Krautrock und Elektronik der ersten Tage als Buch

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Die Welle der Oral-History-Bücher reißt nicht ab. Nachdem der Klang der Familie von Sven von Thülen und Felix Denk es sogar zu einer englischen Version gebracht hat, kommt jetzt schon die nächste Vergangenheit auf uns zu. “Electri_City” von Rüdiger Esch (Bassist bei den Krupps) führt uns durch die elektronische Szene Düsseldorfs, von den ersten Krautrocktagen bis hin zu der Mitte der 80er, kurz bevor also das, was wir so als Elektronische Tanzmusik verstehen, überhaupt erst angefangen hat.

Zu Wort kommen – wie üblich in diesem Format – die beteiligten der Düsseldorfer Musikszene, hier und da auch die Randpersonen aus der Musikindustrie (Major und gerade formierende Indies), selbst der erste Punk Deutschlands, die Plans, La Düsseldorfs, Kraftwerks, Krupps, DAFs und Neu!s. Aber auch ein paar derjenigen, die als Rezipienten der ersten Elektronik-Bewegung aus Düsseldorf hinterher selber zu elektronischen Popstars werden.

https://www.youtube.com/watch?v=MK4MZQMLDo8

Dabei geht das Buch systematisch von Jahr zu Jahr vor, liefert auch einen kurzen zeitlichen Rahmen mit ein paar Eckdaten auch über Düsseldorf hinaus, wirkt aber alles andere als eingleisig. Man erfährt viel, manchmal vielleicht auch zu viel von dem Pool an Leuten, die die Basis aus Neu! und Kraftwerk bildeten, irre viel über die Techniken und Motivationen der einzelnen Beteiligten, die Szene in der sich das jeweils abspielte, die enge Verbindung von Kunst, Mode und Musik im Schmelztiegel der Düsseldorfer Altstadt und jedes Jahr scheint irgendwie einen völlig anderen Fokus zu haben. Rasante Zeiten.

Mal ist es die wilde Partyszene im Creamcheese, die Kunst, die Experimente, der Blick von außen, dann plötzlich hängt man über viele Seiten im Studio bei Conny Plank ab, oder beschäftigt sich mit Bandinterna, wer grad mit wem wo und warum feiern geht oder gerade den Sitzplatz in Band soundso getauscht hat. Düsseldorf erscheint mal als innovatives Mekka, dann als rheinischer Spießbürger dem es sich mit allen Mitteln zu widersetzen gilt, mal als flache schillernde Stadt von Prä-Yuppies, mal als brodelndes Kunstuniversum in dem alles zusammenfließt.

Natürlich deckte auch schon “Verschwende deine Jugend”, der Vorreiter dieser Bücher, einiges davon ab, aber so tief abgetaucht in die Welt von Krautrock, den Kampf um die Entwicklung der Elektronik außerhalb der Akademe, bis hin zum Lötkolben und dem Hintergrund der diversesten innovativen Studios ist man noch nie. Ich jedenfalls hab das Buch verschlungen. Bis zu dem Punkt, an dem es mit Belfegore und Propaganda in Musik ausufert, die mir eh nie etwas gesagt hat und ich nun ein wenig genauer wusste, warum.

Auch wenn man sich zwischenzeitlich wünscht, das Ganze hätte etwas mehr Einheitlichkeit, ist es gerade die Vielfalt der Stimmen und Erzählungen, die “Electri_City” ausmacht. Mal wird Düsseldorf völlig verklärt, dann wieder prompt behauptet, es hat nicht mal eine Szene gegeben, nur einen Haufen von Einzelkämpfern, die sich am liebsten die Butter vom Brot aus purem Neid geleckt hätten. Die Kämpfe die neue Musik immer in sich tragen muss, werden sehr transparent gemacht, die verschiedensten Strategien oder die willentliche Abwesenheit davon sind stellenweise zum greifen nah, so dass, wenn man alt genug ist, die eigenen Kämpfe dieser Zeit sich darin wieder direkt verwickeln, manchmal aber vertieft sich das Buch auch in Aufnahmedetails von Platte XY, die einem irgendwie den nervigen Alltag etwas zu nahe bringen. Aber genau das gehört einfach auch dazu.

Dennoch blitzen überall immer wieder Erzählstränge auf, die einen sofort mitreißen, selbst wenn man nicht damit gerechnet hätte und dann geht man eben mal auf die unverhoffte DAF Tour mit nach England und nagt mit der stetig schrumpfenden Besetzung am Hungertuch. Was man definitiv mitnimmt sind aber nicht nur diese Einzelgeschichten, sondern einen Überblick über die Details der künstlerischen und technischen Entwicklung (und deren Zusammenspiel nicht nur im ständigen Ausleihen von MS20) von elektronischer Musik, einen Überblick über das schon damals vorhandenn Schillern zwischen “Megastar”, Geldadel der sich das neuste Equipment leisten kann und purer Armut, die sich hauptsächlich durch künstlerischen Willen (manchmal auch als froher Bauarbeiter) über Wasser hält. Und die verschiedensten Strategien mit einem neuen Phänomen, neuer Musik, Entdeckung ungeahnter Ästhetik, Selbsterfahrung und Vermarktung umzugehen. Natürlich auf speziell Düsseldorfer Weise.

In dieser Hinsicht stört es auch nur bedingt, dass plötzlich Seitenweise Agenturszenen auftauchen, die mit dem Thema irgendwie nix zu tun haben, gegen Ende sich alles um Vermarktung zu drehen scheint und die Party irgendwie kaum noch stattfindet. Auch das ist Düsseldorf. Schließlich hat man dann längst erfahren wer wo welche Grenzen im eigenen Mensch-Maschine Kosmos setzt, warum der Bruch des Sequenzers tiefer geht, als man zunächst ahnt und selbst Szenen entzweien kann, aber auch Überlappungen erzeugen, die man kaum erwartet hätte.

Am Ende ist man sich dennoch nicht ganz sicher, ob die überschaubare Handvoll Mitstreiter wirklich alles war, was Düsseldorf zur Elektronik beizutragen hatte. Prägend genug waren sie. Auch wenn sie alle irgendwie zugezogen zu sein scheinen. Oder ob man nicht doch durch die Beschränkung auf Elektronik jetzt wesentliches verpasst. Es ist eben ein fragmentarisches Geschichtsbuch, nicht nur in der Herangehensweise, sondern auch gewollt, als Produkt. Reiht sich so aber gut in die anderen des Genres ein.

Natürlich wird trotz aller Vorherrschaft der viel beschworenen Jahrzentewende-Androgynität auch klar, wie wenig Frauen da in Düsseldorfs “Electri_City” mitspielen (nein, die Schwestern von Florian Schneider zählen nicht). Und Beate Bartel wird obendrein nicht müde zu betonen, dass das mit Liaisons Dangereuses und Düsseldorf doch eher eine Verwechslung ist. Selbst Christina Schnekenburger hatte als DAF Background, und später bei den Krupps eher eine Randposition im elektronischen Universum.

Die gelegentlichen Ausblicke jenseits des eh eingemeindeten Wuppertals (Bowie, Moroder, Iggy Pop, Amerika Touren von Kraftwerk, Auftritte im scheinbar bei allen mit Argwohn betrachteten Berlin) bereichern das Buch um Positionierungen, von denen man sich, ähnlich wie im Bereich Politik (Neu! für Willi) gelegentlich mehr gewünscht hätte, aber man nimmt auch das irgendwie hin, als einen Ausdruck der Szene, der der Satin-Schal, der Mercedes 600 und der prickelnd heimelige Sekt aus “Das Modell” gelegentlich wichtiger ist, als die globale Welt da draußen.

Überraschend dürfte vielleicht auch die Klarheit des Bruchs sein, der – trotz gelegentlich personeller Überschneidungen – zwischen der ersten Szene aus dem Umfeld von Neu! und Kraftwerk (in der man ulkigerweise auch Marius Müller Westenhagen findet) und der zweiten eher Punk-beeinflussten Szene auch im Buch entsteht. Plötzlich wird der Hebel umgelegt und alles ist anders.

Perfekt ist das Buch, das natürlich mit einer CD zusätzlich (aber nicht beigelegt) erscheint, eigentlich mit geöffnetem YouTube Fenster (wobei die Düsseldorfer Urväter besonders auf ihre Rechte zu achten scheinen und das meiste wirklich nur mit VPN-Plugin zugänglich ist) und der ständigen Begleitung der sich rasant entwickelnden Musik dieser Zeit.

Auch wenn die unerwarteten Ausgrabungen aus der Vergangenheit, die einem grundgebildeten der elektronischen Musik nebenher präsentiert werden, überschaubar bleiben, so ist das doch der perfekte Soundtrack und im Zusammenhang mit den Stimmen zur Zeit eben auch noch klarer zu verstehen.

Und man glaubt – selbst in dieser Zeit, in der Geschichte und Lokales schnell zu einem leicht zusammenclickbaren Brei zusammenschrumpfen – noch nachvollziehen zu können, warum in Düsseldorf immer noch ein anderes, gebremsteres, oder, wenn man so will, relaxteres Tempo mitschwingt.

PS: Der Plan kommt, obwohl die alle ständig mitplaudern, irgendwie zu kurz.

2 Responses

  1. apoll

    na dann werde ich mir das, vor dem DAF und FEHLFARBEN gig im zakk demnächst, mal vor ort organisieren …

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