Aufstieg und Fall des Computer-Pioniers Commodore

Gameplan-Publikationen, ob sie nun Spiele-Hardware, Spiele-Schmieden oder Spiele-Peripherie beleuchten, kümmern sich, soviel steht fest, um Ikonen.
So passt es, dass sich der Verlag des deutschen Computerjournalismus-Urgesteins Winnie Forster sich in der neuesten Veröffentlichung der nach Atari wohl tragischsten Firma der Spieleindustrie widmet: Commodore. Ähnlich wie Atari hat Commodore auch eine Fan-Gemeinde, die den Untergang ihrer Firma bis heute nicht verstehen konnten. Eine Firma, die mit dem 64 sowie dem Amiga zwei Mal in der Geschichte der Heimcomputer ihrer gesamten Konkurrenz technisch überlegen war und in frühen Tagen beinahe Apple übernommen hätte, aus dieser Überlegenheit jedoch nicht genügend Kapital schlagen konnte und im Endeffekt an mangelhaften Management zugrunde ging.

Die Geschichte von Commodore wird dabei aus erster Hand erzählt und beginnt weit vor dem 64er, mit der Entwicklung des 6502er-Mikroprozessors bei MOS, welcher gute 10 Jahre der Videospielgeschichte in vielen Plattformen verwendet werden sollte. Über den ersten Mikrocomputer im eigenen Gehäuse, den Commodore PET, den Commodore VC-10 bis zu der Amiga-Ära ist der Werdegang des ehemaligen Möbel- und Taschenrechnerherstellers unter dem charismatischen Despoten Jack Tramiel wahrlich eine spannende Sache, und hierfür hat Brian Bagnall, der englische Autor des Originals “On the Edge: the Spectacular Rise and Fall of Commodore”, eine Vielzahl Gesprächspartner interviewt, die bei Commodore direkt oder indirekt mit der Entwicklung zu tun hatten. Leider jedoch krankt die 367 Seiten (!) starke Publikation, wie auch andere zum Thema Commodore zuvor, an der Nähe zum Gegenstand: Ein übersichtliches, geordnetes Bild der Vorgänge zu zeichnen gelingt dem Autor, wie auch den beiden deutschen Redakteuren zu selten. Zu viele Primärquellen, zu wenig Analyse, Einordnung, kurz: Journalismus machen die Lektüre somit zu einer Achterbahn von grandiosen Zitaten und teils verwirrenden O-Tönen.

So werden Fäden von vor zwei Kapiteln wieder aufgegriffen, teilweise finden sich Zitate eines Ingenieurs wieder, der vor einigen zig Seiten vorgestellt wurde, ein outgesourcestes Department spielt auf einmal wieder eine Hauptrolle, die man gar nicht mehr vermutet hätte. In diesen Fällen wäre mir, als Neuling in Sachen Commodore, eine ordnende Hand sehr zu Pass gekommen, obwohl diese im Vorwort der deutschen Ausgabe Tatsachenbeschreibung ist. Kleinere Übersetzungsfehler sind ja verzeihbar (so bringt ein “great Engineer” sonderbarerweise “große” statt “großartige” Ingenieurskunst hervor, wobei dies noch im Rahmen der Lexis bleibt), aber eine wirklich verständlich geschriebene und analytische Aufarbeitung der Vorkommnisse rund um den Aufstieg und Fall von Commodore wird wohl doch erst in Zukunft erscheinen, wobei “Volkscomputer” hierfür ein ergiebiger Recherche-Fundus sein wird.
So sind einige Knaller darunter, wie die Anekdoten der Hardware-Designer, die in der Crunch-Zeit vor dem 64er Launch oder zu Beginn der Amiga-Zeit wochenlang in ihren Büros verharrten, und um dies zu tun die Wachmänner ebenso wie das Management austricksen mussten. Auch die zahlreichen Querelen rund um die Kapitalbeschaffung der immer wieder angeschlagenen Firma sind außerordentlich erhellend.
Wirkliche Commodore-Fans, die die verschiedenen Chip-Designer bereits aus einigen der anderen zum Thema erschienenden Büchern beim Namen kennen, freuen sich also über den Fundus an O-Tönen und neuen Erkenntnissen. Viele interessante Beschreibungen der teils intriganten und über weite Teile der Firmengeschichte reichlich improvisierten Entwicklungen machen das Buch jedoch auch zu einer Empfehlung für alle anderen am Thema Interessierten.

Erschienen bei Gameplan
367 Seiten, Preis: 27,80 €, ISBN: 978-3-00-023848-2

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