Mein Kumpel Sven und ich waren uns einig: Das Universum von Fallout 3 hatte sich in den insgesamt fünf Erweiterungen, die als DLC erschienen, irgendwie erschöpft. Der direkte Nachfolger New Vegas war zwar als eigenständiger Teil angekündigt, aber es roch stark nach zweitem Aufugss. Wir beide hatten Fallout 3 exzessiv gespielt und konnten mit der damaligen Kritik an der linearen Storyline und den massigen Bugs nur wenig anfangen – das postapokalyptische Ödland war der Star des Spiels und es wurde keinem von uns langweilig, abseits der Storyline immer noch mehr zu entdecken. Hier und da ein paar Bösewichter erledigen, die Ausrüstung optimieren, handeln und erkunden. Bis einem dann eben doch langweilig wurde, weil Level 30 erreicht war und die Herausforderung fehlte. Wie auch immer: Sven freute sich ein bisschen mehr auf den “zweiten Teil von Fallout 3”, da er die ersten beiden Teile des Endzeit-RPGs noch vom PC kannte und frohlockte, dass einige der Entwickler des Originals an New Vegas mitentwickelt hätten.


Die ersten Stunden New Vegas spielten sich jedoch erstmal ganz ähnlich wie der dritte Teil, und wir sahen uns in unseren Befürchtungen schon bestätigt. Nett, aber irgendwie doch wie vorher. Hier und da Veränderungen im Detail (Hardcore-Modus, Munition mit Gewicht, mehr und effiktiverer Nahkampf, im Detail veränderte Regeln) und ein wenig Ernüchterung: Die bereits seit Oblivion (oder gar Morrorwind) verwendete Engine ist mittlerweile deutlich sichtbar gealtert und sieht spröde aus, spätestens seitdem Dead Red Redemption eine neue Latte für glaubwürdige Polygon-Landschaften in OpenWorld-Games gelegt hat. Die Figuren kommen ähnlich stelzig und uniform daher, wie sie schon in Oblivion aussahen. Auch lassen sich in New Vegas, wie auch im Vorgänger, immer wieder Fehler in der Textmasse oder in der Continuity aufspühren, die verwirren und teilweise Teilaufgaben oder Quests ad absurdum führen. Auf der anderen Seite erschließt sich langsam aber sicher eine Spielwelt, die von den eigenen Erfahrungen sehr geprägt wird. Erst nach guten 20 Stunden Spielzeit (mit zugegebenerweise recht ausgedehnten Erkundungstouren) begann bei mir, die Story langsam Fahrt aufzunehmen und aus Sven’s Erzählungen erfuhr ich, dass sich seine Geschichte in Teilen ganz anders entwickelte.

Dies liegt an unterschiedlich getroffenen Entscheidungen, die bis in den späten Storyverlauf Auswirkungen haben, auch sind bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten an bestimmte Skill-Werte geknüpft und vom jeweiligen Stand der eigenen Spielfigur bei den verschiedenen Fraktionen abhängig. Nerdige Vergleich-Gespräche machen Spaß: “Ich habe Situation X gelöst, indem ich die RNK mit den Großkhanen versöhnt habe” – “Echt? Ich konnte bei denen nur Drogen einkaufen…” Die Freiheit der Entscheidung im Spiel fasziniert immer wieder und lässt schon schnell über die technischen Unzulänglichkeiten hinwegblicken. Die Reihenfolge der Quests, ist dabei nach Gusto und nach Gesprächsführung verschieden. Grundsätzlich kann auch, wie in den Vorgängern, das Feuer auf einen beliebigen Charakter eröffnet werden. Durch solche Tötungen verbaut man sich zwar den einen oder anderen Quest, oder kann sich das Spiel sogar bis an die Grenze der Unspielbarkeit verkomplizieren, aber derartige Elemente heben New Vegas deutlich von der Bioware- oder japanischen Konkurrenz ab.

Interessantes Element sind hierbei die verschiedenen Fraktionen, die rund um die Ruinen von Las Vegas miteinander konkurrieren: Als Spieler kann man die Farben einer Gruppierung tragen, um z.B. ein Camp derer zu infiltrieren oder von ihnen nicht mehr angegriffen zu werden. Andererseits wird man von der Gegenseite im selben Outfit äußerst feindselig behandelt, sprich ohne Vorwarnung angegriffen. Wenn die Story also erstmal loslegt, macht es wirklichen Spaß, sich für die eine oder andere Fraktion zu entscheiden, Quests für die eine oder andere Seite zu erledigen und mit den Ergebnissen umgehen zu müssen. Bis zum großen Finale um die Auffüllung des drohenden Machtvakuums bleibt uns die Freiheit, hier und da zu koalieren – Interessanterweise scheint eine jede Fraktion ihren Dreck am Stecken zu haben, aber mehr wird nicht verraten.

Wie dem auch sei: Eine derartige Bandbreite an eigener Entscheidungs- und Gestaltungsgewalt ist wirklich selten in einem computerbasierten Rollenspiel zu erleben gewesen, und macht den zähen Einstieg, die schnöde Grafik und die mitunter holprige Technik bei weitem wieder wett. New Vegas ist so eine Antipode zu der bereits oben erwähnten Einheitskost der letzten Jahre, in denen man sich weitesgehend durch geleckte Levelschläuche kämpfen musste, wenn auch in pompöser Inszenierung. In New Vegas ist alles staubig und heruntergekommen und man spürt jeden Augenblick, dass man sich in einem Computerspiel befindet und nicht in einer von Spielszenen unterbrochenen Zwischensequenz (auf welche das Spiel auch so gut wie ganz verzichtet). Zu dieser spielerischen Bandbreite passt übrigens auch die Meldung, dass es wirklich möglich ist, das Spiel (welches ein großes Augenmerk auf vielfältigste Waffen legt) zu beenden, ohne eine einzige Kreatur oder Menschen zu töten!

Selbst die in den letzten Jahren als Spielelement im Zuge des Poker-Revivals so en vogue gekommene Glückspiel-Elemente halten sich dezent im Hintergrund, was ich geradezu erfrischend fand, da das Setting Las Vegas = Strip = Casino doch allzu prädestinierend schien. Mit Fallout New Vegas erhält der geneigte Rollenspieler also eine erfrischend andere und spielerisch wirklich in die Breite gehende Erfahrung, die sich von japanischer wie amerikanischer Standard-Rollenspielkost ebenso abzusetzen vermag, wie von anderen “Open World”-Spielen à la GTA, die ja eher als Aneinanderreihung von Einzelmissionen durch eine Sandboxumgebung mit Zwischensequenzen darstellen. Hier ist das Programm der König, der mitunter auch recht launisch sein kann, und irgendwie ist das auch gut so. Trotzalledem soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich ein knappes Dutzend Systemabstürze hinzunehmen hatte, weswegen häufiges Speichern zur Pflicht wird, wobei einmal sogar der automatische Speicherstand über den Jordan ging, was ich erst äußerst frustrierend fand. Das Laden des letzten fest gespeicherten Spiels nahm ich dann nach dem Neustart aber als Anlass, mich kurzum “in die andere Richtung” zu entscheiden und siehe da, weil die getragene Rüstung noch einen +5-Sprachbonus mitbrachte, bekam ich in einem diplomatischen Gespräch glatt eine neue Option, die meiner Spielweise noch mehr entsprach als der Spielverlauf davor. Wer derartig frustige Macken eines Computerspiels also mit Humor nehmen kann und auch andere Bugs eher interessant denn nervig findet, wird in Fallout New Vegas ein famosen Zeitvertreib für die dunkle Jahreszeit finden.
Die PC-Version des Spiels kommt neben dem eigentlichen Spiel noch mit zahlreichen Modding-Möglichkeiten daher, die sich aber weder Sven noch ich näher angeschaut haben. Dafür immerhin er sich bereits sieben verschiedene Enden, von denen ich mir aber noch keins habe erzählen lassen – schließlich warte ich immer noch auf mein erstes.

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