Disco-TV Skins: Lindenstraße auf Ecstasy
Die unwahrscheinliche Serie hat gerade die Killer-Klippe des zweiten Staffelstarts glücklich umschifft.
Hollywood kann ja keine Diskos. In US-Produktionen erzählen Disko-Szenen meistens nur von Suburbia-Angstphantasien. Diesen verschwitzten Schwebezustand zwischen Rausch, Langeweile und atmosphärischen Verheißungen bekommt eh keiner richtig gefilmt. Moralische Reifung qua Hedonismus, die Essenz jugendlicher Lebensvergeudung. Als TV-Serie schaffen das nur die Briten, jedenfalls manchmal, wie in “Skins”.

Die unwahrscheinliche Serie hat gerade die Killer-Klippe des zweiten Staffelstarts glücklich umschifft, an der erfolgreiche Produktionen ja oft scheitern, weil sie dem Erwartungsdruck mit der Flucht ins Seichte begegnen. Dieser Versuchung sind die “Skins”-Macher glücklicherweise nicht erlegen, das Niveau bleibt hoch. Und das ist ein echtes Kunststück, weil die Serie zwischen schmonziger Teenie-Soap, Trainspotting-Sitcom und Problembewusstsein à la Lindenstraße pendelt und damit permanent Gefahr läuft, sich in peinliche Klischees zu verstricken. Die lauern reichlich, denn “Skins” handelt von einer Clique postpubertierender Schüler mit den prototypischen Tunichtgut-Themen des Erwachsenwerdens – Sex, Drogen, Partys und Sinnsuche.
Hallo Pop
Das Personal in “Skins” ist auf den ersten Blick nach dem üblichen Teenie-Serien-Schema gestrickt: der beliebte Gutaussehende, der sexuell frustrierte Nerd, die Homecoming-Queen, der Drogenfreak, der Schwule, etc. Nur die magersüchtige Dauergrinserin mit dem Ecstasy-Konsum einer brandenburgischen Kleinstadt fällt zunächst durch dieses Raster – die in der zweiten Staffel übrigens durch eine Stalkerin mit transsexueller Zwangsneurose abgelöst wird.
Aber auch die Klischee-Figuren bekommen in “Skins” schnell die nötige Portion Widersprüchlichkeit, um spannend zu bleiben. Bei der Paradefigur des Klassenlieblings ist die Irritation schon im Casting angelegt: Irgendwann kommt man auf den Trichter, dass dieser vermeintliche Schönling den winzigsten Mund der Welt hat. Und auch bei Homecoming-Queen, stellt man fest, dass sie eigentlich von abgrundtiefer britischer Hässlichkeit zeugt. Die Lösung dieser Paradoxien liegt selbstredend im britischen Sinn für Pop, der großen Kunst der Selbstdarstellung, bei der es eben nicht aufs Aussehen, sondern auf die Haltung ankommt.

Bei “Skins” geht es um nicht weniger als um lebendige Jugendkultur und Pop von heute. Damit ist “Skins” eine würdige Fortsetzung von “Absolutely Fabulous”, in der jugendliches Knalloballotum noch über die Generationenverschiebung dargestellt wurde. In Punkto massivem, beiläufigen Dauerdrogenkonsum und dem Hang zum saudämlichen Aktionismus kann “Skins” nahtlos an “Absolutely Fabulous” anschließen. Das jugendliche Party-Dasein als großes Schlachtengemälde der Befreiung von den Zumutungen einer erwachsenen Welt. Noch ‘nen Joint und noch ‘ne Line und ab in die Disko.
Ecstasy-Soap: Skins
Skins ist eine Eigenproduktion des britischen Senders E4, der Pay-TV-Tochter von Channel 4. Die erste Staffel lief 2007 auf beiden Sendern, dieser Tage wird die DVD-Box bei Amazon.co.uk für 10 Pfund verramscht. Die zweite Staffel ist im Februar 2008 angelaufen, die ersten Folgen gab es dabei noch vor der Pay-TV-Premiere auf MySpace.

Koks-Sitcom: Absolutely Fabulous
Die Teenie-Serie “Skins” steht in der Traditionslinie der BBC-Sitcom Absolutely Fabulous. Zwischen 1992 und 2004 torkelte Autorin und Hauptdarstellerin Jennifer Saunders dauerbedrogt als alternde Agenturschlampe durchs Londoner Szeneleben.

Auch gut:










Die 2. Staffel ist bereits seit ueber einer Woche zu Ende. Zumindest auf der Webseite von E4, wo man sich den Spass nahezu parallel zur Ausstrahlung anschauen konnte.