Wohin geht die große Streaming-Reise?

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TEXT: SASCHA KÖSCH

Jahrelang galt das Internet als der Feind des Fernsehens. Doch der Erfolg der Netflix und AMCs beweist, dass diese Konstellation zu einfach gedacht ist. Das Netz, so scheint es, schickt sich vielmehr an, die Fehler des Fernsehens zu wiederholen.

Revolution! Wir denken kurz mal zurück. Vor ein paar Jahren noch, da sah niemand mehr fern, weil alle nur noch Serien wollten, die nicht im Fernsehen liefen. Im Original natürlich, sofort natürlich, immer die neuesten, noch besseren. Das Netz war schuld: Peer-to-Peer-Pressure. So fühlte sich das damals an, hierzulande, weltweit. Und auch wenn die Situation in den USA eine andere war, hat diese massive Klauerei zu einem völligen Wandel der Fernsehindustrie geführt. Mittlerweile ist das Ansehen von Serien im Netz das Geschäftsmodell, das bis in die Tiefen der Serien-Produktion der USA alle antreibt. Und jetzt haben wir den Kabelsalat.

Das Netz ist so etwas wie ein Fernseher, ein Entertainment-Kanal. Was zum angucken und konsumieren. Was haben wir früher über solche Ideen gelacht. Das Internet war das Gegenteil des Fernsehens. Aber jetzt ist 2013 und über die Netzleitungen läuft vor allem TV-Traffic. Netflix hat in den USA den Markt fast schon für sich entschieden. Über 30 Prozent des US-Datenverkehrs gehen auf deren Konto – Fernsehinhalte! YouTube wirkt mit 17 Prozent dagegen schon schlapp – zusammen aber machen sie fast die Hälfte aller Datenpakete im Internet aus. Da haben wir die Torrents und Hulu und sonstige Video-Seiten noch nicht einmal mitgezählt. Halb Internet glotzt Serien und Filme, der Trend ist so neu nicht. Das sind klare Zahlen. Sie zeigen, dass das Netz und das Fernsehen mittlerweile eine Allianz eingegangen sind, die kaum einer besser formuliert als der CEO von Time Warner, Jeff Bewkes.

Zu den Quartalsergebnissen sprudelte es aus ihm heraus. Die meist-raubkopierte Serie im Netz zu haben, sei besser als haufenweise Emmys. Kein Shareholder fiel vom Stuhl, in der MPAA-Zentrale wurde keine Notstandssitzung ausgerufen. Wochen vorher hatte Michael Lombardo, Programmchef von HBO, noch vorsichtiger formuliert – schüchterner Blick nach oben -, dass er die Piratenrekorde als Kompliment empfinde (HBO ist ein Teil von Time Warner). Und Kevin Spacey, Netflix-Darling, Producer und Hauptdarsteller in Personalunion, legte nach: Wir leben in goldenen Zeiten, Quote braucht kein Mensch mehr, Fernsehen wird ganz anders werden, wundervolle Zeiten für den direkten Kontakt vom Künstler zum Zuschauer. Lang lebe das Internet.

 
Beste Weltsendezeit
Alle reden von Streams, von immer überall sofort verfügbar, von Content-Abos. Und ja, “Internet first” gilt so langsam auch im Fernsehen. Das Format Serie treibt das Thema an. Bewkes ist schon lange auf dem Kriegspfad gegen das sogenannte Windowing (verschiedene Release-Daten auf verschiedenen Plattformen, Kino, DVD, Fernsehen, Internet). Jenseits der güldenen Konvergenz-Ideen von Smart-TV entwickelt sich ein Start-up nach dem nächsten, das Videos auf uns zustreamen lassen will, für eine Handvoll Dollar.

In Deutschland hatten wir vor ein paar Monaten die ersten Millionenstreams mit den Original-Versionen von Game Of Thrones bei SkyGo, obwohl das nur für Fernsehinhaber und Sky-Kunden zu sehen ist. Und Watchever erspielt sich den Ruf als Vorreiter mit den letzten Folgen von Breaking Bad, die drei Tage nach der Erstausstrahlung im Original, legal zu sehen sind. Überhaupt: AMC (der Kabelkanal von Breaking Bad und Mad Men). Vor 2007 kannte den niemand, jetzt jeder. Und immer rasanter geht AMC genau diesen Internet-First-Weg. Die letzten Folgen des Dramas von Breaking Bad waren fast weltweit überall zu sehen. Vorbei die Zeit, in der man ein Jahr oder mehr warten musste. Die Welt ist auf dem besten Wege auf einem Serienstand zu sein.

Aber wie geht das zusammen? Und warum jetzt? Ein Blick über den Teich klärt da einiges. Bei aller Vorliebe der Kabelsender in den USA für skandinavische Remakes: Dort werden viele Themen und auch Strukturen des Fernsehens erfunden. Der durchschnittliche “Game Of Thrones”- Kabelgucker in den USA ist – Überraschung! – 40 und männlich. Die Kids haben sich vom Kabelfernsehen verabschiedet. Weil sie alles im Netz sehen wollen. Und auch längst können. Die Serie, die nicht gleich im Netz ist, wenn sie über die Kabelkanäle rauscht, ist eigentlich nichts mehr wert, könnte man denken. Und das stimmt auch. Aber es geht um ein Zusammenspiel. Auch wenn Netflix sich über diesen Weg fast aufgeblasen hat zum neuen Imperium, natürlich sichert das Netz auch den Zugang zur eigenen Distribution, HBO Go, Showtime Anytime und wie sie alle heißen. Machtverschiebung wo man nur hinsieht. Da rasseln alle aneinander, aber fuchsen sich erstaunlich gut durch.

Die Basis: Kabelsender bekommen in den USA ihr Geld nicht direkt von den Abonnenten, sondern, da immer Pakete verkauft werden, von den Kabelbetreibern. Eine Hitserie reicht da schon, um das Einkommen von einer Saison auf die nächste um 50 Prozent raufzudrehen. 27 Milliarden Dollar gehen so im Jahr über den Tisch für Nur-Kabelsender. Die Weiterleitung der Nicht-Kabelsender durchs Kabel bringt gerade mal 1,7. Die Verlierer in diesem Spiel mucken schon auf, und der Streit, der CBS vor einem Monat aus dem Time-Warner-Kabel hat fliegen lassen, ist schon legendär.

Früher lief es für Kabelsender so: tolle Serie, viel teure Promotion, mit etwas Glück ein Hit. Promotion kostet und am Watercooler über Serien zu reden, die man nicht sehen kann, erzeugt nicht gerade eine Sintflut. Heute: tolle Serie, jeder kann sie sehen (und sei es über Torrents), massive Mundpropaganda ohne Grenzen. Der Grund, warum das Serien-Business aus diesen Raubkopien einen Vorteil ziehen kann, ist einfach: Serien laufen von Woche zu Woche, ein Verlust in den ersten Wochen, lässt sich durch die möglicherweise rapide ansteigenden zahlenden Zuschauer, die durch die Mundpropaganda hinzukommen, jederzeit ausgleichen. Vor allem, wenn es nicht nur den Kabelkanal gibt, sondern via Streaming einen Zugang für jeden der nichts weiter kostet, als die Eingabe der Kreditkartennummer. Suchtverhalten hilft beim viralen Spiel immens. Und genau hier ist das Streaming von Serien auch ein Businessmodell, das mit dem Streaming von anderen Dingen eigentlich nichts zu tun hat.

 
Stammesritual Fernsehen
Auf genau dieser Basis der Sucht wurden Firmen wie Netflix so groß. Die Tendenz unter den jüngeren Zuschauern geht zum Cord-Cutter. Internet hat man ja sowieso, warum also dann noch Fernsehen aufhalsen. Und die jüngeren wollen sehen, wann sie sehen wollen, der Tagesablauf ist nicht so geregelt, dass man sich Punkt 22 Uhr zur besten Sendezeit einfindet. Fernsehen ist tribal, nicht kommunal. Das ist einfach basal gelerntes Internetverhalten. Zeit muss flexibel sein. Um alle zu erreichen muss die Serie auch überall verfügbar sein. Apple, Android, Netflix, Amazon, Hulu: Es gibt kaum ein Gerät, kaum ein User-Verhalten im Netz, das in den USA nicht längst mit den neuesten Serien abgedeckt wäre. Und Schritt für Schritt nähern wir uns dieses Jahr endlich auch diesem Zustand, denn wer ein Mal Netz sagt, sagt irgendwann auch globaler Markt.

Dem Verlangen nach einem Serien-Marathon, eine Staffel an einem Wochenende von Anfang bis Ende durchzusehen, kommt Netflix nun als logischen nächsten Schritt nach. Vom Streaming-Dienst zum Inhalte-Provider. Nach dem Motto: Wer die Distribution hat, muss auch für den Rest sorgen können. House Of Cards zeigte vom ersten Moment an alle Folgen, bei der Weeds-Nachfolge-Serie Orange Is The New Black war es genau so. Die Saison droht zu einem Wochenende zu schrumpfen, wir sind gespannt, ob Kabelbetreiber in der Union mit Streaming-Betreibern folgen werden. Allein schon die Rechnung, die Netflix aufmacht, klingt zunächst atemberaubend. Um eine komplette Staffelproduktion (mit 50 Millionen Dollar Kosten) zu finanzieren, brauchen sie “nur” 500.000 neue Abos für ein Jahr. Nur? Kein so massiver Anteil an den 38 Millionen Subscribern, und nicht so unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass Netflix in fast 50 Ländern läuft. Und auch Amazon steigt gerade (die dürfen ja wegen Bezos sowieso nie Gewinne machen) in die ersten eigenen Serienproduktionen ein und sind hierzulande via Lovefilm eh gut positioniert. Und auch Google ist mit YouTube nicht faul und baut gleich mehrere Studios, um die Qualität der DIY-Posse mit Location- und Technik-Unterstützung raufzuschrauben.

Uns wurde ja immer vorgegaukelt, dass es um Smart-TVs oder Internet auf dem Fernsehen gehe. Aber wichtiger ist, dass die Fernsehindustrie der USA langsam erkannt hat, eine Serie sollte bei Erscheinen am besten weltweit legal im Internet zu sehen sein. Das wird in Kürze dazu führen, dass Serien auf dem Fernsehen zu sehen immer mehr heißt, sie eigentlich über irgendeinen Streaming-Service zu sehen, und sei es via Chromecast. Das heißt, das Neue im Fernsehen, der Straßenfeger sozusagen, wird zwar noch auf dem großen Bildschirm laufen – aber trotzdem längst nach den Gesetzen des Netzes funktionieren. Was für die extrem große Kabelsender-Szene in den USA sicher ein Riesenvorteil ist, dürfte hierzulande aber erst Mal zu einem neuen Kampf zwischen Kabelprovidern und Netzservices führen.

Kein Wunder, dass die Telekom da schon einmal vorprescht und sich via netzneutralitätsfeindlichem Volumen-DSL einen Vorsprung sichern will. Nachdem das Internet dem Fernsehen die Regeln des Spiels so lange erklärt hat, bis das Businessmodell völlig umgekrempelt wurde, kommt am Ende vielleicht doch das Prinzip Fernsehen im Internet an: mit einer neuen Erfindung des Mangels. Wir können dann zwar alles immer preiswert sofort überall sehen, aber nicht so viel wir wollen oder nicht von dem Anbieter, von dem wir es wollen. Denn dann steht der Leitungsinhaber auf der Leitung. Es scheint fast so, als hätten Internet und Fernsehen plötzlich die Plätze getauscht.

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Elektronische Lebensaspekte.

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