Christian Blumberg mit einem Halbzeit-Bericht von den Festival-Rändern

Eigentlich sollte das hier so ein echtes Berlinale-Tagebuch werden. Aber erstens ist mein Programm zu sportlich getaktet und zweitens lassen die mich nicht in die „Writer’s Lounge“ im Hyatt Hotel. Daher hier nur eine persönliche Auswahl an mir bemerkenswert scheinenden Filmen, die meistens abseits des offiziellem Wettbewerbs gezeigt werden. Wenn ihr euch für Angelina Jolie interessiert oder wissen wollt, wer das Ding hier gewinnt, dann schaut am besten in die Tages- und Onlinepresse eures Vertrauens.

Am Eröffnungstag war traditionell nichts los. Man konnte sich ein bisschen warmstehen, den Akkredierten beim Lästern über die diesjährige Berlinale-Tasche und vor allem ihre Träger zuhören oder am Abend im Fernsehen der deutsche Schauspielzunft dabei zusehen, wie sie in schier unglaublicher Redundanz erklärte, dass (und manchmal auch warum) sie Berlin so wahnsinnig lieb hat („aufregend“, „verrückt“, „international“, „so vertraut“).

Ab Freitag dann Filme: Zum Beispiel “Hot boy noi loan – cau chuyen ve thang cuoi, co gai diem va con vit” aka “Lost In Paradise” von Ngoc Dang, der seinen Platz im Panorama des Festivals wohl vor allem der Tatsache verdankt, dass er – so hörte man jedenfalls – die erste vietnamesische Produktion ist, die explizit schwule Beziehungen inszeniert. Als Ausgangspunkt für seine Erzählstränge nutzt der Film einen Schwulenstrich in Saigon. Überraschenderweise bekommt man hier aber kein knallhartes Sozialdrama: Trotz aller vorhersehbaren Schicksalsschläge menschelt es hier 90 Minuten, bis der Film im Kitsch ertrinkt, aber dennoch nicht baden geht: Irgendwann laufen die Protagonisten zu süsslichem Viet-Pop tatsächlich in Zeitlupe mitten in Saigon durch ein Meer von Seifenblasen – außerdem gibt es sehr viele Szenen mit sehr süßen Katzen und sehr knuffigen Enten. Wodurch das offensichtliche Anliegen des Films (nämlich von der Unmöglichkeit eines schwulen Lebens in den Zirkulationen von Gewalt und Prostitution zu erzählen) etwas ins Hintertreffen gerät. Ein guter Film, wenn man (wie ich) Enten und vietnamesische Popsongs mag – für Cineasten eher nichts: Immer wenn die Dialoge die Tränendrüsen attackieren, werden sie von einer Kamera unterstützt, die dann stets ganz nahe Close-Up aufs Gesicht schießt. Aua.

Hypertaktile Bilder
Wer die hohe Kunst der Kameraarbeit besichtigen will, der besuche den neuen Film des Thailänders Pen-Ek Ratanaruang, “Fon Tok Kuen Fah” (engl. Headshot). Ein Noir-Thriller, in dem einem ehemaligen Cop die eigene Aufrichtigkeit und natürlich eine Frau zum Verhängnis werden. Weil er sich nicht korrumpieren lässt, jagt ihn bald eine ganze Armada brutaler Mafiosi. Die verpassen ihm irgendwann einen Kopfschuss, in dessen Folge der Ex-Cop die Welt nurmehr falsch herum wahrnehmen kann: sie steht sprichwörtlich Kopf. Das ist freilich eine etwas schale Metapher für seine Wandlung vom aufrichtigen Paulus zum killenden Saulus. Die eigentliche Schwäche des Films liegt aber im Drehbuch. In den letzten 45 Minuten vollführt die Narration eine immer gleiche Kapriole: Held gerät in ausweglose Situation, geheimnisvolle Frau kommt von irgendwoher und knipst das Licht aus, Held legt im Dunkeln alle um, Held und Frau fliehen im Auto. Das passiert (glaube ich) vier Mal. Hier ist der Film ein bisschen wie ein Kind, das gerade den Purzelbaum erlernt hat und ihn in Folge ständig vorführen muss. Darüber lässt sich jedoch im wahrsten Sinne des Wortes hinwegsehen, was der bereits erwähnten Kamera zu verdanken ist: Die spielt nicht nur sehr klug mit subjektiven Einstellungen, sondern fängt in vielen Szenen geradezu hypertaktile Bilder ein: Selten hat man Narben, Hautporen, Maserungen von Papier oder Regentropfen in Einstellungen von solch haptischer Qualität gesehen.

Einen wirklichen ersten Höhepunkt stellt derweil die Premiere von “Tepenin Ardi” (Beyond the Hill) im Rahmen des Internationalen Forums dar. Der Debütfilm des türkischen Regisseurs Emin Alper spielt (vielmehr: er ereignet sich) in einer Berglandschaft im Süden der Türkei. Dieses fantastisch fotografierte Territorium wird unter sechs Männern aufgeteilt, familiär verbandelt und in drei Generationen vertreten: Ein Konfliktherd, klar, der aber nicht etwa genauestens durchdekliniert wird, sondern angenehm vage brodelt. Und so macht sich ein Gefühl der Bedrohung breit, während der Film all das macht, was sogenanntes Autorenkino eben ausmacht. In diesem Fall ist das – neben der kunstvollen Umcodierung von Motiven des Westerns – vor allem die Erfahrbarmachung von Zeit. Und von Wind, der in diesem Film fast schon ein eigenständiger Protagonist ist. Darum stört auch nicht, dass der Film gegen Ende zu einer vielleicht etwas zu offensichtlichen Metapher für Gemeinschaftsmechanismen wird: Anstatt ihre Konflikte auszutragen, entschließt sich der Männerbund (es gibt auch eine Frau, die aber als Stimme der Vernunft immer im Haus bleibt) in stillem Einvernehmen und gegen besseres Wissen, die Bedrohung außerhalb der Familie zu suchen. Und so werden schließlich geheimnisvolle Nomaden, die beyond the hill leben, als Feinde ausgemacht, gegen die es schließlich in den Krieg zu ziehen gilt. Die Nomaden aber existieren natürlich gar nicht. Dennoch: Das hier war endlich mal ein wirklicher Film, und nicht nur ein gefilmtes Issue.

Davon gibt es auf Festivals ja immer viele. Prominent im Themenkatalog eines Filmfestspiels mit politischem Approach ist bekanntlich das Leben in der Dritten und Vierten Welt, das Berichten von den Widrigkeiten eines Daseins unter der Armutsgrenze. Und Filmen, die dies verhandeln, pinkelt man nicht ans Bein, das gebietet nicht nur die Political Correctness. Also müssen das Pinkeln andere erledigen, zum Beispiel die Filme selbst. Genau das tut “Ang Babae sa Septic Tank“ (The Woman in the Septic Tank), in welchem ein yuppiehaftes Team aus Manila einen Film in den Slums ihrer Stadt produziert. Dabei geben sie sich alle Mühe, sämtliche, hier als Klischee markierte Erwartungen des westlichen Filmbetriebs zu erfüllen. Denn was dieses mit sämtlichen Apple-Gadgets ausgestattete Team antreibt ist mitnichten sozialpolitisches Engagement, sondern lediglich die Aussicht, in Cannes, Venedig oder eben in Berlin ordentlich abzuräumen. Ihr Film im Film zeigt daher eine junge Mutter, die ihre sieben Kinder täglich mit einer einzigen Portion Instant-Nudeln ernähren muss, und die schließlich einen ihrer Söhne an einen reichen, pädophilen Russen verkauft, weil die Not ihr kein Wahl lässt. Nur über die Form ihres Films sind sich die Macher noch im Klaren, weshalb man ihre Geschichte in allerlei Variationen bestaunen darf: als knallhart fingierte Dokumentation, als hyperrealistische ‘Nachdenklichmachung’, als spektakuläres Musical oder als mit Schleichwerbung gespickte Soap. Das ist eine hochgradig böse und sehr lustige Filmbusiness-Satire, die selbst größte Klamaukhaftigkeit nicht scheut. Und auch wenn sich der Witz über 90 Minuten etwas abnutzt: Es war eine Freude, diesen Film im Kontext eines Festivals zu sehen. Das Publikum jedenfalls schien in Teilen tatsächlich lange sehr verunsichert darüber, ob es denn auch wirklich lachen dürfe.

One-Take auf der Ziegenweide
Dezidiert politisch wurde es am Sonntagabend, als Romuald Karmakar seinen neuen Film “Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention” uraufführte. Dieser ist zunächst einmal ein montierter Mitschnitt einer gleichnamigen Veranstaltung im Berliner HKW vom vergangenen Dezember. Und diese bot das Forum für den formulierten Einspruch zehn namhafter Intellektueller gegen eine Politik, wie sie sich uns allen in den Zeiten der europäischen Finanz- und Schuldenkrise darbietet. Im HKW empörten sich u.a. Franziska Augstein (SZ), Alles-Designer Friedrich von Borries, FAZ-Feuilleton-Chef Nils Minkmar, der Schriftsteller Ingo Schulze, Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologe Harald Welzer, Literaturprofessor Joseph Vogl und sogar Roger Willemsen. Außerdem führte Karmarkar selbst einen Kurzfilm über die Psychologie der Märkte vor, ein One-Take auf einer Ziegenweide. Nun hat Karmakar hier streng genommen keinen Film gedreht, sondern die Mitschnitte der Redebeiträge in seiner ihm ganz eigenen Art montiert (nämlich unter weitestgehendem Verzicht auf Montage). Das filmische Ausgangsmaterial hat er sich dabei vom HKW besorgt und anstatt also selbst zu drehen, ein Occupy Footage vorgenommen. Occupy, das war dann auch so ein Schlagwort im anschließenden Q&A. Aber natürlich intervenieren die oben genannten Redner nicht von Linksaußen, sondern aus der Mitte eines bürgerlichen, linksliberalen Kulturbetriebs. Es geht also – in dieser Hinsicht gab es in der Diskussion doch das ein oder andere Mißverständis – nicht um Revolution oder Straßencamps oder Politik als Selbsterfahrungstrip. Vielmehr um Leute, die einmal laut fragen, für welches Europa hier eigentlich gekämpft und gezahlt werden soll, wer der etwas diffus als ,Markt‘ bezeichnete Akteur eigentlich ist und wie man mit ihm umspringen soll. Sprich: um Positionen, die sich in der Tradition eines aufgeklärten Bürgertums verstehen, die aber Zweifel anmelden, ob sie den aktuell anstehenden Strukturwandel der Öffentlichkeit (und den der (Post-)Demokratie) mittragen wollen. Einziges Leitmotiv war dabei eine Bewegung, die Harald Welzer überaus pointiert beschrieb: Das Heraustreten aus einer akademischen Sphäre, der Schritt aus einer Immanenz, der es ermöglicht, zunächst einmal die ganz einfachen und grundlegenden Fragen überhaupt stellen zu können. Bei Minkmar lief das noch einfacher auf die Formel hinaus: “Es könnte alles ganz anders sein. Nicht vergessen!”

Nicht nur weil die Vorträge inhaltlich wie sprachlich ansprechend und sogar sehr kurzweilig sind, sollte Angriff auf die Demokratie von jedem gesehen werden. Sondern auch wegen Karmakars kluger Nicht-Montage und seiner Neukontextualisierung von Fremdmaterial, die noch ganz andere Fragen einflechtet: Was sind das überhaupt für Bilder und wer guckt sie und wie? Dennoch musste sich Karmakar vom Publikum vorwerfen lassen, das alles sei ja ohne ‘filmischen Wert’ und überhaupt zum Einschlafen. Woraufhin Joseph Vogl (bis auf Willemsen und Minkmar waren alle Redner zum Gespräch erschienen) konstatierte, es sei doch eine begrüßenswerte Form der Filmförderung, wenn Leute für den Kinobesuch zahlten, um dann dort zu schlafen.

Die interessanten Festival-Ränder
Echte Langeweile gab‘s natürlich auch. Auf dieser Berlinale insbesondere in Form von US-amerikanischen Indie-Produktionen wie David Zellners “Kid-Thing”, der vergeblich versuchte, seine mit Westentaschensoziologie gestrickten Thesen visuell zu kaschieren. Interessant wurde es dagegen (wie immer) an den Rändern des Festivals: Zu nennen wären zum Beispiel der großartige Architekturfilm “Parabeton“ des ebenso großartigen Heinz Emigholz, sowie diverse Wiederaufführungen. So konnte man im Kino International eine restaurierte Fassung des ewigen Powell/Pressburger-Klassikers “The Life an Death of Colonel Blimp” von 1943 bestaunen. Und am Montagabend startete eine Mini-Serie, die drei knallbunte kambodschanische Filme aus den späten 60er und frühen 70er Jahren zeigt. Gleich der erste, “Puthisen Neang Konrey” (1968), ist ein Volltreffer, das verrät schon ein Blick auf die Synopsis: Zwölf Schwestern entdecken, dass ihre Mutter eine menschenfressende Riesin ist und fliehen, um nicht auf der mütterlichen Speisekarte zu landen, in eine Baumkrone. Dort entdeckt sie ein gutmütiger König, der alle zwölf heiratet. Das macht die böse Monstermutter sehr ärgerlich. Sie verwandelt sich in eine junge Schönheit und macht den König glauben, seine zwölf Frauen seien in Wirklichkeit getarnte Hexen. Der derart betrogene König lässt seinen Gemahlinnen daraufhin die Augen ausstechen und zum anschließenden Verhungern in einen felsigen Abgrund werfen. Da er sie zuvor jedoch alle noch geschwängert hat, gebären die nun blinden Schwestern in ihrem Gefängnis viele Kinder, von denen sie sich ernähren können. Nur das zwölfte Kind wird nicht gegessen. Es wächst zu einem hochbegabten Jüngling heran, der auszieht, um Mutter und Tanten zu ernähren. Wobei er die seltsamsten Abenteuer erlebt, gar selbst zum König wird und schließlich aus bedingungsloser Mutterliebe seine königliche Gemahlin in den Freitod treibt, um den zwölf Schwestern ihre Augen zurückzubringen. Beat this, Gegenwartskino!

Text: Christian Blumberg

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