Wer DeLillo verfilmt, muss auch Stretchlimo fahren

Wenn ein neuer Cronenberg kommt, werden alle kurz ganz hibbelig. Cosmopolis ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Don DeLillo. Dass ausgerechnet der bis dato als tagtraumkompatibler Kuschelvampir geächtete Robert Pattinson die Hauptrolle übernommen hat, ist vorab allerorten mit hörbaren Verwunderungslauten quittiert worden. Nach der Premiere in Cannes dämpfte das Gros der Festivalberichterstattung jedoch die Erwartungen. Der Tenor: “Cosmopolis” sei, wie unlängst schon Cronenbergs Psychoanalyse-Biopic “A Dangerous Method”, eine Enttäuschung. Kann das sein?
Von Christian Blumberg

Eric Packer (Robert Pattinson) braucht einen neuen Haarschnitt. Nun ist Eric Packer nicht irgendjemand, sondern ein milliardenschwerer, vielleicht 28-jähriger Finanztyp. In seinem Büro hat er zwei Fahrstühle, für jede Stimmung einen (im ersten läuft Islamic Rap, im zweiten Erik Satie auf halber Geschwindigkeit). Vor allem aber verfügt Pecker über eine voll verpanzerte Stretchlimo, in der er seine Geschäfte abwickelt. Kurz: Er ist ein unermesslich reicher und wichtiger Mann. Und weil der Friseur dieses Mannes sein Handwerk am anderen Ende von New York verrichtet, muss Pattinson/Packer in Cosmopolis einmal quer durch die Stadt. Dabei hatte man ihm von dieser Fahrt dringend abgeraten, denn NYCs Infrastruktur liegt an diesem Tag lahm: Schuld sind eine Art eskalierende “Occupy Wallstree”-Demo, ein Beerdigungszug für den verehrten Sufi-Rapper und die Kolonne des US-Präsidenten, der auch gerade irgendwo hin muss. Vor allem jedoch trachtet jemand Packer nach dem Leben, wie ihn sein mit sprachgesteuerter IT-Wumme bewaffneter Personenschützer wissen lässt. Pecker aber braucht einen Haarschnitt, also fährt er trotzdem.

Der Untergeher
Konzentriert zeigt Cosmopolis, wie die überlange Limousine im Schritttempo durch die 47. Straße gleitet. Auf der Fahrt wird Packer nicht nur seine Kleidung, sondern aufgrund einer (gezielten?) Fehlspekulation auch sein Vermögen verlieren. Natürlich ist das von Anfang an sein Plan: Er will diesen Kontrollverlust. Der Film protokolliert präzise und kontinuierlich Peckers vorsätzliche Untergangs-Fahrt. Packer steigt lediglich aus dem Wagen, um mit seiner (natürlich) bildschönen, ebenfalls überaus vermögenden Ehefrau zu besprechen, ob und wann man Sex haben wird. Doch der Großteil des Films spielt sich im Wagen ab: ein hermetischer Raum, ein Sarg, eine Vorstellung, ein einziger Packer-Kosmos.

Hier entwickelt sich nun eine formal äußerst reizvolle Choreographie zusteigender Personen und Begegnungen. Als eine der ersten steigt Juliette Binoche ein: Sie ist eine von Packers Geliebten und überdies ausgewiesene Kennerin des Kunstmarktes (Packer will die “Rothko Chapel” kaufen, auch so ein hermetischer Körper). Später der Leibarzt, der eine ausführliche Rektaluntersuchung durchführt und Packer eine asymmetrische Prostata attestiert. Desweiteren kommen und gehen: Mitarbeiter, Berater und vor allem: weitere Geliebte. Ja, es ist wieder viel Körper in diesem Cronenberg. Doch die somatischen Erfahrungen, die Cronenbergs frühere Protagonisten erleben und erleiden mussten, bleiben für Pecker ein unerfüllter Wunsch. Da kann er ficken und sich durch die Hand schießen so oft er will: Er spürt nicht viel.

Natürlich kennt man diese leeren Business- bzw. Yuppie-Figuren aus der amerikanischen Literatur seit Bret Easton Ellis. Tatsächlich wirken Cosmopolis und Pecker denn auch wie eine späte Appendix zu den Milleniums-Jahren im Allgemeinen und zur New Economy im Speziellen: 2012 platzen ja nicht nur die Blasen wieder besonders laut. Vielleicht hat Cronenberg deswegen jenen überholt geglaubten literarischen Typus (mitsamt seinem Hang zu offensiv allegorischen Handlungen) wieder ausgegraben, ihn gar noch radikalisiert. Dieses Update mag kein sonderlich origineller Zug sein. Zumindest ist es aber der Versuch, ein Statement zum aktuellen Zeitgeschehen abzugeben. Denn genau das will Cronenberg, davon zeugt etwa die hier verwurstete Tortenattacke auf Rupert Murdoch. Davon zeugt überhaupt diese ganze Gegenwart, die im Film hinter Heck- und Seitenscheiben der Limo oft und plakativ gezeigt wird. Und sicher, das wirkt etwas gewollt und durchsichtig. Aber geht deswegen gleich der ganze Film baden? Nö.

Der Sinn der Leere
Also zurück zu Packer: Alles was er hat (Macht, Geld, Kontrolle, Ehefrau) kann er nicht anfassen. Berühren kann er lediglich die unzähligen Touchscreens in der Limousine, auf denen er sein virtuelles Kapital herumschiebt. War Technik in Cronenbergs früheren Filmen oft ein Interface zum Körper (die Bodyplugs in “eXistenZ”, der Telepod in “The Fly”, die VHS-verschlingende Bauch-Vagina in “Videodrome”), so ist Technik in Cosmopolis nur noch eine (manchmal prophetische) Vermittlerin abstrakt gewordener Dinge. Dinge, die ihre Bedeutung endgültig verloren haben: Liebe, Politik, Kapital. Und wo nichts mehr ist, da ist auch die Rede darüber bloß noch Geschwätz. Geschwätzt wird – auch so ein Kino-Phänomen der 90er Jahre – in diesem Film unablässig: floskelhaft, aneinander vorbei und bisweilen hohl. Die Ausnahme bildet Samantha Morton, die in der Rolle von Peckers Cheftheoretikerin (sic!) auftritt. Während draußen ein antikapitalistischer Mob am Wagen rüttelt, erklärt sie Packer das Weltgeschehen und bringt so etwas wie Sinn in die Leere der Limousine. Sinn, der in diesem Film fast störend wirkt: Das Geld hätte seine narrativen Qualitäten verloren, doziert Morton, so wie schon früher die Bilder ihre narrativen Eigenschaften verloren hatten. Auf den New Yorker Werbetafeln erscheinen zu diesen Ausführungen die ersten Sätze aus dem Kommunistischen Manifest. Mortons Auftritt erinnert uns daran, dass es nur folgerichtig ist, wenn also auch Cronenbergs Protagonisten kaum mehr über erzählerische Qualitäten verfügen, obgleich sie doch unentwegt reden. Das Gleiche gilt freilich auch für Robert Pattinsons Minenspiel, das bewusst limitiert ausfällt: die Coolness des Milchbubis, dem selbst die ständige Bedrohung durch den ominösen Attentäter nicht nahe geht, verkörpert Pattinson ziemlich überzeugend. Die Frage nach seinen schauspielerischen Qualitäten muss vielleicht trotzdem vertagt werden. Peckers Meta-Kommentar dazu: “Talent ist am erotischsten, wenn es vergeudet wird.”

Cronenberg selbst vergeudet sein Talent (besser: sein Können) indes nicht. Wo das Drehbuch etwas altbacken wirkt, vielleicht weil es sich meist wörtlich an die belletristische Vorlage von 2003 hält, beeindruckt Cosmopolis durch seine formale Strenge und eine sehr spezifische Unbeirrbarkeit. Die hält Cronenberg auch in filmischen Parametern durch: die artifizielle Farbigkeit der Beleuchtung, Nahaufnahmen mit Weitwinkel, spärliche Einstellungen und die inzwischen wirklich anachronistische Musik von Howard Shore gehören nach wie vor zum festen Inventar. Sie prägen sogar noch den über 15-minütigen Showdown, in dem Pecker seinem Attentäter schließlich gegenübertritt. Hier erfährt zumindest der Körper eine kleine Renaissance. Die Asymmetrie der Prostata, so hatte es der Arzt versichert, habe keinerlei Bedeutung. So reiht er sie in die sinnentleerte Cosmopolis-Welt ein. Dies allerdings erweist sich am Ende als Fehldiagnose.

Seit dem 5. Juli in deutschen Kinos. Verleih: Falcom Media

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Elektronische Lebensaspekte.

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