Erste Eindrücke der neuen Native Instruments DJ-App

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DJ-Apps für iPhone & Co. sind seit Langem Tagesgeschäft, entweder mit animierten Plattentellern, als wären wir zu blöd, das zu abstrahieren, oder mit einfallslosen Controller-Knöpfen, reduziert auf das Wesentliche, weil, was sonst? Native Instruments, Platzhirsch im Business des digitalen Auflegens, hat lange an Traktor DJ (iTunes Store Link) für das iPad gefeilt. Warum das so ist, wird schon beim ersten Blick auf die App klar.

Das Interface: zwei große Wellenformen, die fast den ganzen Bildschirm ausfüllen. Musik wieder anfassen, das ist der Claim, jedes Argument der Anti-Haptik gehört ab heute der Vergangenheit an. Es dauerte genau zehn Minuten – die Präsentation der Grund-Features – dann hatte ich mich bereits reingestürzt und war kaum noch davon wegzubekommen, zwei Danny Breaks Breaks mit den Fingern auseinanderzurupfen. Als wäre ich doch noch bereit, ein Breakbeat-Turntableist zu werden.

Die Wellenformen sind mehr als die Basis, sondern auch der Punkt, an dem Traktor DJ nicht nur zu einem ebenbürtigen Partner von Traktor auf dem Rechner wird, sondern gleichzeitig zu etwas völlig Neuem, zu einem DJ-Programm für das iPad, das jeden Traum von Innovation durch neue Interfaces erfüllt. Loop setzen: zwei Finger auf die Wellenform. Loop verlängern, mit zwei Fingern auseinander ziehen. Verkürzen, zusammenrücken. Cuepunkt: Tap. Soweit so gut, aber dann kommt der Freeze-Mode. Und es wird wild.
Ihr erinnert euch noch an den Flux-Mode im aktuellen Traktor? Der bekommt auf dem Apple-Tablet eine völlig neue Bestimmung und den bislang besten Hardware-Partner. Bislang hieß Flux-Mode: Man springt zu einem Cue-Punkt, also zum Beispiel zu einem tollen Drumbreak mitten im Stück. Lässt man die Taste los, ist der Track im Hintergrund bereits weitergelaufen und man landet wieder am Ausgangspunkt, so, als hätte man einfach den Crossfader rübergezogen. Der Freeze-Mode bohrt das ganze nun noch weiter auf.

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Die Wellenform bleibt stehen, der Track läuft weiter, jedes Element des Stücks lässt sich jetzt einzeln, mitten im Track spielen. Ein Vocal z.B., ein Stück Bassline, ein Break, ein Sound. Obendrein in beliebiger Länge, man muss nur zwei Finger hernehmen, um Start und Ende zu bestimmen. Und dank der Wellenformen sieht man so ziemlich genau was einen erwartet. Man hat nicht mehr das Gefühl, zwei Tracks aufeinander zu bringen, miteinander zu verschmelzen oder – für Traktor-Trickser und Cue-Punkt-Fanatiker – einen Edit “on the fly” zu machen, sondern hat den Track plötzlich als eine kongeniale Tastatur vor sich, die man beliebig spielen kann. Und da das Ganze immer wieder zu seinem Basis-Loop oder auch dem vollen Track zurückspringt, verliert man sich schnell in diesen Details. Ergo: Breakbeat-Turntableist. Kein Wunder, dass man erst mal die besten Breaks noch verrückter, aber trotzdem kickend auseinandernehmen möchte.

An dieser Stelle könnte man eigentlich schon schließen und behaupten: Traktor DJ ist die innovativste iPad-DJ-App. Während bisher alle versucht haben, digitales Auflegen mit zum Teil jämmerlichen Referenzen an die DJ-Kultur (drehende Plattenspieler, ouch) zu emulieren, will Traktor besser sein und das gelingt. Aber natürlich kann Traktor für das iPad mehr.

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Der Überblick steht immer im Mittelpunkt. So verbergen die aufgerufenen Effekte immer nur einen Teil der Welleform. Drei lassen sich gleichzeitig integrieren, im gewohnten Kaoss-Pad-Interface so intuitiv bedienen, dass selbst Effekt-Verweigerer ihren neuen Spaß daran entdecken werden, ohne dabei den Mix aus den Augen zu verlieren.

Natürlich ist hier alles auf Sync ausgelegt, warum sollte man auch auch Beatmatchen wollen. Grids und damit das Tempo eines Tracks lassen sich notfalls aber auch per Hand eingeben, d.h. spontan Tracks spielen (Synchronisation der Tracks läuft naturgemäß, daran ist Apple schuld, via iTunes) ohne anale Grid-Überwachung ist absolut möglich. Traktor für iPad analysiert die Tracks selbst, die entsprechenden Helper-Files lassen sich aber auch via Dropbox einlesen.

So. Und wie mixt man eigentlich? Wir sind hier doch in einem DJ-Programm. Ähnlich wie die Mixer-Sektion über die halbe Breite der Wellenform ausklappt, erscheinen die Equalizer, Gain und Filter (übernommen übrigens im Sound vom Kontrol Z2 nur mit XY-Achse für mehr Kontrolle) auf der anderen Hälfte, den Ausgleich übernimmt der Crossfader, der sich übrigens mit Doppeltap auch als Battleswitch einsetzen lässt.

Das Ganze ist also darauf angelegt, über einen Kanal via internes Mixing ausgespielt zu werden, ein paar Soundkarten (z.B. die Audio 10) werden dabei für den clubtauglichen Sound unterstützt und geben auch das Kopfhörer-Vorhörsignal aus. Wer doch lieber auf einen Hardware-Mixer umsteigen will, es geht, über einen kleinen Umweg. Man hat allerdings mit den Fingern am iPad so viel Spaß, dass man diese Möglichkeit eigentlich gar nicht braucht.

Der Browser für Tracks kommt mit den üblichen Funktionen wie Playlisten, History, Anzeige der Cover, Künstler-, Track-Suche etc., hat jedoch dank eines internen Algorithmus auch noch eine Zusatzfunktion bekommen: Tracks, die im Mix passen könnten. Wie gut diese Erkennung ist oder wer sie braucht, bleibt abzuwarten.

Vermutlich haben wir im Schnelldurchlauf und mit der extrem stabilen Beta-Version jetzt ein paar Features unter den Tisch fallen lassen (Update: z.B. die Aufnahmefunktion für Mixe), aber eins ist klar. Für den Preis von 2-3 Schallplatten (aka 17,99€) ist Traktor DJ für das iPad alles andere als ein Spielzeug, sondern vielmehr eine ernsthafte Konkurrenz mit ganz eigenen Qualitäten, die nicht wenige dazu verleiten wird, sich in Zukunft ein 128GB iPad zu sichern. Wir würden soweit gehen, dass Traktor auf dem iPad das Auflegen in gewisser Weise ein Stück vorwärts gebracht hat, und das ist nun wirklich das höchste Lob, das eine DJ-Software bekommen kann.

Und der Einwand, man bräuche keine Skills, um mit Sync-Button aufzulegen, widerlegen wir einfach mal mit folgendem ersten ruffen Testvideo.

Und hier noch die Beach-Variante.

17 Responses

  1. IckePaul

    Und äh wo ist die Record Funktion

    Mixe sind mein core use Case !

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  2. IckePaul

    Ps. Bonustest:
    Und der Mix wird via dropbox als mp3 exportiert?

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  3. Sascha Kösch

    Nene… Als wav, dass man dann via iTunes vom Pad über die Dateifreigabe der Traktor DJ App holt. Ist jedenfalls bei mir so.

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  4. fmq

    Unterstützt die app auch Timecode Vinyls bei entsprechender soundkarte?Die app DJ Player darf man übrigens auch zu den professionellen Werkzeugen zählen,die nehme ich seit längerem zum auflegen mit.Extrem flexibel,zig Ausgangsroutings und Unterstützung für Timecode Viny/CD’s.Vinyl scheiterte bislang jedoch daran das es keine Class Compliant Interfaces mit zwei Phono Inputs gab.Anscheinend hat NI der Audio 6/10 ein Firmware update spendiert sodass die jetzt auch ans iPad können.Dumm nur das die Audio 6 keine Phonoeingänge hat,die 10er ist viel zu viel für meine Bedürfnisse.Die Traktor app macht nen netten Eindruck aber ohne DVS wäre das für mich witzlos…Vielleicht schau ich mir die app mal an,koscht ja”nix” :)

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  5. Dan

    .. jedenfalls schade das NI der AUDIO 2 Soundkarte kein Firmware update spendiert hat.
    DAS wäre mal ein wirklich Portable lösung.
    (habs schon ausprobiert … Core Audio erkennt sie nicht)

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  6. Sascha Kösch

    @fmq… nein. keine timecodevinyls. die app ist nicht dafür ausgelegt über irgendwas angesteuert zu werden.

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  7. wurstbrot

    Braucht man jetzt echt ne 499,- € Soundkarte um das zu mixende Deck vorzuhören?! :(
    Die App ist echt super, aber das ranzt mich total an (=ipad).
    Aber wie soll`s auch gehen über Stereominiklinke???

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  8. Akkermann

    die frage mit der spundksrte würde mich auch unteressieren! Hab die app jetzt drei Tage und bin so mega begeistert, dass ich sie auch gerne im club benutzen will. Was ist denn mit dem Alesis io dock? geht das nicht? wär bombe wenn ihr dazu was schreiben bzw. ausprobieren könntet ihr habt den ganzen kram ja da:-)

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  9. Damian

    Griffin iMic geht nicht zusammen mit der Traktor-App, leider. Algoriddims djay funktioniert mit dem iMic – man kann also Stereo vorhören und hat einen echten Stereo-Out für die PA.

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  10. wal

    ..und das neue Pad mit Lightning-Connector könnte das locker aufteilen, sogar ohne den Kopfhöreranschluß. Es kommt nur leider keinerlei Zubehör, weit und breit keine Infos zu dem Thema. Angeblich sollen ab April erste Sachen kommen. Angeblich wurde auf der Namm was angekündigt. Auf den einschlägigen Seiten (alesis u.s.w.) bisher Fehlanzeige.
    Vermutlich mal wieder “Apple Politik”.

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  11. Pitcher

    Kann man Loops pitchen, bzw. timestretchen und in der Länge verändern?

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  12. jj

    ich habe jetzt einige stunden mit der app zugebracht und muss den ni-leuten lob aussprechen. ein neuartiges, sehr durchdachtes konzept. läuft stabil und ist intuitiv zu bedienen. home-mixes sind schnell und easy zu realisieren. macht spaß, viel handwerkliche schraubarbeit wird einem abgenommen.

    dennoch habe ich starke zweifel, ob sich die app im dj-alltag durchsetzen kann. zu feinmotorisch in der bedienung; ein falscher tipper und alles läuft aus dem ruder. die volume-regler der beiden channels sind im eq-feld versteckt – not so good. der start von cue-point klappt nicht immer zuverlässig. kinderkrankheiten, klar.

    mit einem passenden controller/interface/soundcard mit direkten zugriffsmöglichkeiten auf die wesentlichen funktionen würde das teil deutlich mehr sinn machen. das ist so naheliegend, dass es mich wundern würde, wenn native da nicht bald was nachreicht. ich würde dafür jedenfalls geld ausgeben.
    die bedienung mit dem ipad-touchscreen ist m. e. für den club-einsatz einfach zu fuddelig.

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  13. De:Bug Musiktechnik » NDVR Mosaik

    […] ein paar Jahren locker mitkommt, ist bisher aber noch keinem so richtig gelungen: zwar gibt es mit NIs Traktor DJ für iPad oder Touchables d(- -)b schon vielversprechende Ansätze in Sachen Echtzeittimestretching, aber […]

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