Niamh Guckian Ahern: Totally Wired


Trailer for ‘Totally Wired’ from niamhahern on Vimeo

Thaddeus Herrmann in De:Bug 130.

Schneiders Büro ist die internationale Top-Adresse für die Haute Couture elektronischer Instrumente. Niamh Guckian Ahern hat Andreas Schneider und sein Umfeld in dem Film Totally Wired porträtiert – ohne in die Nerd-Falle zu tappen.

Die Dokumentation über Schneiders Büro, den Berliner Spezialladen für in kleiner Auflage hergestellte Synthesizer, Drumcomputer etc., zeigt eindrücklich, dass es auch jenseits der großen bekannten Hersteller eine florierende Entwickler- und User-Szene für elektronische Musikinstrumente gibt, die erfrischend anders und indie ist. Die Fernsehjournalistin und De:Bug-Autorin Niamh Guckian Ahern hat anderthalb Jahre lang die Kamera hingehalten, Entwickler und Produzenten in ganz Europa besucht und sie über ihr Verhältnis zu den Maschinen befragt.

Herausgekommen ist ein beeindruckendes Portrait einer Szene, in der Geräte nicht einfach nur von Hand gefertigt werden, sondern in der sich die Persönlichkeiten der Entwickler auch direkt in den Klang und die Wirkung der Maschinen überträgt. Mittendrin: Andreas Schneider. Er bietet mit seinem Laden nicht nur den weltweit wichtigsten Anlaufpunkt für alle, die die Haute Couture der Elektronik der Massenproduktion vorziehen, sondern vernetzt auch aktiv die auf dem ganzen Erdball verstreuten Schaltkreis-Fans.

Interviews mit Entwicklern wie Dieter Doepfer, Ken MacBeth oder Wowa Cejman werden vermengt mit einem Portrait des ostdeutschen Familienunternehmens Vermona und Statements von Musikern wie Ricardo Villalobos, Daniel Miller, Magda, Cassy, Anthony Rother und John Tejada. Allen gemein: das Glänzen in den Augen, wenn sie an Schneiders Büro denken.

Niamh Guckian: Ich habe im September 2007 mit dem Projekt begonnen. Damals habe ich Andreas Schneider kennen gelernt. Ein halbes Jahr später ging es dann richtig los. Rund 18 Monate habe ich gefilmt. Mein erster Besuch in Schneiders Büro liegt aber bestimmt fünf Jahre zurück. Damals wollte ich einfach nur schnell wieder weg. Ein Mitarbeiter empfahl mir, doch lieber bei New Yorker Klamotten zu kaufen. Ganz schön frech. Aber schon damals war mir klar, dass Schneider perfekt für eine Dokumentation wäre. Der Laden, die Geräte, die Kunden und natürlich er selber, das alles begann mich mehr und mehr zu faszinieren. 2007 habe ich ihn dann einfach gefragt. Wir haben gemeinsam eine Liste erstellt mit den Leuten, die auf jeden Fall interviewt werden sollten. Ich konnte sein Adressbuch komplett plündern.

De:Bug: Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich überrascht, dass es eben nicht nur eine Doku über den Laden ist, sondern eigentlich die Entwickler und User der Geräte im Mittelpunkt stehen. Der Laden ist lediglich der Ort, an dem alles immer wieder zusammenkommt.

Niamh Guckian: Genau, das war von Anfang an die Idee. Ich hätte auch ein eher historisches Format wählen können, immerhin war der Laden auch mal in der ehemaligen Redaktion des Neuen Deutschlands. Aber die Geschichten, die ich von den Entwicklern und den Kunden aufgeschnappt habe, waren dann ausschlaggebend. Schneider in der Mitte und die Zulieferer wie Satelliten drumrum. Ein System, das ohne den jeweils anderen Part nicht funktioniert, ein kleines autarkes Öko-System.

De:Bug: Erfreulicherweise ist es aber kein klassischer Nerd-Talk geworden.

Niamh Guckian: Das war mir ganz wichtig. Man kann dieses Thema ja von den verschiedensten Seiten aus angehen. Ich bin mir aber sicher, dass sich auch Menschen ohne großes technisches Wissen dafür begeistern und den Film mit Freude anschauen können und er dennoch für die Nerds geeignet ist. Es ging vor allem um die Geschichten hinter den Maschinen, um die Motivation. Und wie sich der Charakter der Entwickler in den Maschinen widerspiegelt. Dass das so ist, davon bin ich überzeugt.

De:Bug: Technologie so menschlich wie möglich also …

Niamh Guckian: Genau. Und mit Andreas Schneider hatte ich den perfekten Startpunkt. Er ist der geborene Performer, vermittelt die Technik so leichtfüßig. Was mich bei den Entwicklern erwartete, konnte ich natürlich nicht einschätzen. Und ehrlich gesagt: Ich hatte nicht erwartet, dass es so humoristisch würde. Einige der Entwickler hatten noch nie Interviews gegeben, geschweige denn für einen Film.

De:Bug: Und klingen die Synths so, wie die Entwickler ticken?

Niamh Guckian: Ein klares Ja! Ken MacBeth ist ein lauter, kraftvoller Typ, den ein bratiger, verzerrter Jam glücklich macht. Genauso können seine Synthesizer klingen. Dieter Doepfer hingegen ist ein ganz ruhiger Mensch, der sehr logisch und planerisch an ein Projekt herangeht. Als er schließlich im Interview sagte, er möge kleine Dinge, machte alles Sinn. Seine Handschrift ist genauso klein, detailverliebt und perfektionistisch wie seine Module. Das war ihm selber noch nie aufgefallen.

De:Bug: Synthesizer sind ein totales Jungs-Thema. Entwickler, User … du als Frau hast einen Film über eine von Männern dominierte Szene gemacht.

Niamh Guckian: Ich hatte damit kein Problem. Natürlich waren einige meiner Interviewpartner überrascht, dass sie von einer Frau mit unerwarteten Detailfragen konfrontiert wurden, aber wahrscheinlich war es sogar gut. Immerhin wollte ich eben keinen Nerd-Film machen. Keinen Nischenfilm für die Nische. Vielleicht hat mein Ansatz es für sie leichter gemacht, über die anderen Aspekte zu sprechen. Aber ich habe Andreas natürlich danach gefragt: Wer sind deine Kundinnen, wer weibliche Entwickler? Cassy und Magda waren Stammkunden. Und Jessica Rylan, die den Little Blue Boy entwickelt hat, kam durch Zufall während der Dreharbeiten bei Schneider in den Laden, reine Glückssache. Frauen spielen einfach immer noch keine große Rolle in diesem Feld, auch nicht als Performer. Denk mal an Wendy Carlos, die war früher auch ein Mann.

De:Bug: “Totally Wired” ist für mich die erste Dokumentation, die die Entwickler von Synthesizern mit zeitgenössischen, ernst zu nehmenden Musikern koppelt. Daran scheiterte zum Beispiel die Doku über Bob Moog: Die Musiker waren alle komplett uninteressant, ihre Musik in keinster Weise auf Elektronik fokussiert, was ja auch die Bedeutung der Geräte disqualifiziert.

Niamh Guckian: Auch da hatte ich Glück, denn die Musiker im Film sind ja alle Kunden in Schneiders Büro. Dadurch bekommt der Film einen ganz eigenen Drive, ich habe sie ja auch im Studio gefilmt und die Musik aufgenommen, die sie mit den Geräten machen. Ich finde das interessanter, als mit DJs und Produzenten über die Party-Szene in Spanien zu sprechen.

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