Während seiner Zeit in Forst, als er mit Cluster-Partner Dieter Moebius und Michael Rother als Harmonia in den Siebzigern das Landkommunenleben erprobte, nahm Hans-Joachim Roedelius in seiner freien Zeit eifrig Skizzen auf, klingende Tagebücher, die jenseits des Studios an der Farfisa-Orgel entstanden. “Sanfte Musik” nannte Roedelius sein erstes Selbstporträt, womit er die Sache ziemlich genau getroffen hat. Entstanden sind Lo-Fi-Miniaturen, die von kurzen Einfällen getragen werden, flüchtig und etwas melancholisch, aber stets zugänglich. Auf dem zweiten Selbstporträt, “Freundliche Musik”, geht Roedelius abwechslungsreicher vor, baut auch mal längere Field Recordings in seine Stücke ein und bewegt sich stärker in Richtung Ambient, wobei ihm diese befreit schwebenden, scheinbar verklimperten Melodien irgendwie einfach so zufliegen. Das hört man auf “Geschenk des Augenblicks” sogar noch stärker. Statt Elektronik dominieren hier akustische Gerätschaften wie Klavier, Cello und Geige, auch wenn ein gelegentlicher Synthesizer schon mal die eine oder andere Fläche beisteuern darf. Mit diesem 1984 entstandenen Album könnte man, wenn man wollte, die nicht immer glücklich geführte “Klassik meets Elektronik”-Debatte ein wenig umkrempeln. Denn hier gehen freie Improvisation, Elektronik und Akustik sowie Autodidaxie und akademisch geschultes Musizieren eine völlig selbstverständliche Allianz ein, lange vor heutigen Marketing-Bemühungen um ein Zusammenwachsen vermeintlich fremder Welten. Roedelius-Romantik in Perfektion.
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tcb

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