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20.10.2005 | 17:14
 
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Michel Houellebecq – Die Möglichkeit einer Insel (DuMont )


Houellebecq hat einen Science-Fiction geschrieben, jedenfalls formal gesehen. Aber es tut sich nicht viel in der Zukunft. Deshalb bestehen gut achtzig Prozent des Romans aus Rückblenden an den Beginn des 21. Jahrhunderts. Berichtet wird ein Ursprungmythos, die Gründung einer Sekte. Der Kult ist den klon-gläubigen Raelianern nachempfunden, deren Treffen Houellebecq gelegentlich besuchte. Er wird dort in etwa in der Position zugegen gewesen sein, die er nun seinem Hauptdarsteller zuweist, als mehr oder weniger zynischer Beobachter. Die Sekte lässt den Helden gleichgültig, sein Urteil über die Begegnungen fällt milde aus. Wirklich engagiert wird er wie in Houellebecqs Romanen üblich nur dann, wenn es um Sex geht. Sex ist zentrales Motiv und zentrale Motivation der Handlung. Nur die Zukunft muss darauf verzichten. Denn die Pläne der Klon-Sekte gehen in Erfüllung. Gegen Ende des 3. Jahrtausends ist die radioaktiv versuchte Erde von isoliert lebenden Klon-Menschen und umherstreunenden Horden Wilder bevölkert.
Die Helden des Romans heissen allesamt Daniel. Daniel 24 und 25 sind Klone des Daniel 1, der am Beginn des 21. Jahrhunderts lebt. Die geklonten Nachfahren haben die Aufgabe, die Schriften der Kirchenväter immer neu zu kommentieren. Daniel 1 wird ohne tiefere Absicht zum Zeugen der Religionsgründung. Er kann sich für die Sache nicht wirklich begeistern, aber er verachtet die Ideologen der Sekt nicht in dem Maß wie den Rest des Lebens. Nr.1 ist ein alternder Komiker, dessen Witze über Moslems und Frauen nicht mehr zünden. Nur im Sex findet er noch ein temporäres Glück, fürchtet sich aber davor, bald mangels eigener Attraktivität ganz darauf verzichten zu müssen. Die sexlose Zukunft seiner Nachfahren ist keine Lösung, sondern nur ein Gedankenspiel. Als visionär kann man den Entwurf Houellebecqs ohnehin kaum bezeichnen. Dazu sind die Szenarien einer geklonten postatomaren Gesellschaft viel zu abgedroschen. Aber um die Zukunft geht es nicht wirklich. Der Roman interessiert sich für die Gegenwart.
Ende Juni veröffentlichten einige Literaten in der Zeit ein Manifest. Sie forderten einen „relevanten Realismus“, dessen vorrangige Aufgaben die „beständige Sichtung unserer Welt und das Ringen um neue Utopie“ sein soll. Vergleichbare Mühen um Realismus kann Houellebecq sich sparen. Sein Romane stehen zur Gegenwart in einem anderen Verhältnis als die meisten der jüngeren deutschen Texte. Sein Helden ist keine Hauptpersonen im klassischen Sinn. Die Geschichte zentriert sich nicht um die Entfaltung eines persönlichen Dramas. Viel eher ist die Figur ein wenig ziellos in einer Welt unterwegs, die nur deshalb so gegenwärtig wirken kann, weil sie nicht der Entwicklung einer Person zu dienen hat. Viel mehr als Sex will der Held nicht, den Rest lässt er interesselos an sich vorbeiziehen. Damit kehrt sich das sonst geläufige Verhältnis von Umwelt und Held um. Die Welt muss nicht in ein Leben verdichtet werden, weil sich das Leben desinteressiert in der Welt zerstreut. EUR 24,90


stefan

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