Was ist Pornographie?

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Manuel Schubert vom Filmanzeiger hat für DE:BUG das Pornfilmfestival 2013 im Berliner Moviemento-Kino besucht. Im Rückblick erscheint das Festival, das 2006 vom Filmemacher Jürgen Brüning ins Leben gerufen wurde, als Versuch, Grenzen zu orten und neue zu ziehen – dabei steht freilich auch wieder der Pornographie-Begriff selbst zur Debatte.

Ich rollte mit meinem Bürostuhl ans Fenster, stützte meine Arme auf der Fensterbank ab und schaute ihm zu, wie er den Ball immer wieder im Korb versenkte bis er die Lust daran verlor und zurück ins Haus ging. Während er mit dem Ball dribbelte, betrachtete ich fasziniert sein zartes Gesicht mit den kräftigen Augenbrauen, seinen haarlosen Waden und seinen schlanken Körper. Aber vor allem seine großen Hände, deren Berührung sich mir fest ins Gehirn eingebrannt hatte. Was hätte ich nicht dafür gegeben noch einmal von diesen Händen berührt zu werden.“ – So berichtet „sven1983“ in einem Web-Forum von seiner unglücklichen Liebe zu einem anderen Menschen.

Doch der Beschrieben ist ein Junge von kaum elf Jahren und Sven ein pädophiler Erwachsener. Er ist ein sogenannter „TBL“, ein Teen-Boy-Lover, wie sich Pädophile im Forum gegenseitig kategorisieren. In ihrer Dokumentation OUTING begleiten die Regisseure Sebastian Meise und Thomas Reide Sven in seinem Alltag. Er steht offen zu seiner sexuellen Störung und gibt vor der Kamera Auskunft darüber, wie er versucht sein Leben mit der Pädophilie zu meistern. Die Filmemacher nehmen sich selbst und ihre eigenen Werturteile dabei vollkommen zurück. Hier spricht Sven, hier gibt er Auskunft über seine Gedankenwelten, über seine Träume, über grenzwertige Erlebnisse auf die er rückblickend stolz ist, weil er sich selbst im Griff behalten hatte.

Der Zuschauer wird in dieser Dokumentation mit vielen beklemmenden Momenten konfrontiert, ist Pädophilie doch eines der letzten großen Tabus der Sexualität. Ein Tabu, daran lassen die Regisseure keine Zweifel, das einer Neubewertung bedarf. Nicht im Sinne der Akzeptanz der Pädosexualität, sondern als Schlüssel zur Hilfe für die Betroffenen. OUTING ist eine Dokumentation darüber wie machtvoll und hilfreich es ist, miteinander zu sprechen, denn erst das tabuisierte Schweigen produziere Täter. Man kann es den Festivalmachern nicht hoch genug anrechnen, dass sie sich vor diesen hochgradig kontroversen Themen nicht scheuten. Ein erster Schritt.

Abseits der gängigen Welt des Sex bewegte sich denn auch das diesjährige Schwerpunktthema „Fetisch und BDSM“, eröffnet sich hier doch eine Sexualität, die ohne Penetration auskommt und somit Paradigmen ins Wanken bringt.
 
So etwa die norwegische Dokumentation KOPFKINO, die den Fetisch- & BDSM-Expertinnen eine vorurteilsfreie Bühne bietet: Dominas. In einem leeren Theater inszeniert die Regisseurin Lene Berg eine lange Festtafel an der acht Sexarbeiterinnen in ihrer Arbeitsmontur sitzen. Die Frauen berichten sich gegenseitig aus ihrem Arbeitsalltag. Pasolinis 120 TAGE VON SODOM scheint hier nachzuhallen. Sie diskutieren über den Umgang der Gesellschaft mit Sexarbeit, über die Ehre der Huren und darüber, ob sie ihren Freiern gegenüber Gefühle empfinden dürfen.
 
Grenzwertige Erfahrungen kommen zur Sprache. So erzählt die Älteste am Tisch, im eleganten Pelzmantel gekleidet von älteren Männern, die von ihr wie KZ-Häftlinge behandelt werden wollten. Eine Femme Fatale berichtet wiederum von einer unverhofften Geldeinahme: Am Ende einer durchzechten Nacht und verkatert erweist sich einer ihrer Kunden als Liebhaber ihres Erbrochenen, er möchte es essen. Einer gestrengen Rittmeisterin sind solche Kunden noch nicht untergekommen. Dafür behandelt sie ihre Klienten, so sagt sie es süffisant lächelnd, mit Vorliebe genau so, wie ihre echten Rassepferde. Jene menschlichen „Ponys“ scheucht sie gerne für einen Ausritt in die freie Natur. Mit den Nachbarn hätte es deswegen noch nie Probleme gegeben. Lene Bergs Dokumentation KOPFKINO ist ein Glücksfall für das Pornfilmfestival 2013, weiß sie doch den diesjährigen Fetisch-Schwerpunkt auf begeisternde Weise auszufüllen.

Als Erwachsene legen wir unsere Faszination für Kindermärchen nie so ganz ab, manch einer dichtet sich seine Kindermärchen gar in doppeldeutige, sexuelle Geschichten um. Jan Krügers kurze Märchen-Adaption WELCOME TO THE CANDYHOUSE etwa erzählt frei nach „Hänsel & Gretel“ deren Trip durch das nächtliche Berlin und ihre Flucht vor bösen Hexen. Ausgerechnet in einer schwulen Darkroom-Kneipe finden sie Unterschlupf. Doch da unten im Darkroom lauern Dinge auf die beiden, von denen sie nichts ahnten. Gefahren, die dann zumindest Hensel ziemlich geil findet, zum Entsetzen von Gretel. Klingt nicht nur witzig und lief deshalb auch in der generell sehr unterhaltsamen Fun-Porn-Kurzfilmrolle des Festivals.

Dass Lust und Spaß sowieso eng miteinander verbunden sind, erst recht beim Sex, zeigte auch Michelle Flynns mittellanger Beitrag KARA & DEVON. Nüchtern formuliert, schaut sie einem jungen Paar beim Sex zu. Trotzdem überträgt sich die offenkundige Lust des Paares sehr schnell. Michelle Flynn drängt sich mit ihrer Kamera nicht auf, verzichtet auf allzu platte Genital-Nahaufnahmen üblicher Porno-Massenware. Sie begleitet das Paar mit respektvoller Distanz dabei, wie er sie über ihre Klitoris mit der Hand zu mehreren Orgasmen treibt, noch bevor es überhaupt zur Penetration kommt. Das ist hier alles filmisch so einfach, wie es treffend und echt ist. So kann post-pornografischer Porno aussehen. Ähnlich spannend zeigt sich auch Antonio Da Silvas Kurz-Doku GINGERS. Intensive Körperstudien und Berichte seiner Protagonisten kompiliert er zu einem gleichermaßen erregenden, wie nachdenklich stimmenden Porträt des schwulen Fetischs für rothaarige Männer.

Was Pornografie überhaupt ist, ist eine Frage, die sich nicht nur seit Jahren immer wieder FilmemacherInnen im Pornfilmfestival stellen. Schon Oswalt Kolle, der Sex-Aufklärer der alten Bundesrepublik, hat sich diese Frage bereits 1971 gestellt. Daraus entstand das Werk WAS IST EIGENTLICH PORNOGRAFIE? Dank der Wiederauflage der DVD-Kollektion von Kolles Aufklärungs-Filmen, kann man sich nun auch diese Frage wieder beantworten lassen, auch wenn aus heutiger Sicht Kolles Ergründungen der Pornografie etwas angestaubt wirken.
 
Beeindruckend bleibt der deutlich politische Grundton dieses Werks. Kolle drehte zu einer Zeit als die Pornografie in der BRD zwischen Verbot und Liberalisierung feststeckte. Die SPD-Regierung von Willy Brand schien aus Angst vor dem konservativen Milieu einen entkriminalisierenden Gesetzentwurf einzukassieren. Gleichzeitig liberalisierte Dänemark seine Gesetze zur Pornografie fast vollständig. Womit dänische Sexfilme nun als westdeutsche Bückware ihre Wege in die BRD fanden. Kolle muss diese Situation erheblich in Rage versetzt haben. Sein Film ist getränkt von regelrechtem Agit-Prop, von Protest und gezielter Provokation der konservativen Sexualmoral. Gnadenlos attackiert er die Politik und auch die Wachhunde der deutschen Filmbranche, namentlich der Freiwilligen Selbstkontrolle. „OSWALT KOLLE – WAS IST EIGENTLICH PRONOGRAFIE?“ ist ein beeindruckendes historisches Dokument über den Kampf um einen offenen und selbstbestimmten Umgang mit Pornografie und Sexualität.

Selbstbestimmt, offen, neugierig, lustvoll – sind wir also heutzutage endlich in der Lage unseren Sex so zu leben? Das Pornfilmfestival 2013 bot seinem Publikum jedenfalls eine bereichernde Vielzahl an filmischen Denkanstößen und Gesprächsansätzen. Das „Ficken“ müssen die Zuschauer zuhause selbst übernehmen. Dafür wäre im übervollen Kino Moviemento auch kein Platz gewesen. Schade eigentlich!

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