Die 60. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele ist nun eine Woche vorbei. Inhaltlich handelte es sich eher um ein Berliner Trauerspiel. Sulgi Lie erklärt wieso.


Foto: SpreePIX-Berlin

Dass der Wettbewerb der Berlinale von Jahr zu Jahr schwächer wird, ist eine traurige aber wahre Tatsache. Mit der A-Liga von Cannes und Venedig hat Berlin längst nichts mehr zu tun, aber dass ausgerechnet zum 60. Jubiläum kein einziger bedeutender Regisseur des zeitgenössischen Kinos im Programm zu finden war, markiert schon einen besonderen Tiefpunkt. Selbst Martin Scorseses außer Konkurrenz gezeigter “Shutter Island” gehört zu den schwächeren Filmen im schwankenden Spätwerk des Meisters: eine schwerfällige Kreuzung aus Gothic-Horror und “Mind-Game-Movie”, das sich spannungslos und dialoglastig daher wälzt und mit einer Trauma-Konstruktion aufwartet, die gelinde gesagt, mehr als problematisch ist: Leonardo di Caprios Holocaust-Flashbacks von der Befreiung Dachaus werden als Deckerinnerungen eines privaten Traumas umfunktioniert und somit als sekundäre visuellen Gedächtnisschicht degradiert, hinter der sich die eigentliche individuelle Psychopathologie des Familienromans verbirgt. Der Film unternimmt damit eine obszöne Individualisierung der Geschichte, die auch dadurch nicht besser wird, dass der Wahrheitsgehalt der Erzählung bis zuletzt in Schwebe gehalten wird.

Als Gegenprogramm zu diesem unangenehmen subjektivistischen Relativismus von “Shutter Island” gab es aber zum Glück Koji Wakamatus “Caterpillar”, dessen unbedingter Antifaschismus im Kontext des japanischen Geschichtsrevisionismus umso ehrenwerter ist: In schmucklosen Digitalbildern erzählt Wakamatsu von einem Tenno-getreuen Soldaten, der im zweiten Weltkrieg als arm- und beinloser Torso zu seiner Frau zurückkehrt, aber von der militaristischen Propaganda als “Kriegsgott” gefeiert wird. Mehr monströses Ding als menschlicher Körper mutiert diese verkrüppelte Kreatur zu einer reinen Fress-, Schlaf- und Fickmaschine, die die vollkommene Unterwerfung seiner Frau verlangt. “Caterpillar” zeigt nicht nur die absurde Kluft zwischen dem symbolischen Mandat und der tierischen Triebnatur des soldatischen Mannes, er inszeniert einen radikalisierten Geschlechterkampf, in der die Frau nach und nach die faschistische Logik der Opferung verweigert.

Wakamatsu knüpft mit der Faschismuskritik von “Caterpillar” direkt an seinen “United Red Army” von 2008 an, der damals zu den eindrücklichsten Filmen des Forums gehörte: die Selbstzerstörung der bewaffneten japanischen Variante der deutschen RAF erscheint im Lichte des neuen Films als unheimliche Wiederholung eines faschistischen Militarismus im Gewande des Linksterrorismus. Solche radikalen Filme waren im diesjährigen Forum allerdings kaum zu finden: zu sehen gab es stattdessen solch vorhersehbare Indie-Filme wie den Sundance-Gewinner “Winter’s Bone” von Debra Granik, ein x-tes epigonales Derivat des lumpenproletarischen Survivalismus von “Rosetta” der Dardenne-Brüdern, incl. einer unberirrbaren jugendlichen Heldin, die sich inmitten eines a-sozialen, drogen-depravierten US-Provinzkaffs auf die Suche nach ihrem vermissten Vater begibt.

Diese neorealistischen Überlebensgeschichten sind im globalen Festivalkino selbst zu formelhaften Klischees geronnen und auch Debra Granik kann dem trotz Beigabe einiger mythischen Horror-Motive nichts Neues abgewinnen. Noch schlimmer aber noch ist “Putty Hill” von Matt Potterfield, wiederum ein Portrait einiger abgefuckten Provinz-Jugendlicher, die nichts anders zu tun haben, als Skaten, Paintball-spielen und sich gegenseitig hässliche Tattoos zu tätowieren. “Putty Hill” ist Larry Clark & Gus van Sant für Arme, der trotz einigen gewollten Soundeffekten und semi-dokumentarischen Interviewszenen den autistischen Stumpfsinn seiner Protagonisten bloß reproduziert.

Gegenüber dem manierierten Proll-Chic der beiden US-Filme gab sich das deutsche Kino bürgerlich aufgeräumt: Mit “Orly” von Angela Schanelec und “Im Schatten” stellten zwei Hauptvertreter der so genannten Berliner Schule ihre neuen Filme im Forum vor, die einmal mehr von den ästhetischen Beschränkungen dieser Richtung zeigen: die francophile Schanelec beobachtet diesmal wartende Reisende in Paarkonstellationen auf dem Pariser Flughafen Orly bei ihren ausgedehnten Konversationen.

Das Ergebnis ist nahezu unerträglich: Die Prätentiösität des bourgeoisen Befindlichkeitsgeschwafels findet sich in “Orly” in einer maximalen Steigerungsform, die nicht mehr zu toppen ist. Der Tiefpunkt ist erreicht als der Film gegen Ende ein deutsches Pärchen ins Visier nimmt und ihnen mit gestelzt theatralem Duktus solche Sätze in den Mund legt wie: “Jetzt habe ich von der Cola Bauschmerzen bekommen.” Aua. Im Vergleich zu diesem kleinkarieren Tief- und Trübsinn macht “Im Schatten” durchaus Spass: zum erstem Mal versucht sich Arslan an einer Genre-Variante, einer Art Berliner Neo Noir um den wortkargen Einzelgänger Trojan, der frisch aus dem Knast entlassen, gleich das nächste Ding dreht und in die Zielscheibe von illoyalen Gangsterkollegen und korrupten Bullen gerät. Wie immer bei Arslan ist das alles sorgfältig kadriert, geschmackvoll ausgeleuchtet und minimalistisch gespielt, aber trotzdem bleibt der Eindruck einer bloßen Stilübung, die keinerlei semantischen Mehrwert über die Mechanik des Genres hinaus produziert. Eine Melancholie ohne Melancholie, ein Existenzialismus ohne Existenzialismus, irgendwie die kleinformatige Kopie eines Michael Mann oder Jean-Pierre Melville-Films ohne den elegischen Glamour der eiskalten Engel.

Text: Sulgi Lie

2 Responses

  1. (muss)

    mann, mann, mann….. dieser text ist aber auch nicht zu ertragen…!

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  2. chester

    “Die Prätentiösität des bourgeoisen Befindlichkeitsgeschwafels findet sich…” ……leider auch in diesem text

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