DJ Hell

DJ Hell, eine nackte Madonna und tausend Federn
Als einstiger Ultra Hardcore DJ der Nation, hat sich DJ Hell, spätestens seit “My Definition Of House” ein neues Image aufgebaut. Seine Follow Up Platte ließ lange auf sich warten und vielleicht sollte man diese Doppel 12″ garnicht als eine solche sehen, denn enstanden ist ein sehr persönliches Album mit unterschiedlichsten Stücken, die von Acid über House bis zu minimalistisch geprägten Tracks geht.
Frontpage sprach mit DJ Hell nach seiner Rückkehr aus Austin,Texas.

FP: Deine neue Platte ist eine Compilation von Stücken, bei der jeder für sich einen anderen Favoriten hat?
H:Das ist auch so geplant b.z.w. konzipiert gewesen, daß jeder Track für sich eigentständig ist, für etwas bestimmtes steht.
FP: Wie ist es zu diesem Album gekommen.
H: Die Arbeit zu der Platte ging los, im April vor einem Jahr. Ich dachte mir ich mach zur My Definition of House ein Follow Up für R&S. Damals habe ich im Hardwax gearbeitet und Mike van Dyke kam öfters mal herrein. Wir haben den selben Musikgeschmack gehabt, auf Parties zusammen aufgelegt und ich suchte auch einen Partner in Berlin, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte. Dann war es nur logisch, daß ich mit ihm ins Studio gegangen bin und habe den “Herz” Track gemacht habe. Das war für mich die logische Weiterentwicklung von meiner Musik. Weg von den Streichern, etwas neues finden und dann kam die Idee mit den Herztönen. Da gibt es in “Angel Heart”, mit Micke Rourke diese eine Vodoo Szene, mit den Herztönen, die ich gesampelt habe. Herrausgekommen ist dieser Track, unter anderem mit Stimmensamples einer alten Detroitplatte, die ich im Hardwax gefunden habe. Danach haben wir mit Throbbing Gristles “Hot On The Heels Of Love” einer Cover Version b.z.w eine Neuaufarbeitung von diesem gemacht. Das ist für mich eines der ersten Housestücke überhaupt, enstanden 1979 auf der Jazz funk Greatest. Schon dort hört man schon eine 808 und Ansätze einer Bassline
FP: Was habt ihr von dem Stück übernommen?
H: Es ist eine 808 Tom Melody, Stimmensamples, Vokodermäßige Stimme und eine Fläche übriggeblieben. Den Rest haben wir neugemacht.
FP: “Hot On The Heels Of Love” ist eines meiner Favoriten!
H: Im Nachhinein bin ich damit nicht ganz glücklich. Ich würde es jetzt noch minimaler und monotoner machen. Wir haben uns schon im Studio immer Dedanken darüber gemacht und so ist es dann geworden.

POLITIK:
H: Ich habe das Tape dann an Renaat von R&S geschickt und der meinte, “Herz” wäre vielleicht eine B-Seite zum Follow Up von My Definition of House. Der Rest des Materials gefiel ihm überhaupt nicht. Im Nachhinein habe ich es dann doch eingesehen, daß das kein Material für ihn war.
FP: Auf deiner Platte ist aber mit “I Feel Love”, ein Stück, daß bestimmt auch Renaat gefallen hätte. Das war dann bestimmt noch nicht bei dem Material das du ihm angeboten hast oder?
H: Nein , daß kam erst später. Ich habe darüber letzten Jahr mit Reinhart Götz gesprochen. Der hat mir gesagt, daß er Bücher rausbringt, die der Verleger einfach nicht haben will. Gut, ich bin dann wieder ins Studio zurück und habe neue Tracks gemacht und das erste Stück das dabei herrauskam war “Allerseelen”. Das ist ja einer meiner Lieblingstracks, der am wenigsten cluborientiert ist von allen. Die Arbeit im Studio ist ja immer stark von Gefühlen abhängig und bei “Allerseelen” war es z.B. so, es war ein kalter regnerischer Tag und dann ist die Stimmung eben entsprechend trübselig, unterkühlt, melancholisch, dark. (trübselig).
Dabei sind noch drei oder vier ganz schräge Versionen entstanden, die nie veröffentlicht werden….
“Allerseelen” habe ich dann zu Renaat geschickt, als mögliche A oder B-Seite und da kam garnichts.
FP: Das ist natürlich auch eine harte Entscheidung von dir. “Allerseelen” ist wirklich ein total unkommerzieller Track und so hätte dich seine Ablehnung nicht verwundern sollen
H: Nun, Renaat hat ja auch Möglichkeiten mit Diatomyc oder Apollo.
Im Grunde genommen sind dadürch immer mehr Stücke enstanden und es wurde dann letztendlich eine Doppelmaxi.
Das letzte Stück der Platte, “My Life Is Hell” geht dann wiederum auf “Allerseelen” zurück und ist entstanden bei unserem Versuch es neu zu schreiben.
FP: Was hat es eigentlich mit “Mutterleib” auf sich, der Titel läßt eine Aussage vermuten.
H: Das Stück geht zurück auf ein Babybuch, daß mir mein Bruder geschenkt hat und in dem war eine Cassette, mit der Aufschrift: “Das hört das Baby im Mutterleib”. Ich dachte mir, WOW, was ist das? Er hat mir dann erzählt, daß er die Cassette gebraucht wenn sein Sohn Schlafschwirigkeiten hat. Dann kann sich das Kind erinnern an die Geräusche im Mutterleib, die Sequenzen und die Herztöne. Als ich mir das Tape zum ersten mal angehört habe, dachte ich direkt, Mensch, oben links ist das Herz! Das war irgendwie eine Erinnerung und ich dachte mir, wenn man das in einem Club spielt, sich vielleicht die Leute daran erinnern. Ich bin mir nicht sicher, eventuell muß man den Hintergrund wissen, um es verstehen zu können.
FP: Welcher Zusammenhang besteht zwischen “Herz” und “Mutterleib”?
H: Der Zusammenhang zeigt sich nur bei der CD, die eine andere Tracklisting hat, als das Vinyl. Die CD beginnt mit von außen aufgenommenen Herztönen und endet mit Herztönen, die von Innen.
FP: Was verbindest du jetzt mit der Platte. Was hat sich daraus für dich entwickelt?
H: Was ich im Laufe der Produktion erst realisiert habe, was das ganze eigentlich für mich bedeutet, ist, daß es eine ganz persönliche Sache geworden ist. Eine Aufarbeitung meines ganzen Lebens.
FP: Das wäre aber bestimmt nicht so gekommen, wenn es mit der Platte nicht so lange gedauert hätte?
H: Bestimmt nicht.
FP: Von deiner Platte soll es ja angeblich zwei Versionen geben.
H: Die ersten, auf hundert limitierten Platten, waren mit Federn eingeschweißt. Ich habe mir hier im Kaufhaus ein Kopfkissen gekauft und die Gänsefedern ins Preßwerk geschickt. Die haben das eingeschweißt, mit Klebespray… Ich habe echt nicht gewußt wie das aussieht. Die Platten kamen an und ich mach die Kiste auf und es staubt nur so und die Federn kommen mir entgegen. Zuerst dacht ich, es darf nicht wahr sein. Die Tracklist war nicht im Umschlag und ich habe mit dem Gedanken gespielt die Cover noch mal aufzuschneiden, habe sie aber dann doch so gelassen. Die Platten sind so versendet worden, nur mit Federn.
FP: Hat dich das geärgert?
H: Am Anfang war ich schockiert, aber dann dachte ich mir, jeder muß damit klarkommen. Ich weiß nicht, wie die DJs damit klargekommen sind.
FP: Ich muß dich noch etwas zu deiner Platte fragen. Im grunde sind alle Stücke sehr verschieden voneinanden, aber der Northstar Remix von “My Definition Of House” ist schon etwas besonderes. Das Stück hat so wenig Substanz an Materie, daß man ihn überlaut aufdrehen muß, um überhaupt etwas zu hören. Ein derart delikates Stück, das irgendwie nur aus Luft besteht? Gibt es Leute, die sagen, die Platte ist geil, aber der Remix ist total scheiße? Wie war deine Reaktion auf den Remix?
H: Genauso wollte ich es, der Mix fällt im Vergleich zu den anderen Stücken von der Substanz derart stark ab. Ich mag diese Low Budget Atmosphere von Northstar gerne. Gut, am Anfang konnte ich nicht damit umgehen, habe mir gedacht, das hat ja reichlich wenig mit dem Original zu tuen. Nach und nach wurde mir dann bewußt, wie gut er gemacht war. Andere, die die Platte gehört haben, konnten nicht ganz verstehen, was der Mix soll.
FP: Du warst gerade auf US Tournee, bist gerade zurückgekommen. durch welche Platte kannte man dich dort?
H: My Definition of House und die ganzen Tresor Sachen. Da hatte Tresor gute Arbeit geleistet in Amerika. Die Red Bull kam nicht so durch, obwohl sie ja dort gemacht worden ist. Ursprünglich aufgenommen worden ist sie in New York. Im Palladium war unten im Keller ein Studio und da habe ich sie gemacht. Ich habe dann das Acetat mit rüber ins Limelight genommen und es dort gespielt. Jeff Mills und Lord Michel von Vortex waren an diesem Abend dort, fanden es geil und haben gesagt wir brauchen mehr Stücke und so bin ich nochmals ins Studio gegangen.
FP: Welchen Eindruck hat die US Tour bei dir hinterlassen?
H: Es war sehr sehr interessant, würde ich sagen. Wir sind gestartet in Florida und sind dann rüber nach Texas. In Florida ging es los mit einer Disko B- Plattenpresentation in einer Bar, direkt am Oceandrive, wo Shade ihren letzten Video gedreht hat, wie ich im nachhinein erfahren habe. Der Abend war sehr gut besucht, denn das Miami Music Seminar war gerade an diesem Wochenende und es waren Leute aus ganz USA dort.
FP: Wie sind dort die Disko B Platten angekommen?
H: Die Leute haben natürlich fast nichts gekannt aber nach einer Weile haben sie es kapiert und es ging ab. Das große Problem ist den Staaten, ist noch immer die PA. Einen Tag später gab es eine von Vibe Records organisierte Party in einer super Lokation, unter einer Autobahnbrücke auf der ich auflegen sollte und nach ganzen fünf Stunden hat sich dann herrausgestellt, das das Mischpult kaput war. Das war super ärgerlich, weil da genau die richtigen Leute da waren, die feiern wollten. Wir sind dann abgehauen nach Fort Lauderdale, wo Plus 8 eine Party gemacht haben, in einem Club names Edge. Das hat mir wirklich gut gefallen. Das war ein richtiger Tribal Abend, mit Josh Wink von Nerveus und John Aquaviva. Was mir aufgefallen ist, daß die ganzen amerikanischen DJs, total englisch beeinflußt sind. Progressive House oder was auch immer das ist, ich weiß ja nicht. Musik wo sehr viel gesampelt wird, z.B. funky Gitarrensamples drin sind. Musik die bei uns keiner spielt oder nur ganz wenige, wie Paul Cooper und Paul van Dyke. In den Plattenläden, daß ist interessant, gibt es fast nur englische Platten und wenn nicht, dann Hardhouse Platten. Disko B Platten oder Space Teddy habe ich hier nirgens gesehen. Was es sonst noch gibt, sind Djax Up, Force Inc und Labworks Platten. Es stehen immer die gleichen Platten dort in den Läden.
FP: Das ist dann für Disko B eine Herrausforderung, dieses zu ändern oder nicht?
H: Ja wir müssen kleine Label kontakten, oder vielleicht Disko B Amerika ins Leben rufen. Man kann auch drüben, viel billiger Platten pressen als bei uns und auch viel schneller arbeiten.
FP: Mit dem Siminar selbst hattet ihr nichts zu tuen?
H: Nein wir waren über einen privaten Kontakt da. In den USA ist es ja noch immer ein großes Problem Platten zu bekommen, wenn du nicht mit einem großen Vertrieb Hand in Hand arbeitest. Dort geht fast alles über Watts. Lenny D und Blake Baxter meinten, das alleine 85 % ihrer Platten in Europa verkauft werden. Es gibt dort noch keinen Markt für Techno.
FP: Ihr seid danach in Austin Texas aufgetreten, du und DJ Upstart. Wie war das?
H: Austin ist eine Rock Stadt. Country, Rock und Rockabilly. Wir kamen genau an, als dieses South By South West Festival dort stattfand. Über 500 Gitarrenbands waren eingeladen, 1000 haben alleine in der erste Woche gespielt und wir waren die einzigen die elektronische Musik gespielt haben. Das war lustig. Das ganze war in einem Schwulenclub und gekoppelt mit einer Performance von einer local Madonna. Auf dem Flyer war dann ein Bild von ihr, nackt, wie sie tanzt und wir dachten oh mein Gott. Der Abend war, im nachhinein betrachtet, der allerbeste der Tour. Oft muß man sagen, kann das Publikum nicht mit der Musik umgehen, hab ich die Erfahrung gemacht. Wenn die Bassdrum nicht durchgeht oder schwirige, experimentelle Sachen kommen, dann gehen die Leute von der Tanzfläche. Die sind oft sehr eigenwillig und können sich nicht dazu bewegen. Im Limelight ist das noch vor zwei Jahren so gewesen, daß Teile des Publikums Break Dance getanzt haben. Da legt sich einer auf den Boden, macht das Break Dancing und um den herrum bildet sich ein Kreis von Leuten, die nur herrumstehen und glotzen. So super wilde Parties, wie wir sie hier kennen, die passieren drüben überhaupt nicht (Anm. der Red. Zumindest nicht in Clubs aber auf Raves!!!!). Die Amerikaner wollen auch immer Live Bands sehen, wenn du da oben Platten auflegst, dann interessiert das keinen. Da geht man weg und trinkt eine Cola. Außer du bist in Austin und legst im Schwulenclub auf. Das war total überraschend. Da war ein super Soundsystem und Upstart hat ungewöhnlich hart aufgelegt. Hart, hat für die eine völlig andere Definition. Hart ist für sie Peace Frog und Jeff Mills. Das ist das non plus ultra an Hardcore, daß härteste was sie jemals gehört haben. In dem Gayclub haben wir dann Studenten kennengelernt, die eine Afterhour danach organisiert haben und sind somit in die Austin Rave Szene eingetaucht. Diese wohnen alle in kleinen Holzhäusern, eng beieinander und machen des öfteren Chill Out Parties. Waren sehr gut informiert, hatten alles auf CD, denn Platten sind dort sehr schwer zu bekommen, wie gesagt. Mitbekommen haben wir auch, daß die sehr populären Collegeradiosender, wenn sie elektronische Musik spielen, es meist EBM und New Beat ist.
Auf den Nachhauseweg haben wir dann, mit 20 Leute noch eine nette Party am Strand gehabt und ein Kinderzimmer Treatment.
FP: Kinderzimmer Parties hast du schon zuvor in Deutschland gemacht.
H: In Berlin und in München habe ich eine gemacht. Die Idee kam uns durch die Toten Hosen, daß man uns einfach bestellen konnte und wir haben dann im Wohnzimmer aufgelegt. Ich plane übrigens für diie Loveparade einen Kinderzimmerwagen zu machen, nur für Kinder, suche aber noch Sponsoren! Das sieht so aus, daß ich auflege und die Kinder tanzen. Es sind einfach so viele Mütter da, die mitfahren und ihre Kinder zuhause lassen müßten. Das ist also so ein Nebenprodukt der Kinderzimmer Sache und eben diesen ganzen überhöhten DJ-Gagen entgegen zu steuern. OK, ich lebe auch davon, aber ich mag auch mal im kleinen, umsonst auflegen, rufe Freunde an……..
FP: Das ist aber auch irgendwie wichtig oder geradezu Notwendig für einen selbst, mit der Routine zu brechen. Oder was meinst du?
H:Doch doch, daß mit entscheidene für mich war, wie es in Berlin passiert ist, daß Leute , die ich überhaupt nicht kenne, mich anrufen und fragen ob ich nicht Lust habe auf deren Einweihungsparty aufzulegen.
Ich habe mit Mo(Elektro/Hardwax) zusammen in einer super Penthouse Wohnung mitten in Kreuzberg aufgelegt, wo, als wir ankamen, wir dachten, daß die Leute spätestens nach fünfzehn Minuten gehen würden. War aber nicht so, war super cool. Es gab auch Anrufe von Leuten, die uns für ein Jugendzentrum haben wollten, aber das entspricht natürlich nicht unserer Idee von Wohnzimmerparty
FP: Wie viele von solchen Parties hast du gemacht?
H: Ich habe vier gemacht bis jetzt. Die erste Idee war ja auch live zu spielen, mit den IO Cheap Jungs aus Wien. IO live im Badezimmer und ich spiele Platten im Wohnzimmer. Sitzen alle da schauen MTV und trinken Cola.
FP: Das ist bisher aber nicht so zustande gekommen?
H: Nein, entweder sind die Wiener in Wien oder ich bin in München. Momentan ist Mo vom Hardwax, der offizielle Kinderzimmer DJ.
FP: Ist die Sache zeitlich begrenzt oder nicht?
H: Zuerst wollten wir es nur auf zwei Monate beschränken, aber jetzt haben wir beschlossen, es das ganze Jahr über zu machen.
FP: Wie sieht die Zukunft aus, was machst du als nächstes?
H: Ich werde in diesem Jahr, noch eine Doppel 12″ herrausbringen. Vielleicht auf Dave Clarks Label, Magnetic North, ich bin ja nicht an Disko B gebunden. Es wird aber wahrscheinlich unter einem anderen Namen sein. Für die Goldenen Zitronen, werde ich ein Stück machen. Ich glaube, daß da noch eine Möglichkeit besteht, in der Verbindung mit Punk und Techno. Es haben schon mehere versucht, aber mann muß es einfach mal richtig machen. Dann wird unser Mann der Stunde Dave Clarke, ein Stück von meiner LP remixen und auch Richie Hawtin und DJ Rok werden hoffentlich einen Remix beisteuern. Die Platte wird nach der LP erscheinen. Ich überlege mir, auch mal eine richtige OldSchool House Nummer machen.

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