheissdrauf-Haltung an die Sache rangehen. Mit dem Octatrack ist Elektron eines gelungen, was seit Jahren kein Hardwarehersteller mehr ernsthaft versucht hat: die Speicherbeschränkungen von Hardwaresamplern weitgehend aufzuheben und trotzdem ein intuitiv spielbares, sehr vielfältiges Instrument zu schaffen, das sich selbst genug ist, aber auch im Zusammenspiel mit anderen Punkte macht und schon jetzt das Zeug zum Klassiker hat.

Elektron

Preis: 1199 Euro

12 Responses

  1. huzzi

    ..um die software-qualität noch etwas realistischer zu beschreiben: es ist eine absolute katastrophe (siehe elektron user forum)!

    es wird gross angepriesen, dass das teil als backing track player genutzt werden können soll; bringt herzlich wenig wenn das klick nicht auf separate outputs geroutet werden kann.

    die firma spart am falschen ort und zwar beim testen der software…

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  2. Benjamin Weiss

    @huzzi: kann ich nicht bestätigen, bei mir läufts mit dem os 0.995C rund und allerhöchstwahrscheinlich gibt es diese woche nen neues.

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