Ach, wie bin ich müde!


alle Bilder: Warner Bros. GmbH

In “The Dark Knight Rises” schlägt Bruce Wayne aka Batman seine letzte Schlacht unter Christopher Nolan.
Von Christian Blumberg

Als die Nacht am tiefsten ist, findet sich Gotham City in einem Belagerungszustand. Es ist eine Belagerung von innen: Die Stadt liegt abgeschnitten von ihrem Umland, versinkt in Missordnung und resigniert in Erwartung der Katastrophe. Die Stadt als Kessel, in dem es immer wieder zu bürgerkriegsartigen Eruptionen kommt. In dem es keine legislative Gewalt mehr gibt, nur ein kafkaeskes Willkür-Kriegsgericht. Die dafür verantwortlichen Besatzer sind zuvor aus der Kanalisation aufgestiegen, als Armee der Schatten – ein Haufen apokalyptischer Partisanen, die die urbane Syntax grundlegend neu organisiert haben. Dazwischen: Commissioner Gordon, ein Nachwuchs-Cop und ein paar Aufrechte, die als städtische Résistance einen aussichtslosen Kampf führen. Und das vielleicht schönste Bild des Films: Ein paramilitärisches High-Tech-Gefährt gleitet gemächlich über eine verschneite Straße und nur das Knirschen des Schnees ist zu hören.

Ach, was hätte man mit diesem Setting nicht alles anstellen können! Stattdessen widmet sich Christopher Nolan im letzten Teil seiner Batman-Trilogie lieber der Midlife-Crisis seines von Arthrose geplagten Helden. Bruce Wayne ist (acht diegetische Jahre nach “The Dark Knight”) vor allem eines: müde. Will nicht mehr Batman sein, will überhaupt kein Held mehr sein. Und als Bruce Wayne vernachlässigt er gar die auf Philanthropie ausgelegten Geschäfte seines Unternehmens. Waynes Universal-Phlegma muss zur Rettung Gothams natürlich überwunden werden. Das geschieht schlussendlich in einem exotistisch angelegten Kerker und gelingt nur über die Verinnerlichung kampfsportphilosophischer Aphorismen, die ungefähr so deep sind wie Karate Kid.

Bevor Batman aber endlich in die Puschen kommt, ist Gotham City längst von dessen neuem Gegenspieler übernommen worden. Der heißt Bane und zieht in Gotham alle Fäden: Denn was aussieht wie ein Bürgerkrieg, ist freilich eine terroristische Großunternehmung, die der Bevölkerung infamerweise als Revolution verkauft werden soll. Bane hat trotzdem einen schweren Stand. Nicht weil ihm die Narrative allzu große Hindernisse in den Weg legte, sondern weil er sich dem Vergleich mit dem Joker gefallen lassen muss, dessen nihilistische Amoralität den Vorgängerfilm so grandios hat werden lassen. Und weil nach den anarchischen Gelüsten des Jokers irgendwie nicht mehr viel kommen kann, ist es wohl eine kluge Entscheidung gewesen, mit Bane einen ganz anderen Typus Bösewicht in Szene zu setzen. Gespielt von Tom Hardy (der sich für “The Dark Knight Rises” ein beeindruckendes Kampfgewicht zugelegt hat) ist Bane pure Physis. Er trägt wie Batman eine Maske, eher eine Art Prothese, die ihn mit Analgetika versorgt. Diese Perma-Medikamentation braucht Bane, er hatte nämlich, wie etwas redundant betont wird, eine wirklich harte Kindheit. Wenn Bane und Batman sich duellieren, dann in Street-Fighter-Manier: keine Technologie, keine Martial Arts, nur gewaltige Hiebe. In diesen Szenen verstummt sogar der gewohnt bombastische Hans- Zimmer-Score, auf dass jeder Schlag noch an Eindrücklichkeit gewinnen kann. Allein der Sound eines jeden Treffers, den Bane verzeichnen kann – und er schlägt eigentlich nie daneben – lässt mindestens eine multiple Fraktur in Batmans Knorpelschwund-Körper vermuten. Diese auf sehr angenehme Weise altertümlich anmutenden Faustkämpfe sind dabei immer auch Klassenkampf: Batman/Bruce Wayne, Held aus dem Schoß der großbürgerlichen Finanzaristokratie, kämpft gegen Bane, der das Stahlbad einer unterirdischen Hölle hinter sich hat, für die Unterschicht gar kein Ausdruck ist. Die Satten gegen die Anteilslosen: Hollywood 2012.

Wem als Zuschauer der Joker noch präsent ist, dem muss die Figur Bane trotzdem etwas eindimensional vorkommen. Die Gewinner dieses Films sind aber eh andere. Zum einen sind es die Bilder der Imax-Kameras, deren Panoramen doch nachhaltiger zu beeindrucken wissen als die in Superhelden-Filmen zuletzt üblichen 3D-Sperenzien. Und zum anderen sind es die Frauen. Das gilt für Marion Cotillard, die in der Rolle Miranda Tates die Wayne Enterprises nicht allein im ökonomischen Sinne übernehmen darf. Das gilt insbesondere für Anne Hathaway als Catwoman.

Sie gewinnt zunächst das Fernduell mit der Black Widow aus den Avengers in wirklich jeder Hinsicht. Ihre Figur nimmt sich von dort aus auch in den (manchmal etwas verknäulten) Konstruktionen von Gut (Oben), Böse (Unten) und Volk (dazwischen, kommt aber eigentlich nicht vor) überraschend ambivalent aus. Dass am Ende immer die Frauen die “eigentlichen” Protagonisten sind, das mag (gerade im Referenzensystem Hollywood) eine schlimme Binsenweisheit sein. In einem Film, der derart dezidiert das männliche Publikum anvisiert, ist das als Pointe aber immer noch ziemlich okay. Und es ist ja auch bei weitem nicht die einzige Beobachtung, die sich hier machen ließe. Denn so einfach “The Dark Knight Rises” manchmal (vor allem in den Dialogen) auch gestrickt scheint: Vielschichtig gebaut ist er allemal. Und so viele Längen er auch haben mag: Überwältigt ist man Ende trotzdem. Oder doch wenigstens sehr müde.

The Dark Knight Rises, ab 26. Juli in deutschen Kinos

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Elektronische Lebensaspekte.

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