PostScript ist eine Seitenbeschreibungssprache, die außer den Profis in den Druckereien, Grafikstudios und Belichtungsbüros eigentlich niemand kennt. Muss ja auch gar nicht. Denn als Bibliophile und geschmacksbegabte ZeitungsleserInnen interessiert uns vor allem, wie gut die Drucksachen aussehen und ob sie angenehm lesbar sind. Die Ausstellung ”Postscript – Zur Form von Schrift heute. A / CH / D” in Wien, zu welcher der Reader entstanden ist, hat jedoch auch die Hintergründe im Visier, allen voran das Plattform-unabhängigen Tool PostScript, welches Mitte der 1980er Jahre die Produktionsmittel der Schriftgestaltung demokratisierte. Im Reader verankern vier fundierte Essasy über die Geschichte der Schriften bis hin zu den Gestaltern der ”Post-PostScript-Generation” das weite Feld der Typografie fest im wissenschaftlichen Boden. Im daran anschließenden zweiten Teil werden in Blindtexten, Entwurfszeichnungen und Anwendungsbeispielen so unterschiedliche Schriften wie eBoys grobpixelige Icon-Schrift ”FF Peecol”, der Cover-Schriftzug des Wallpaper-Magazins und die Typo der Kampagne zum neuen MINI-Cooper vorgestellt. Nicht zu glauben, wie detailliert eine solche Schrift ausgearbeitet werden muss und wie unterschiedlich die Herangehensweisen sind. War PostScript die zweite Revolution nach Gutenberg, wie der Reader behauptet? Vielleicht geht es bei der Schriftgestaltung ein wenig mehr um Optik, als darum, heiligen Text und Gebetsbücher in die Welt zu tragen. Aber die Lektüre dieses Readers macht deutlich, wie variantenreich Schrift ist – und dass sie selbst auch ein bisschen anbetungswürdig ist. Denn schlichtes ”form follows function” gilt so einfach nicht mehr. Form follows itself – und in diesem Reader mit dem größten Vergnügen. 35 Euro

arne

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