Christian Blumberg: Und, wie wars?

Andreas Busche: Also wenn man zunächst nur den Wettbewerb anschaut: Der war schon sehr durchwachsen, zumal ich im letzten Jahr das Gefühl hatte, dass es qualitativ aufwärts ging. Die Berlinale ist ja ein Festival, das Entdeckungen machen will, deshalb war ich enttäuscht, dass bei mir am Ende doch die Filme hängen geblieben sind, von denen ich das auch vorher schon erwartet hatte.

CB: Ist das deines Erachtens ein Problem der Filme, oder eines der Programmierung?

AB: Das geht glaube ich bei der Programmierung los. Es gab so eine Blockbildung mit vier deutschen und drei chinesischen Filmen. Da wurde der Fokus also auf bestimmte nationale Kinematografien gelegt. Ich weiß aber gar nicht, ob diese Filme selbst ihren Platz im Wettbewerb rechtfertigen konnten. Zum Beispiel der deutsche Beitrag von Feo Aldag, “Zwischen Welten”. Ein Drama um einen deutschen Soldaten in Afghanistan. Wenn man da als Referenz zum Beispiel Kathryn Bigelows ‘The Hurt Locker’ daneben legt, der ja ein ähnliches Thema hat, dann kann ein Film wie ‘Zwischen Welten’ in keiner Weise mithalten: Weder in der Figurenzeichnung, noch in der Darstellung eines Kriegs und erst recht nicht als Actionkino. Da ist man dann wieder ganz schnell bei der Frage nach der Rolle des politischen Films auf einer Berlinale, bzw. was das Komitee, das den Wettbewerb programmiert, sich darunter eigentlich vorstellt.

CB: Deswegen fand ich den Eröffnungsfilm – Wes Andersons ‘The Grand Budapest Hotel’ – sehr gut gewählt. Anderson hat eine ganz eigene Welt geschaffen, man wurde also gleich in so eine Kino-Fiktion gesogen. Ein schöner Start für ein Festival, das sich tendenziell eher für Realitäten als für Fiktionen interessiert. Diese Anderson-Welt, deren Zentrum eben ein Grand Hotel in einem fiktiven Zwergenstaat Osteuropas ist, ist ganz nah an europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts gebaut, also doch wieder Realität. Wie unglaublich kleinteilig und phantasievoll das möbliert ist, ist wohl die größte Leistung des Films. Zugleich erinnert mich dieses Phantasievolle bei Anderson immer an so wertiges Retro-Blechspielzeug, dass man wahrscheinlich bei Manufaktum kaufen kann. “The Grand Budapest Hotel” ist mir beinahe zu ausgeklügelt, das schlägt sich massiv auf den Charme aus. Das Anderson der Charme der frühen Tage etwas abhanden gekommen ist, hat in erster Linie aber wohl damit zu tun, dass das eben nicht mehr der Charme des Outsiders ist, sondern der eines Regisseurs, der inzwischen nicht nur ‘grosse’ Filme macht, sondern auch Role Model ist.

AB: Ihm diese Rolle vorzuwerfen wäre aber unfair.

CB: Ja, total unfair. Aber sie ändert schon etwas. Dazu kommt – auch wenn das in so einer Anderson-Welt aus dem Blick gerät – dass der Film einen fast monumentalhistorischen Anspruch hat, der mich jedenfalls etwas irritiert hat. Trotzdem: Ein Film, in dem Willem Dafoe einen motorradfahrenden Killer in Lederjacke spielt, kann gar nicht ganz schlecht sein.

Anderson -Grand Budapest Hotel

AB: Apropos Auftragskiller. Yannis Economides hat dann mit “To Mikro Psari (Stratos)” im Wettbewerb noch mal einen ganz neuen Ton gesetzt.

CB: Eine Ballade in noir, ganz hoffnungslos, kalt auch, mit Vangelis Mourikis als Stratos: Ein Auftragskiller mit beeindruckend tiefhängenden Tränensäcken, als einer von vielen in die Jahre gekommenen Gangster. Der Film war bedrohlich langsam, doch neben der Gewalt bricht aus diesen Männern immer wieder die Sprache aus. Dieses obsessive Fluchen hatte für mich eine wahnsinnige Qualität. Das war nicht dieses coole “Scorsese-Wolf-Of-Wall-Street”-Dauerfluchen, sondern das glich hier eher kurzen Anflügen von Besessenheit, ganz toll.

AB: Economides ist ja eine Gründungsfigur dessen, was vor einigen Jahren überall als ‘Neues Griechisches Kino’ gefeiert wurde. Und er ist von diesen griechischen Regisseuren sicher der Temperamentvollste. Seine frühen Filme – insbesondere “Matchbox” – sind übrigens noch viel roher, auch in seiner Vulgärpoetik. “Stratos” war da schon eine ziemliche Verfeinerung. Was ich an “Stratos” so mochte war, wie der es schafft, als sperriges, misanthropisches Genrestück dennoch einen Realitätsbezug herzustellen. Der Film hat ja ein eigentlich sehr schlichtes Sujet: Der Auftragskiller eben. Und er ist auch völlig überzeichnet, schlägt aber den Bogen zwischen Film und Wirklichkeit trotzdem viel besser und eleganter als etwa jene Wettbewerbsbeiträge, die sich genau diesen Bogenschlag vornehmen, also etwa “Zwischen Welten”. Und das gilt ganz ähnlich auch für das Hollywoodkino im Wettbewerb, nämlich für Richard Linklaters “Boyhood”, der ja zunächst mal ganz klassisches Erzählkino ist, dem es gelingt, die Realität mit einzuholen.

CB: Weil “Boyhood” etwa 12 Jahre der Kindheit und Jugend eines Jungen erzählt, und der Film selbst auch über zwölf Jahre entstanden ist. Linklater hat mit gleichbleibendem Ensemble jedes Jahr ein paar Drehtage absolviert…

AB: …und die Figuren wachsen eben mit dem Film, genau.

CB: Und so ergibt sich am Ende ein Film, der ganz auf diese standardisierten Dramaturgien des Dreiakters verzichtet und zugleich ganz konventionell erzählt.

AB: Und genau so einem an sich konventionell erzählenden Film gelingt es dann aus meiner Sicht, den gesamten Wettbewerb zu retten. Ausgerechnet ein Film der Universal-Studios. Übrigens sagte ein Kollege noch während der abslaufenden Eröffnungstitel zu mir, dass er sich wahnsinnig über das Universal-Logo freue. Bei diesem global cross-finanzierten Festivalkino ist es heutzutage ja schon normal, dass im Vorspann unendlich viele Logos von internationalen Produktionsfirmen auftauchen. Die finanzieren sich über verschiedenste Fördertöpfe, worin ja sicher auch strukturelle Probleme für einen Film bestehen. Anhand von ‘Boyhood’ könnte man da ja fast polemisieren, dass ein Studiofilm mittlerweile in der Lage ist, den Auteur-Film zu retten.

CB: Abgesehen von “Boyhood” hatte Hollywood ja in erster Linie die Aufgabe, ein bisschen Glamour an den Potsdamer Platz zu bringen. George Clooneys ‘Monuments Men’ war als Film für den Wettbewerb völlig uninteressant, lief ja auch außer Konkurrenz, aber es ist eben wichtig, dass Clooney und Matt Damon auf der Pressekonferenz Polonaise tanzen und das Hyatt mal kurzzeitig gesperrt werden muss. Insofern ist es schon beachtlich, dass sich gerade auf den Linklater alle inhaltlich einigen konnten. Trotzdem finde ich es auch eine konsequente Jury-Entscheidung, Linklater am Ende eben nicht den Goldenen Bären zu verleihen.

AB: Aber Linklaters “Boyhood” erfüllt doch den Anspruch des Festivals. Es geht ja nicht nur um das Leben des Jungen und seiner Familie, sondern es ist auch ein Film über die USA, über dieses kleinstädtische Amerika und das Leben in den Südstaaten. Das ist ein ganz wesentlicher Teil dieses Films. Und wie der Linklater das erzählt, das ist nicht nur formal herausragend: Auch wie er den Pathos im Griff hat, großartig.

Linklater - Boyhood-nosocialmedia

CB: Ich wollte jetzt auch nicht ernsthaft über die Preisvergabe spekulieren, ich habe wirklich keine Ahnung wie das funktioniert. Obwohl… Dass Alain Resnais den Alfred Brauer-Preis bekommen hat, mit dem die Berlinale ein besonders innovatives Stück Filmkunst bedenkt – ich weiß nicht. Es tut mir wirklich weh, etwas Schlechtes über Alain Resnais zu sagen. Aber ‘Life Of Riley’ kam mir vor, wie ein zweiter Aufguss von Resnais-Ideen aus den frühen 90er Jahren, insbesondere von “Smoking / No Smoking”, nur in Form des Boulevard-Theaters.

AB: Das war ein schlimmer Schwank.

(Kurze Sprachlosigkeit)

CB: Wo wir doch bei Autoren und Spektakel waren, müssten wir jetzt natürlich noch über Lars von Trier sprechen…

AB: …der auf der Berlinale die Langfassung vom ersten Teil von “Nymphomaniac” gezeigt hat.

CB: Von Trier zeigt sich da endgültig als Clown, der völlig in seinem eigenen Kosmos bleibt und da auch partout nicht raus will. “Nymphomoaniac I” ist nicht nur voller filmischer Eigentzitate, sogar auf die wegen Antisemitismus verunglückte Pressekonferenz von Cannes wurde nochmal Bezug genommen. Insgesamt auf eine gute Art und Weise albern, vor allem wie der Sex so einen analogistischen, kulturellen Gegenschuss bekommt: Wenn Charlotte Gainsbourg von ihren nymphomanischen Erlebnisse erzählt, findet ihr Gegenüber in der Rahmenhandlung immer eine Entsprechung in der Hochkultur: im Goldenen Schnitt, in der Harmonielehre, bei Marcel Proust. “Nymphomaniac I” ist eigentlich eine Sammlung von Kalauern für Leute mit Abitur.

AB: Aber auch ein Stück weit Genrearbeit, hier wird sich eben der Porno vorgenommen. Deshalb habe ich auch etwas Sorge, wie die kurze Fassung des Films aussieht, die jetzt in die Kinos kommt – denn es heißt ja, dass viele von den ganz expliziten Einstellungen fehlen. Die pornografischen Bilder sind aber kein Überschuss, sondern die Essenz des Films, weil die eben auch den Modus des ganzen Films ausmachen….

CB: …alles und immerzu zeigen…

AB: …und auf der anderen Seite wirkten Humor und Selbstironie des Films sehr befreiend. Und ich halte den Film auch nicht, wie von vielen befürchtet, für misogyn oder sexistisch. Zumindest bis jetzt, wir kennen ja den zweiten Teil noch nicht.

CB: Vielleicht täuscht der Humor aber auch über den Sexismus hinweg? Ach, vielleicht ist das aber auch die ganz falsche Kategorie, um sich “Nymphomaniac” zu nähern, weil ich nicht glaube, dass der Film sich wirklich an einer Diskussion über Geschlechter beteiligt. Der Diskurs ist hier sozusagen Lars von Trier selbst.

AB: Aber ein Vorwurf an ihm lautete ja immer, er würde seine Protagonistinnen missbrauchen oder, noch schlimmer: sie geradezu schänden. Und das löst der Film sehr gut auf – über die erneute Besetzung von Charlotte Gainsbourg, die ja durch ihre bisherige Rollenwahl für eine ganz bestimmte Frauenfigur steht, und die hier als Bruch funktioniert. Wie auch über die Selbstironie. Mich hat “Nymphomaniac” darin bestätigt, dass auch “Melancholia” schon als Komödie angelegt war.

CB: Ich bin dem Pathos von “Melancholia” seinerzeit komplett auf den Leim gegangen. Das liegt vermutlich an Wagner. Aber bleiben wir beim Humor. Davon gab es nämlich auch abseits des offiziellen Wettbewerbs erstaunlich viel – und zwar besonders im Forum, der Sektion, von dem man größte Ernsthaftigkeit erwartet. Ich denke zum Beispiel an den gemeinhin sehr strengen Horst Emigholz. In “The Airstrip. Aufbruch der Moderne, Teil III” entspannt sich eine ganz und gar nicht lustige Erzählung, die von modernistischer Architektur bis zur Atombombe reicht. Bebildert wird das vornehmlich von ‘Tableux Vivants’, bis dann – und das war für mich der sensationellste Moment des Festivals – der Film nach vielleicht einer knappen Stunde kurzzeitig völlig wegkippt. Emigholz zeigt da gerade eine Lagerhalle in Montevideo, dann kommt Musik, und dazu fliegen dann auf einmal riesige Koteletts und Steaks durchs Bild…

Emigholz - The Airstrip

AB: Die Bilder dieser Koteletts hat Emigholz übrigens aus Postwurfsendungen ausgeschnitten, wie man sie oft von Supermärkten bekommt… Oder, noch ein anderes Beispiel aus dem Forum: “The Second Game” von Corneliu Porumboiu.

CB: Auch ein Film mit formalem Korsett. Porumboiu zeigt den kompletten VHS-Rip eines Fußballspiels von 1988. Ausgetragen im Schneechaos zwischen den beiden großen Mannschaften aus Bukarest: Dinamo und Steaua. Auf der Tonspur bespricht Porumboiu das Spiel mit seinem Vater, der damals als Schiedsrichter auch auf dem Platz war. Das hat dann zunächst eine politische Dimension, weil der eine Verein der rumänischen Geheimpolizei nahestand, der andere aber dem Militär. Um den Vater zu zitieren: Es spielte Kommunismus gegen Kommunismus.

AB: Es ist aber eben nicht nur ein politischer Essay. Es wird sogar noch ein ziemlich guter Fußball-Film. Es entwickelt, gerade wenn man die miserablen Platzbedingungen berücksichtig, ein wirklich gutes Fußballspiel, man gerät da als Zuschauer dann auch immer mehr in das Spiel hinein. Ich habe Porumboiu dazu interviewt, und ihm selbst ging das auch so: Er wollte ursprünglich vor allem über Politik sprechen, ging dann aber zunehmend im Spiel selbst auf.

CB: Die beiden besprechen dann auch die Geschehnisse auf dem Platz anstelle der historisch-politischen Umstände. Es ist dann die dringendere Frage, warum der Vater ständig Vorteil laufen ließ…

AB: Der Vater spielt die Politik zu Beginn auch runter und bemerkt immer wieder: “It was just another game in the snow”. Und so entwickelt sich eben auch noch eine Vater-Sohn-Dynamik. Es gibt also Politik, Fußball und Familie, und dabei ist es stellenweise auch wirklich lustig. Wenn die beiden sich anzicken. Oder wenn Porumboiu in einer schwächeren Spielphase über den VHS-Rip bemerkt: “Das sieht aus wie einer meiner Filme, es ist lang und nichts passiert.”

CB: Ich möchte zum Schluss noch auf einen deutschen Film kommen, auch lustig, auch politisch, auch im Forum…

AB: “Ich Will Mich nicht Künstlich Aufregen” von Max Linz?

CB: Genau…Ein Hauch von Revolution! Gleichzeitig eine Farce, ganz in der Tradition eines deutschen, formal steifen ‘Gegenkinos’, auf das hier auch explizit Bezug genommen wurde. Das reichte von Alexander Kluge (ein Quasi-Reenactment von dessen ‘Die Patriotin’: Hannelore Hoger trifft bei einer öffentlichen Veranstaltung Joachim Gauck, der natürlich nicht weiß, dass er in einem FiIm ist), bis zu Christoph Schlingensief. Angesiedelt im irgendwie post-linken Kulturbetrieb Berlins (Kuratorinnen, Filmwissenschaftler, KünstlerInnen) werden den Protagonisten hier, very Pollesch, Versatzstücke aus der (Film-)Theorie in den Mund gelegt und zugleich verdreht. Das war ja auch der erklärte Anspruch vom Berliner Regisseur Max Linz: die Theorie zurück in die Sphäre der Produktion zurück zu holen. Ein total heikles Unterfangen, was aber in diesem Modus der Komik doch überraschend gut funktioniert hat, oder?

linz

AB: Ja, da haben sich Anspruch und Form wirklich gedeckt. Und das war auf eine extrem kluge Weise lustig, ohne dass dieser Anspruch auf die Theorie zu penetrant wurde. Denn wenn jemand sein Wissen so zur Schau stellt wie Linz, dann wird es ja schnell selbstgenügsam. Das hat Linz auf ganz lässige Weise umgangen, genauso wie er es geschafft hat, die historischen Formen des politischen Kinos wieder verfügbar zu machen. Trotzdem bleibt da für mich auch so eine Restproblematik, weil dieses Aufrufen von Filmgeschichte in Teilen natürlich rückwärtsgewandt ist. Andererseits ist ja genau das auch Linz’ erklärtes Programm, wenn es im Film etwa um den Umgang mit Archiven geht. Gleichzeitig hinterlässt dieser Retro-Formalismus auch einen leicht faden Beigeschmack, selbst wenn er permanent ironisch gebrochen wird.

CB: Das geht mir auch so, aber vielleicht hat man auch zu sehr verinnerlicht, dass man einen Film wie “Ich Will Mich Nicht Künstlich Aufregen” irgendwie reflexartig zu studentisch findet. Aber genau das will der Film ja: geballtes Wissen aufsaugen, damit aber auch arbeiten. Dem vorzuwerfen: ‘Du weißt zuviel” ist dann doch kein adäquater Vorwurf mehr. Es ist auch für die Berlinale wichtig, dass wenigstens ein Film gezeigt wird, der sich explizit gegen den Staus Quo der deutschen Kulturproduktion wendet. Wo sich ein junger Regisseur beim Q&A und in Anwesenheit von Uschi Glas hinsetzt und gegen die Filmwirtschaft ledert.

AB: Absolut. Ich habe eigentlich auch überhaupt keine Lust, etwas gegen “Ich Will Mich Nicht Künstlich Aufregen” zu sagen, der Film war definitiv eines meiner persönlichen Festival-Highlights. Max Linz ist meines Erachtens auch gar nicht so sehr der upcoming Filmemacher. Der nimmt sich einfach raus, film- bzw. kulturpolitisch zu kommentieren und diagnostiziert dabei auch noch treffsicher. Und er ist formal so offen, dass er auch ans Theater gehen könnte und anschließend eine Videoarbeit macht. Von dem werden wir in den kommenden Jahren sicher noch einiges zu hören kriegen. Und das vollkommen zu recht.

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