Die Vergangenheit des Fernsehens ist die Zukunft des Internets

LG-Fernseher beobachten Fernsehnutzer dabei, wie sie LG-Fernseher benutzen. Abschalten: nicht möglich. Natürlich ist das ein Skandal, deswegen schreiben auch alle darüber. Aber es ist natürlich auch ein lustiger Skandal: Dass Nutzungsverhalten protokolliert und “zur Verbesserung unserer Services und Angebote” an den Hersteller und an Dritthersteller übermittelt wird, ist ja WWW-Alltag; man könnte auch sagen: im Internet normal (und damit: normal).

Ein ans Netz angeschlossener LG-Fernseher, ein Smart-TV, ist ja nichts anderes, als ein Teil des Internets, ein Ausgabegerät, ein Display. In den Smart-Aspekten ist es ja sogar oft Teil des WWWs und damit letztlich kategorisch kaum von einer Website oder einer Handy-App zu unterscheiden (oder entscheidet die Art der anzeigbaren Inhalte noch die Kategorie der Anzeigegeräte, in allen Darstellungsmodi, Formaten und Codecs?).

Dass also LG-Fernseher TV-Verhalten aufzeichnen, ist scheiße. Tatsächlich ganz, ganz alltägliche Scheiße. Warum also wird das ein Skandal? Weil an solchen Grenzüberschreitungen klar wird, dass alte Kategorien nichts mehr zählen. Den Fernseher gibt es nicht mehr. Das allein regt auf. Andererseits: Den Fernseher gibt es als Erinnerung. Und Internet-Praxis gibt sich im alten Rahmen neu zu erkennen: als die Scheiße, die es ist. Man sollte aufpassen, Internet-Praxis nicht zu verteidigen, nach altem Reflex. Man sollte aber auch merken, wie naiv die Zeit vor dem Internet war – oder wie überschätzt die Datensammelei zu Werbezwecken heute ist. Fernsehen gab es mehr Jahre ohne diese Sammelei als mit. Für die Lebensfähigkeit des Mediums Fernsehens war sie also nicht nötig, höchstens für sein Überleben.

Natürlich ist das Internet ein Ausdruck des Wunsches nach Kontrolle und Rationalisierung; es ist eine Folge der Bürokratisierung. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch für sich stehen könnte. Und das ist vielleicht die hübsche Umkehrung des LG-Skandälchens: Es erinnert daran, dass das Fernehen einst etwas anderes war – und dass das Internet einst etwas anderes sein könnte.

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