Im Windschatten von Actress: Das neue Album von Lukid zieht seine Intensität aus den leisen, spröden Tönen. Introspektiver Freistil in Zeiten der unendlichen Möglichkeiten. 2007 hieß es hier noch über Lukids erstes Album: “Wahnsinnig junger Typ mit großer Zukunft.” Und dann war es das mit Luke Blair, zumindest in diesem Heft. Was war da noch? Der in London lebende Produzent war immer schon experimentierfreudig, auf seinem ersten Album hatte er den Glitch als Ausgangspunkt und oberste Maxime schon perfektioniert, auf “Forma” von 2009 wurde sein Sound düsterer, die Rhythmen gebrochener. Maßgebend war immer der Beat – als Struktur, als Erkennungsmerkmal und Wegweiser, für ihn und die Hörer. Jeder braucht einen roten Faden, um sich nicht in seiner eigenen Musik zu verlieren bei all diesen Möglichkeiten. Für Lukid waren es eben die abstrakten HipHop-Beats, die ihn irgendwie auf der Stelle gehalten haben. Jetzt hat er sich davon frei gemacht. Irgendwo ist er in den letzten Jahren offensichtlich abgebogen, hat sich von anderen Producern aus seinem Dunstkreis verabschiedet und sich einsam durch eine Wildnis der eigenen Soundvorstellungen geschlagen. Einen kleinen Berg hinauf, einen, der neben vielen anderen steht, die gut bevölkert sind. Lukid steht nicht auf dem höchsten Berg, aber zumindest alleine. Einen Gipfel höher thront Actress. Ihre Musik ist sich sehr ähnlich, der Unterschied: Darren Cunningham richtet seinen stählernen Blick nach oben, holt die Sterne vom Himmel. Lukid schaut auf seine Schuhe. “Wie bin ich hier her gekommen?” Blair hat den Freigeist in sich aktiviert. Keine Regeln, keine Genres, keine überdeutlichen kontemporären Referenzen, außer den großen geistesverwandten Eigenbrötlern. Einzige Richtlinie: Es muss gut klingen, das ist so schwammig wie präzise zugleich. Um den eigenen Sound zu finden, muss man sich selbst gut genug kennen. “Lonely At The Top” liefert uns in diesem Sinn ein eher trauriges Bild von Lukid: spröde, minimalistisch, mit kleinen Ausbrüchen und leisen, zerbrechlichen Melodien; die Beats, die oft auch ausbleiben, sind meist runtergestrippt auf karge, verrauschte Skelette, befreit vom Subbass-Diktat. Der Opener “Bless My Heart” könnte mit seinem ausgeleierten Loop und den vor Downpitching stöhnenden Stimmen auch von Hype Williams sein. Deren amateurhaften Analog-Gestus, der auf der Platte immer wieder aufblitzt, hat Lukid zwar bestimmt in Detailarbeit am Rechner reproduziert, das spielt aber keine Rolle, denn ihm geht es nicht um LoFi-Romantik. Das anschließende “Manchester” zeigt uns so auch gleich die kälteste Schulter der Platte, monoton und minimal. Der Titeltrack und “This Dog Can Swim” versprühen dann doch etwas von diesem Actress’schen Sternenstaub, nur viel bedeckter. Lukid gibt hier den leidenschaftlich-schüchternen Visionär, und das ist sehr sympatisch. Auch bei “Snow Theme”, wo lediglich eine kleine Melodie vor sich hinpluckert – maximale Ausdrucksstärke in minimalstem Arrangement. So melodiös beginnt auch “USSR”, das schönste Beispiel von Lukids Bassmusik-Minimalismus. Vielleicht hat sich Blair noch nicht ganz selbst gefunden, aber der beeindruckende Freistil von “Lonely At The Top” gibt die exakte Richtung vor: in höchste Höhen.
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MD

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Elektronische Lebensaspekte.

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