Tagesordungspunkt: Tanzen & Politik

Haben alle mitbekommen? Auch in Berlin wird morgen im Regierungsbezirk getanzt. Nicht nur in Tiblisi. Dabei? Gut.

Endlich mal wieder. Die Berliner Clubszene schließt sich zusammen und geht aus politischen Gründen auf die Straße. Und auch so gut wie geschlossen. Also alle und jeder dabei. Der seit Jahren brachial lauter werdende Rassismus von AfD und Pegida macht’s möglich. Dankbar ist denen deshalb logischerweise niemand. Wichtig ist es trotzdem.

Zum einen bringt es Politik und Clubs mal wieder zusammen, besser vielleicht Musik, Tanzen und Widerstand. Widerstand für eine gelebte Vielseitigkeit. Ist zwar immer Thema, aber da besteht immer auch Nachholbedarf. So explizit sich manche Clubs in der Stadt auch politisch positionieren und so sehr man partiell auch immer wieder aktiv wird, oft genug geht auch das dann wieder im Cluballtag unter, noch öfter im Netz. Dabei waren diese Themen immer schon für die Clubkultur bestimmend, und immer ein Grund konsequent an vielen Stellen nachzubessern und die so oft thematisierte und glorifizierte eigene Geschichte erneut auf den Prüfstand zu stellen.

Denn einfach war auch das nie. Als House und Techno mit seinen Ursprungsmythen in Deutschland etwas verspätet, aber in Berlin besonders laut ankamen, haben zu Recht alle auf diese eigentlich unmissverständlich fundamentale, wenn auch oft genug eher blumig formulierte Differenz gepocht, die sich in Mythen wie “Jack’s House” und endlosen weiteren Variationen als roter Faden bis heute durch die Clubkultur zog. Und seitdem wurden wir nicht müde die Ursprünge in schwuler und schwarzer Kultur als zentrale Grundlagen dieser Gegenbewegung irgendwie in Position zum Quasselfeuilletonargument einer neuen apolitisierten, verdrogten Hedonismusjugend in Stellung zu bringen.

Klar, die besonders lauten Protagonisten hatten auch in Deutschland Anfang der 90er keine Probleme damit aus eher hippieesk konnotierter zweiter Acidwelle (“Summer of Love”) ein noch weiß gewascheneres, extra biederes “Friede, Freude, Eierkuchen” zu backen, aber selbst darin konnte noch den Rest einer Nichtanerkennung vorgeschriebener Unvereinbarkeiten (Hedonismus/Politik, Naivität/Ernsthaftigkeit, etc.) ablesen. Auch klar, selbst intern war bei allen Berlin-Detroit-Allianzen eine große Menge an Blauäugigkeit omnipräsent, hinter der sich Rassismus bspw. in kultureller Appropriation mehr oder weniger gut verstecken konnte, obwohl die Detroit-Größen das ständig zur Sprache brachten. Und während der Techno-Boom noch in den Kinderschuhen steckte und die Love Parade sich ein Jahr zuvor “My House Is Your House And Your House Is Mine” zum Motto erkoren hatte, brannten 92 die Asylheime.

Natürlich kam eine im Grundgestus antirassistische und antisexistische Jugendbewegung nicht mit der direkt dazu passenden Jugend an, sondern musste sich Schritt für Schritt erst – vor allem auf der Party – genau dieses Selbstverständnis erarbeiten. Wirkte nur nicht wie Arbeit. Wir wetten, nicht nur Dimitri Hegemann kann unvorstellbare Geschichten von den ersten Begegnungen von UR mit den Ravern im Osten erzählen. Und all das ist keine Geschichte, sondern Sexismus und Rassismus sind auch in der heutigen Clubkultur immer noch viel zu oft Praxis. Aber eben eine, die man schon seit ein paar Jahren nicht mehr stillschweigen muss (ja, man “musste” nie), um die eigenen Mythen zu wahren, sondern eben offen und oft diskutiert, weil es immer etwas zu verhandeln gibt, wenn viele Menschen zum Feiern aufeinander treffen. Vorteil, wir haben immer noch den ziemlich zentralen schwummrigen Dancefloor auf dem zumindest in der inhärent mitschwebenden Ideologie alle gleich sind.

Den also, auch wenn man das ermüdend finden mag, auf die Straße mit seinem zentralen Gestus zu bringen ist immer ein Grund zu feiern. Die Organisation sagt das so:

“Berlins Clubkultur ist alles, was die Nazis nicht sind und was sie hassen: Wir sind progressiv, queer, feministisch, antirassistisch, inklusiv, bunt und haben Einhörner. Auf unseren Dancefloors vergesellschaften sich Menschen mit unbegrenzten Herkünften, vielfältigsten Begehren, wechselnden Identitäten und gutem Geschmack. Demgegenüber verkörpern AfD und Pegida ein repressives, heteronormatives, antifeministisches und rassistisches Bild von Gesellschaft.”
FB Event

Das stimmte auch so schon immer. Selbst wenn die Worte sich ein wenig gewandelt haben mögen. Liest man sich die FB-Event-Diskussion dazu durch, dann tauchen immer noch einige der gleichen reflexartigen Gegen-Themen auf, die es immer schon gab, vielleicht sogar früher mehr. “Soundsotürsteher hat mich nicht reingelassen, dass nennt ihr INKLUSIV”, “Berghain macht nicht mit! Elitärer Haufen” oder, Brüller, “Ich will einfach nur feiern, bin ich deshalb ein Nazi?”. Alles “Argumente” die man in abgewandelter Form seit (fast) drei Jahrzehnten schon so “in der Szene” gehört hat und das nicht nur auf dem Junge-Union-Wagen der Love Parade. Und genau wegen dieser Diskussion ist eine “Gegendemonstration” wichtig. Nicht weil man sich gegen die AfD positioniert (denen ist eh nicht zu helfen), sondern weil man sich intern nie oft genug neu zu dem positionieren kann, was man selber sein will, denn die Definition der Berliner Clubkultur ist keine Zustandsbeschreibung, sondern ein Bekenntnis, ein Versprechen so sein zu wollen, zu dessen Erfüllung man auch gerne mal zur Siegessäule auf die Straße geht.

Wo: 10 Uhr Europaplatz/Hauptbahnhof, 11 Uhr Hansaplatz, 12 Uhr Siegessäule. Für Kinder gibt es übrigens extra einen “Kinderlauti” auf Position zwei hinter dem Reclaim Club Culture Wagen.

Offtopic Randbemerkung zum Bild oben. Wer immer da wie blöd für andere Demos des Tages rumgestickert hat, bitte merken: auch wenn man total von der eigenen Sache überzeugt ist, muss man nicht unbedingt Infoplakate von Grundschulen für die Spielplätze der Kids überkleistern.

Eine Antwort

  1. Cyrill

    Mir sind diese Begriffe wie Sexismus und Rassismus zu abgegriffen und zu oberflächlich, als das man sie als repräsentativ in einem Artikel oder einer Demo erwähnen sollte. Auch US-House & Techno-Legenden haben in den VIP-Bereichen Aussagen in den Raum gestellt, die wirklich nicht gerade sehr respekt- und taktvoll gewesen sind. Wenn Kameras laufen oder Interviews geben werden, dann zeigen sich die meisten doch von ihrer Schokoladenseite (bitte nicht politisch verstehen). Ist man unter sich, sieht es nicht gerade selten auf den unterschiedlichsten Ebenen etwas anders aus und das ist leider auch in der elektronischen Musikbewegung der Fall. Diese wunderbaren Tugenden wie Respekt, Toleranz, Liebe usw. scheitert doch bereits bei vielen Clubs bereits an der Tür. Im Club selbst hört man aber dann Parolen wie “My House is your House”, “we make no difference”, “you may be black, you maybe …”. Irgendwie paradox. Das ist natürlich kein neues Phänomen, sondern begleitet auch die House- & Technogemeinde beinahe von Anfang an. Das tolerante Bild, welches diese Szene pausenlos transportieren möchte ist eigentlich das Ornanieren auf eine Illusion, die man immer wider aufs Neue vermarkten will, und hier ist auch ein Dimitri Hegemann gerne mit vorne dabei; mit seinen stereotypischen und sich permanent wiederholenden Geschichten, die einem beinahe zum Halse herhaushängen. Es gibt auch ganz andere Stimmen und Charaktere der “ersten Stunde” dieser Szene, die sich nicht so in der Vordergrund spielen, aber einen viel differenzierteren Blick auf diese angeblich ach so tolerante Kultur zu transportieren vermögen. Vielleicht einmal nicht auf den alten Abenteuern ausruhen, sondern der evozierten Illusion die Stirn und das Tanzbein bieten, um daraus eine funktionale und farbenfrohe Realität zu gestalten.

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