Wie wunderbar sich eine Juke- und Footwork-Ästhetik auf die 170 BPM-Strukturen von Drum & Bass übersetzen lässt, konnte Fracture in den letzten Jahren schon einige Male beeindruckend unter Beweis stellen. Nun holt der Londoner im Rahmen der dreiteiligen “experimental VIP”-10″-Reihe auf eigenem Astrophonica-Label auch den in Berlin lebenden Tempo-Don Machinedrum auf diese Bühne. Mit “Clissolp VIP” bringt Travis Stewart ein für Juke obligatorisches Konglomerat aus wilden 808-Sounds, das sich in seiner Hyperaktivität so wunderbar mit der oldschoolig blubbernden Staccato-Bassline und den eher schleppenden Halftime-Patterns vermengt. Und das grooved wie Scheiße. Im Verlauf darf dann noch im Rahmen eines extrovertierten Midrange-Crescendo der goldenen Ära des Jump-Up gedacht werden, von dem man sich kurz darauf mit der Seele schmeichelnden 80s-Synth-Klängen wieder erholen darf. Die Bezeichnung “Jungle-Juke” im Promo-Sheet klingt zwar unglaublich bescheuert und trifft auch nur sehr bedingt den Kern der Sache, doch scheint mir diese Genre-Ehe momentan die sinnvollste Spielart von Drum & Bass zu sein.
ck
Grandios von der ersten bis zur letzten Sekunde. Die Art und Weise, wie Pflum seine sanften Ambient-Tracks mit Field Recordings und magischer Darkness verbindet, hat man so in dieser dringlichen Form lange nicht mehr gehört, vielleicht sogar noch nie. Kein Verlass auf den Wohlklang. Pflum umbricht die vermutete Streckenführung immer wieder an – genau – unvermuteten Stellen und schafft sich so mit ganz eigenen Mitteln seinen persönlichen Wald aus Glas. Eingerahmt von “Sleepwald 4″ und “Perfects Creek” entfaltet sich etwas Großes, etwas, was man immer wieder hören und spüren will.
http://www.hymen-records.com
thaddi
Bobby Kalphat ist ein jamaikanischer Keyboarder und vor allem Melodica-Spieler, der zusammen mit Lynn Taitt & the Comets, Tommy McCook & the Supersonics und den Hippy Boys musiziert hat, bevor er den Produzenten Phil Pratt traf, mit dem einige der hier versammelten Tracks entstanden sind. Auf dessen Terminal-Label ist dieses Album 1977 auch zum ersten Mal erschienen. “Zion Hill” versammelt Melodica-Versions zu Hits von Horace Andy, den Heptones, John Holt, Ken Boothe, Pat Kelly und Dennis Brown. Mit “Counter Punch”, einer Vierviertel-Version von Dave Brubecks “Take Five” enthält das Album auch Kalphats ersten Track mit der Melodica als Lead-Instrument, der noch in Lee Perrys Black Ark Studio aufgenommen wurde. “Zion Hill” ist ein Album voller grundsolider Tracks, die den auch von Bunny Wailer, Prince Far I, Pablo Moses, I Jahman Levi, Dr. Alimantado, Johnny Clarke, und den Roots Radics gebuchten Kalphat als Solisten in den Vordergrund stellen.
http://www.pressure.co.uk
asb
Christiaan Virant sieht auf dem Cover von “Fistful Of Buddha” samt Sonnenbrille recht lässig aus; an Clint Eastwood in “Eine Handvoll Dollar” kommt er aber in puncto Coolness nicht ran. Muss er auch nicht, sein Metier ist die elektronische Musik. Geboren in Hong Kong, lebte er seit den 80er Jahren in Peking und war dort in der experimentellen elektronischen Formation FM3 aktiv. Bei uns wurde er Mitte dieses Jahrzehnts aber hauptsächlich durch die Erfindung seiner Buddha Machine bekannt, einer technisch aufs Allernotwendigste reduzierten zigarettenschachtelgroßen Plastikloopmaschine. Mit mehreren dieser Maschinen ist es möglich, mehrere Loops mit- und gegeneinander laufen zu lassen. Mit diesem seinem ersten Soloalbum tut Virant im Prinzip genau das. Er komponiert neun Tracks mit “westlich” und “östlich” anmutenden dronigen und ambienten elektronischen Sounds und Loops, die immer äußerst entspannt klingen und mal mehr und mal weniger am New Age vorbei schrammen.
http://www.fm3buddhamachine.com/v2
asb
Dominic Cramp war nicht nur für die besonderen (Keyboard-) Sounds auf Carla Bozulichs/Evangelistas “In Animal Tongue” verantwortlich, er bietet zudem mit seinem Label Gigante Sound Bands und Projekten wie Blanketship, Vulcanus 68, Beaks Plinth und Borful Tang eine Plattform für ihren ganz eigenen Kosmos zwischen Plunderphonics, Kraut, Esoterik und Fieldrecordings. Als Lord Tang fügt er dem sympathisch verschwurbelten Firmenklangkosmos noch eine Portion Dub hinzu. Dabei geht es allerdings weniger um jamaikanische Offbeats als vielmehr um dicke Bässe und kathedralenförmige Hallräume, denen er noch jede Menge geheimnisvolle Sprachschnipsel beimischt und der Musik obendrein eine angenehm dunkle und geheimnisvolle Atmosphäre verpasst. Sein Dub klingt dabei keineswegs retro, seine musikalischen und produktionstechnischen Einflüsse und Mittel liegen nämlich eindeutig mehr in der modernen elektronischen Bassmusik als bei den westindischen Altmeistern Lee Perry oder King Tubby.
asb
Der Saxofonist Colin Stetson hat bei Roscoe Mitchell und Henry Threadgill studiert, war mit Arcade Fire und dem Belle Orchestra auf Tour, mit Tom Waits, Recloose, Anthony Braxton, Bon Iver und Laurie Anderson im Studio und hat mit Mats Gustafsson, Fred Frith und Peter Kowald musiziert. Das sollte eigentlich für ein normales Musikerleben reichen. Colin Stetson nimmt aber ganz nebenbei noch Soloalben auf. So erscheint bereits jetzt der dritte Teil seiner “New History Warfare”-Reihe. Bon Ivers Justin Vernon steuert zwar bei einigen Tracks Gesang bei, das Hauptaugenmerk liegt aber auf Stetsons Alt-, Tenor- und vor allem Basssaxofonspiel bei gleichzeitigem Gesang. Repetitiv, mäandernd und kraftvoll treibend ist sein Spiel, Zirkularatmung macht dabei jegliche Loops überflüssig, Überblastechnik ersetzt mühelos jeden Verzerrer und die Instrumentenklappen funktionieren als Perkussionselemente. Produziert wurde das Album von Ben Frost, der seine Ambient-, Noise- und Droneexperimente auf Bedroom Community und Room40 veröffentlicht hat und anscheinend genau die richtige Wahl war.
http://www.cstrecords.com
asb
Burnt Friedman spielt auf dem nunmehr fünften Teil der Secret Rhythms Gitarre, Monochord, Kalimba, den Rest der Instrumente übernehmen die Gitarristen Joseph Suchy (Ekkehard Ehlers, FX Randomiz) und Tim Motzer (King Britt, Jamaladeen Tacuma), Bassist Daniel Schröter (Nu Dub Players), Sänger Daniel Dodd-Ellis und Flötist Hayden Chisholm (Markus Schmickler, Zeitkratzer). Nicht nur mixtechnisch ganz eindeutig im Mittelpunkt der Aufnahmen steht allerdings Jaki Liebezeits Schlagzeug. Sein elegantes und straightes Spiel schiebt die stets ein wenig “ethnisch” klingenden Tracks trotz all der “krummen” Beats jenseits des Viervierteltaktes fordernd und treibend nach vorn. Dabei ist die Musik insgesamt recht ruhig und entspannt, ja gelassen gehalten. Es gibt keine Soli, der wenige Gesang ist ausschließlich vokalisierend eingesetzt. Dadurch drängt sich kein musikalisches Element in den Vordergrund, so dass die Tracks irgendwie “untermalend” und eher für den Background gemacht erscheinen.
http://www.nonplace.de
asb
Mit “Aneira” (walisisch für Schnee) veröffentlicht der kanadische Multiinstrumentalist Aidan Baker einen 48-Minuten-Ambient/Postrock-Track für das italienische Glacial-Movements-Imprint. Bekannt auch durch seine Kollaborationen mit Tim Hecker und dem zeitgenössischen Klassik-Ensemble The Penderecki Quartet, entlehnt Baker die Idee hinter “Aneira” der Robert Fripp’schen Soundästhetik auf dessen “Frippertronics” und erweitert diese. Die durch Effektgeräte modulierte, und mit unterschiedlichen Techniken gespielte 12-String-Gitarre wirkt wie unter meterhohen Schnee, direkt auf die gefrorene Erde geschoben. Lange, sich umschlingende Harmoniebögen und eine sich behutsam aufbauende Dramaturgie lassen das Stück beben und schlussendlich zum Brodeln bringen, die Schneedecke schmilzt und die erkaltete Erde erwärmt sich. Selten wurde der Übergang zwischen Winter und Frühling so dringlich nachempfunden, dieser kleine Moment, in dem das Leben nach langem Warten wieder von unten durch den Boden bricht. Baker hat in den letzten Jahren auch mehrere Poesiebücher geschrieben. Das ist mehr als deutlich zu spüren.
http://www.glacialmovements.com
raabenstein
Die Liste der Projekte, an denen Richard Eigner und Roman Gerold aka Ritornell beteiligt waren und sind, ist ellenlang, bei Flying Lotus, Dimlite, Andreya Triana und vielen anderen haben die Musiker ihre Spuren gelegt. Nun folgt das zweite Studioalbum “Aquarium Eyes” auf Karaoke Kalk, ein frühlingsfrischer, warmer Gruß, und wieder drehen die beiden Österreicher auf erstaunlich einfache, aber umsomehr effektive Weise ihre Regler an der vielerorts sehr geschundenen Schnittstelle zwischen akustischer Musik und Elektronik mit gelegentlichen Zügen in den Jazz. Es gibt wenige Projekte, die ein subtiles Knistern so punktgenau gegen Klavier, Kontrabass oder Vibrafon setzen können und darüberhinaus, gerade auch im Weglassen ihrer musikalischen Textur einen äußerst individuellen Freiraum gestatten. Hinzu kommt, dass ein derart feines Multi-Genre-Gespinst gerne von allzu emotionalisierten Vokalisten ordentlich durcheinandergezupft werden kann, nicht aber so in diesem Fall. Die Wienerin Mimu umrundet die hier gesponnenen feinen Fäden mit dezenter Finesse in ihrer Gesangsakrobatik. Wenn man dann noch eine so exquisit gelungene Coverversion des Roxy Music Klassikers “In Every Dreamhole A Heartache” obendrauflegt, lacht die Sonne und der Mensch freut sich.
http://www.karaokekalk.de
raabenstein
Ein weiteres Artist-geführtes Label kommt auf den Markt, King Tree, auf dem der Multiinstrumentalist, Producer und Komponist Ryan Teague seine Werke veröffentlicht, bisher auf Type, Sonic Pieces und Miasmah zu hören. Sein Imprint startet der Brite mit einer schlicht “Four Piano Studies” genannten EP, diesmal nicht von eigener Hand sondern von der Pianistin Semra Kurutac (Piano Circus) eingespielt. Seine gewohnt brillanten, elektro-akustischen Minimalismen sucht man ebenfalls vergebens, der Meister zieht hier seine Inspirationen aus Impressionismus und Romantik und verbleibt ohne technische Wirbeleien rein beim Instrument. Teague wäre nun aber nicht Teague, gelänge es ihm nicht in seiner ungebremsten Experimentierfreude auf diesem eher etwas müffeligem Musikacker vier wunderbar poetische und zeitgenössisch duftende Rosen zu züchten.
raabenstein