In “Die heiligen Kanäle” geht es um die Geschichte der Kommunikation, allerdings nicht um eine Geschichte der technischen Gegenstände, sondern um eine Geschichte des Diskurses, der Kommunikation um 1900 prägt. Man hat hier eine beeindruckende Studie in den Händen, der es gelingt, den wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund einer technischen Medientheorie, also dessen, was man mal Kittlerschule genannt hat, zusammenzufassen – und was da an Diskursen rauscht, das ist eine beachtliche Menge. Mehrere Linien treibt Hörl dafür (oft an der Hand von Heidegger) quer durch die Philosophiegeschichte aufeinander: Es beginnt damit, dass in Mathematik das Operieren mit Symbolen sich immer weniger auf das Anschauliche bezieht, bis schließlich das Operieren mit Symbolen an die Stelle des exakten Wissens gerückt ist. Die Verschiebung des mathematischen Fokus, der Wissen mehr und mehr von einer Beziehung der Symbole ableitet, als von ihrer Existenz, findet sich in anthropologischen Studien über das vor-logische Denken der Primitiven wieder. Diese Umgewichtung auf das Operieren wird als “Krise des Denkens” markiert, als deren Effekt das Symbol in neuem Interesse erscheint. Der Glaube an eigene klare Kategorien war ins Wanken geraten. Eine Logik der Beziehungen, Partizipation und deshalb auch der Kommunikation gerät so in den Fokus, wird von verschiedenen Theoretikern wie Georges Bataille oder Gaston Bachelard neu durchdacht, eine Logik, die sich jedoch immer ins Mystische entzieht. Erst – und das ist der Schluss dieses Buches – durch die mathematische Theorie der Kommunikation wird diese Logik von Claude Shannon wieder entheiligt werden. Eine umfassende Studie, ein massives Buch. EUR 29,90
http://diaphanes.de/
mercedes

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