Rocken mit dem Rechner – Native Instruments

Die Berliner Firma Native Instruments steht für innovative Software-Klangerzeuger. Seit rund zehn Jahren setzt das Unternehmen auf den Computer als universelles Tool für die Musikproduktion. Produkte wie Reaktor, Absynth, Kontakt, Battery oder Guitar Rig sind heute weltweit in Studios installiert. Interview mit Tobias Thon, Pressesprecher von Native Instruments

NI hat sich zu einem Zeitpunkt auf dem Markt etabliert, als Software-Synths noch in den Kinderschuhen steckten. Was war auschlaggebend für die Entscheidung, doch in diese Richtung zu arbeiten und nicht etwa einen Sequenzer auf den Markt zu bringen.

Bei NI ging es von Anfang an um Sound, und zwar konkret darum, mit Software neue Klangmöglichkeiten zu erschließen … daher ja auch das Firmenmotto “Generate the Future of Sound”. Reaktor beziehungsweise der Vorgänger Generator sind damals vor knapp neun Jahren nicht aus einer Geschäftsidee heraus entstanden, sondern aus der ganz persönlichen Vision von NI-Gründer Stephan Schmitt, der damals unzufrieden mit den begrenzten Möglichkeiten von Hardware-Synths war und deswegen den Rechner als Klangerzeuger erschließen wollte. Das erste Ergebnis war dann schließlich Generator als extrem flexibler Software-Synthesizer, der dann wiederum auch der Ausgangspunkt für die Gründung von NI wurde.

Reaktor schien, ähnlich wie ein paar Jahre später Ableton’s Live, eine Art Wunschtraum zu sein, Musikern ein Tool an die Hand zu geben, das es ihnen ermöglichte, den Computer in einer neuartigen Art und Weise zu nutzen. Dann folgten “traditionellere” Instrumente, die das Flaggschiff Reaktor unterfütterten. Wie kommen solche Entscheidungen zustande? Und wenn wir schon bei den Synth-Emulationen sind … warum der P5 und nicht zum Beispiel Rolands Jupiter 8?

Emulation vs. Innovation

Die Emulation eines klassischen Analogsynthesizers war nach Reaktor bzw. Generator eine reizvolle und irgendwie auch logische Herausforderung. Der Prophet 5 war mit seinem besonderen klanglichen Profil da ziemlich nahe liegend, genauso wie danach die Hammond B3 und der DX7. Insgesamt liegt der Schwerpunkt von NI aber nicht auf der Emulation von bestehenden Synthesizerkonzepten, sondern auf dem Schaffen von innovativen und inspirierenden Klangerzeugern. Deswegen hat auch ein strukturell und klanglich wirklich neuartiger Synthesizer wie Absynth perfekt gepasst.

Mittlerweile benutzt jeder Soft-Instrumente, der Markt wird immer enger. Wie gelingt es in diesem unübersichtlichen Markt, sich zu behaupten?

Gerade weil inzwischen praktisch überall Software-Instrumente eingesetzt werden, wird der Markt nicht enger, sondern immer größer. Gerade in den eher strukturkonservativen Bereichen, also bei großen Studios und im Live-Bereich, nimmt der Stellenwert von Software-Instrumenten in letzter Zeit rasant zu, und zwar in der Form, dass sie Hardware nicht mehr nur ergänzen, sondern komplett ablösen. Behaupten kann man sich in diesem Markt wahrscheinlich mit recht verschiedenen Strategien. NI tut es vor allem dadurch, indem man von Anfang an sehr kompromisslos eine eigene Vision und einen besonderen Anspruch gerade im Bezug auf Sound verfolgt hat und sich damit über die ganzen Jahre ein einzigartiges Standing aufgebaut hat. Das muss man dann aber natürlich auch mit jedem neuen Produkt wieder erneut rechtfertigen, gerade wenn man in neue Bereiche wie zum Beispiel den Gitarrenmarkt geht.

Hat man als Firma überhaupt noch die Chance, ein Produkt auf den Markt zu bringen, an das man zwar glaubt, dessen Verkaufschancen aber eher gering sind?

Natürlich muss jeder Produktidee auch eine bestimmte Zielgruppe gegenüberstehen. Ein innovatives und praxisnahes Produktkonzept hat eigentlich auch immer gute Verkaufschancen, denn zum Glück haben wir es bei Musikern und Produzenten mit intelligenten Usern zu tun, die sehr gut einschätzen können, welche Tools sie weiterbringen.
Parallel zu unseren regulären Releases können wir ganz ausgefallene und eher nischenhafte Konzepte mit relativ geringem Aufwand als Reaktor-Instrumente realisieren. In der Library von Reaktor 5 gibt es beispielsweise einen Sequencer auf Basis eines zellularen Automaten … vielleicht einfach mal im Lexikon nachschlagen. So was würde man natürlich nicht als einzelnes Produkt in die Läden stellen, weil es schon sehr speziell ist.

All-In-One vs. Third-Party

Emagic setzt in Logic vermehrt auf Instrumente, besetzt also einen Markt, den ihr prägend mitbestimmt. Sind solche All-In-One-Lösungen eine Konkurrenz für Firmen wie NI als Third-Party-Anbieter? Wie positioniert man ein Produkt wie euer E-Piano gegen Emagics EVP88?

Grundsätzlich nimmt man bei jeder Neuentwicklung auch existierende Konkurrenzprodukte genau unter die Lupe, um dann etwas zu machen, das möglichst in jeder Hinsicht darüber hinausgeht. Konkret geht zum Beispiel das Elektrik Piano klanglich weit über das EVP88 hinaus und setzt mit Kontakt-basiertem Multisampling auch eine andere Art der Klangerzeugung ein, die für E-Pianos einfach bessere Resulate bringt.
Insgesamt ist gerade das All-In-One-Konzept von Logic ein gutes Beispiel dafür, das solche Lösungen für alle Beteiligten vorteilhaft sind: Die Überschneidungen mit der NI-Produktpalette sind eher gering, und die Logic-User, die sich früher ganz automatisch noch die Emagic-PlugIns mitgekauft haben, können sich jetzt stattdessen noch ein Komplete-2-Bundle von uns leisten und sind dann wirklich komplett ausgestattet.

Egal, was ich als Musiker machen möchte … für fast alles gibt es die entsprechende Software. Ist der Markt gesättigt?

Der Markt ist ganz und gar nicht gesättigt, und eigentlich stehen wir eher noch am Anfang, was das kreative Potential von Software angeht. Durch die Core-Technologie in Reaktor 5 gibt es jetzt ganz neue Möglichkeiten beim Instrumentendesign, wo wir selber kaum absehen können, was die Reaktor-User da draußen damit alles anstellen werden. Surround-Sound auf Instrumentenebene ist ein wichtiges Thema für die nächsten Jahre, genauso wie Instrumente, die quasi-intelligent auf den Input des Users integrieren, wie es beispielweise durch die Scripting Engine in Kontakt 2 möglich ist.
Durch die smartere Integration von Software und Controller-Hardware wird sich in der nächsten Zeit auch das Handling noch mal entscheinend verändern. Man denke da nur mal an diesen Touchscreen-Controller von Jazzmutant. Heute ist so ein Teil noch kaum bezahlbar, aber in zwei Jahren in ähnlicher Form bestimmt in jedem zweiten Studio zu finden.

Höher, schneller, weiter

Wie viele andere Firmen orientiert sich NI bei neuen Produkten eher an neuen Rechnern als Systemvoraussetzung. Diese “Höher-schneller-weiter”-Attitüde wird von vielen Usern kritisiert. Immer neue Features, immer neue Untermenüs. Ist es für das Fimenprestige wichtig, immer mehr unmögliche Dinge möglich zu machen? Was spricht gegen einen ganz “traditionellen” Synth?

Was spricht denn dafür, den fünfhundersten “traditionellen” Synth in Software rauszubringen, wenn man stattdessen einen neuartigen Klangerzeuger entwickeln kann, der im besten Fall sogar einen komplett neuen Musikstil inspiriert? Es gibt auch von Seiten unserer User nur selten Kritik an “zu hohen” Systemvoraussetzungen. Im Gegenteil erwarten gerade professionelle Musiker und Produzenten, dass wir das Potential ihrer Rechner konsequent ausreizen. Es wäre auch komplett gegen die Philosophie von NI, die Möglichkeiten nicht zu nutzen, die sich durch schnellere CPUs etc. ergeben. Innovationen wie die Convolution-Technologie in Kontakt 2 oder eine Component-Modelling-basierte Emulation wie Guitar Rig lassen sich einfach nur mit einer bestimmten Rechenpower realisieren, bringen dafür dann aber auch im Idealfall die Sache auf ein neues Level.

Auch wenn viele eurer Produkte als StandAlone zur Verfügung stehen … die Integration in Sequenzer wie Cubase oder Logic scheint unabdingbare Bedingung für den Erfolg eines Produkts. Mit welchen Schwierigkeiten hat man zu kämpfen bei sich ständig ändernden Standards und neuen Produktversionen? Ich denke hier vor allem an die AU-Versionen und die von allen Seiten kritisierte Kommunikation mit Apple …

Insgesamt läuft die Zusammenbeit mit anderen Firmen sehr gut. Bei denen gibt es natürlich auch ein starkes Interesse daran, dass eine möglichst große Anzahl an PlugIns reibungslos in ihren Hosts funktioniert. Konkrete Änderungen in der Schnittstellenspezifikation wie zuletzt bei Logic 7 sind eher selten, und dann muss man halt über zwei Wochen konzentriert an diesen Aspekt rangehen, um alles auf Stand zu bringen.
Es gibt bei der PlugIn-Programmierung immer ein paar Punkte, die die Entwickler mal ins Schwitzen bringen … aktuell beispielsweise die Verwendung von Multiple Outputs unter RTAS oder die Nutzung von Keyboard-Commands. Letzteres ist teilweise fast schon unfreiwillig komisch, denn da wetteifern Sequencer und Instrument dann darum, wer jetzt diesen oder jenen Tastendruck für sich auswerten darf. Aber auch diese Sachen lassen sich lösen. Es hat auch niemand behauptet, dass Software-Engineering einfach ist!

http://www.native-instruments.de

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