Mit nahezu endloser Akribie haben wir in den letzten Jahren die Oldschool-House-Schwemme in allen Nuancen durchlebt. Bis in die feinsten Details durchdenkliniert was “deep” nun bedeutet und dabei so viele Sounds bei ihrer Wiederauferstehung beobachtet, dass man manchmal schon kaum noch weiß, ob sie überhaupt noch ein Zitat oder längst das hundertste recyclen von etwas sind, das irgendwie bekannt wirkt. Immer jedoch war die Deepness an Oldschool so fest gekoppelt, dass ohne sie kaum etwas ging. Eins haben wir dabei vergessen. Den Blick auf die großen Verschiebungen. Und genau das kommt auf “X” in den Blick. Die 13 Tracks der Compilation rings um die Posse von Sishi Rösch sind wirklich extrem monströs. Jeder Track ein Slammer, alle auf diesem eigentwilligen Oldschooltrip am Rand von Acid und Elektro der allerersten Zeit, immer bereit, mal die Breaks unverschämter zu rocken, die Vocals so sehr zu übertreiben, dass man sofort ein Blockparty-Revival fordern möchte, und selbst wenn es mal langsamer wird wie z.B. auf “Senoritas Looking For Kicks”, dann sind die Tracks immer noch voller Rundumerneuerungspathos, das Oldschool zum allerbesten Sleazypartyhymnensound machen möchte, den es geben kann. Selten so viel überbordene Hallräume auf Snares gehört, schon lange nicht mehr so unverschämt in den Vordergrund gedrängelte Basslines, so dichte Saucen aus Funk, Claps und überzogenen Melodien wie auf diesen Tracks. Und irgendwie scheint immer auch nicht nur diese triefend überfettete Machoattitude einer Party mit zuviel Eiern durch, sondern der Wahnsinn des Überzogenen, der Mut, alles ganz aufzudrehen und mit den dreistesten Vocals, den skurrilsten Breakbeatstunts und einer völligen Ignoranz die Trennung von HipHop und elektronischer Musik in den letzten 20 Jahren überhaupt nur wahrzunehmen. Erinnert ihr euch noch an Hip-House? Einen ähnlichen Schritt der Fusion geht diese Compilation. Allerdings mit so verfeinerten Schnittstellen, mit einem Ansatz der nicht versucht Genres aufeinander zu kleben, sondern einer Verschmelzung die bis in die tiefen aller Elemente geht. Dieser Sound macht im Umfeld von Sishi Rösch – der mittlerweile in Barcelona gelandet ist – auf Digital Delight oder Sultry Vibes, schon seit einer Weile Schule. Und immer geht es um eine Suche nach dem Wahnsinn in der Musik. Langsamer auf Sultry Vibes, gelegentlich mit dem Holzhammer bei Digital Delight. Sie selbst wollen alles sein. Disco, Techno, House, Acid, Dub und wir würden noch ein paar hinzufügen. Und die wahre Kunst der Compilation mit Acts aus England, Brazilien, Mexico und Spanien liegt darin, über die Zeit aus diesem gefühlten Mischmasch eine solche Stilsicherheit entwickelt zu haben, dass man es wieder als einen Sound hört, der für sich stilprägend sein sollte und den überdrehten Spass in einen Welt von House zurückbringt, die gelegentlich bei aller Nachdenklichkeit und dem Willen noch deeper zu sein, vergisst, dass eine wirklich perfekte Party eben auch diese Momente der Albernheit braucht. Und das bitte nicht nur in gelegentlichen Disco-Klassikern.
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bleed

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