Lobende Erwähnungen von Christian Blumberg zum Festivalabschluss

Zum Ende der Berlinale kam es wie es kommen musste: Alle wurden krank. Ich auch, dabei hatte ich mir jeden Morgen Zitronen ausgepresst und die sowieso überbewerteten Partys gemieden – wenigstens das, dachte ich, bin ich dem Kino doch schuldig. Hat nicht geholfen. So bin ich zu einem wirklichen Résumé kaum in der Lage. Ob der goldene Bär für die Taviani-Brüder in Ordnung geht und warum, mögen andere beurteilen (und die könnten mir vielleicht auch gleich noch erklären, warum ausgerechnet Christian Petzold für sein in jeder Einstellung nach TV-Verwertung schreiendes DDR-Tragödchen einen silbernen Bären für die beste Regie bekommen hat, ach naja). Trotzdem: hier noch zwei ‘lobende Erwähnungen’:

Kaum etwas war über Denis Côté‘s kleinen Film Bestiaire zu lesen – was kein Wunder angesichts eines Films, der sich gegen jede Lesart widersetzt und in dieser Hinsicht eine Tierfilm gewordene Unterstreichung der inzwischen etwas in Ungnade gefallenen Susan Sontag-Forderung ist, nach der die Gleichsetzung der Kunst mit ihrem Inhalt aufzugeben und die Hermeneutik in der Kunst durch eine neue Erotik zu ersetzen sei. Côté’s 70minütige dialogfreie Montage aus sehr präzise gewählten Blicken von und auf Tiere ist eine Meditation über Blickregimes und überdies frei von jedweder Message. Und gerade weil letztere fehlte, war dieser Film im Rahmen eines Festivals, bei dem offensichtliche Botschaften geradezu verschwenderisch deklariert werden, eine wunderbarer Moment der Stille, ein ganz wohltuendes Luftholen.

Eine Botschaft vermisste die Jury vielleicht auch bei Miguel Gomes erst drittem Langfilm Tabu, dem man von mir aus auch gleich mehrere Bären hätte verleihen können. Tabu ist ein nostalgischer Film, der in Exotismus ebenso schwelgt wie in den Anfängen der Popkultur (portugiesische Kolonialherren spielen frühen Rock n Roll an steinernen Pools), vor allem aber in der Filmgeschichte. Er ist in schwarzweiss und im anachronistischem 4:3-Format und natürlich noch auf – Gott habe ihn selig – Kodak-Film gedreht. Und trotz seiner offensiven Stummfilm-Zitationen, funktioniert Tabu doch ganz anders als derzeit etwa “The Artist” mit seiner massentauglich rührigen Feel-Good-Nostalgia.


Credits: Berlinale

Der erste Teil des Films zeigt mit statisch vorgetragenen Dialogen (und überhaupt äusserst kühl) das Ende eines Lebens. Es ist das Leben einer älteren Dame namens Aurora in Lissabon. Deren Jugend in Afrika, genauer: in den portugiesischen Kolonien auf afrikanischem Boden, sehen wir im zweiten Teil, der mit dem Titel ‘Paradies’ versehen ist. Nun scheint es zunächst ironisch, koloniale Zeiten irgendwie mit dem Attribut paradiesisch zu versehen, aber so einfach ist das bei Gomes Film nicht. Im Blick zurück erscheint die Kolonialzeit insofern paradiesisch, als sich hier noch eine ungebrochen romantische, natürlich hochgradig tragische Liebe ereignen kann, deren Scheitern – das ist Gomes Pointe – gar zum Auslöser der Kolonialkriege gerät. Eine Pointe auch hinsichtlich der Problematiken von Geschichtsschreibung und ausserdem eine von literarischer Qualität. Überhaupt nimmt sich Tabu aus wie ein Stück Literatur. Der Regisseur selbst liest im Off die Geschichte und bedient sich dabei einer Sprache, die derart im Fluss ist, die so vollkommen, unironisch (aber humorvoll) und ungebrochen ist, wie Sprache es heutzutage eben nicht mehr sein kann. (Meine Begleitung sagte nach dem Film lange nichts, und dann sagte sie, sie glaubte für die Dauer dieses Films des Portugiesischen mächtig gewesen zu sein). Eine Sprache, die übrigens den ambivalenten Charakter des Kolonialchics dieses Films durchaus noch verstärkt. Und ebenso wie in Worten schwelgt Gomes in Bildern, wie man sich auch in Zeiten der Retromania im Kino wirklich nicht erwartet und die man trotz der Gefahr der Phrasenhaftigkeit wohl betörend nennen muss. Man wird davon lange und ausführlich schwärmen.


Credits: Berlinale

Einen Preis hat Tabu übrigens auch bekommen: Miguel Gomes präsentierte sich wiederholt als ziemlich coole Sau, als er am Samstagabend den Alfred-Bauer-Preis der Berlinale entgegennahm. Er, Gomes, hätte ja einen Preis erwartet, nur ausgerechnet diese Auszeichnung, die besonders innovative Filmkunst ehren soll, hielte er doch für unpassend: Schliesslich hätte er doch versucht einen ganz und gar altmodischen Film zu machen.

Text: Christian Blumberg

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