Unterwegs mit dem J-pack / Japano Rollenspiel auf der Wii

Auf ein Rollenspiel muss man sich einlassen wollen. Vor allem auf ein japanisches – ist doch mit einer steilen Lernkurve und einer erheblichen Portion Kitsch zu rechnen und die viel beschworenen „epischen Ausmaße“ bleiben meist auch keine leere Drohung. Nachdem die bisherige Referenz der japanischen Rollenspiele Final Fantasy mit ihrem dreizehnten (!) Teil die Eigenheiten des Genres vor kurzem gerade nochmal ausführlich durchdekliniert hatte, wurden Stimmen laut, die für ein würdiges Auslaufen der Serie plädieren. Man trete seit Jahren sowohl mit dem Core-Spiel, als auch mit den unzähligen Spin-Offs viel zu sehr auf der Stelle und würde zwar mit grafischer Opulenz klotzen, ansonsten aber nur Variationen des immer Gleichen liefern.

Tatsächlich wirken Japan RPGs, wie Final Fantasy, Star Ocean und Chrono Trigger wie Dinosaurier im Videospiele-Geschäft. Die größte Konkurrenz kommt sicher von Seiten der MMOs, bei denen virtuelle Welt und soziales Netzwerk geschickt verschmelzen. Auf der anderen Seite soll einem aber auch weis gemacht werden, „Casual“ sei das neue Ding und sperrige Spiele von Hundert und mehr Spielstunden würde sich sowieso kaum jemand mehr aufbürden. Und wenn, dann entschlossen sich die Spieler eher für Action-Rollenspiele und die westlichen Vertreter der Marken Bethesda oder Bioware – die gehen viel flotter von der Hand. Wirtschaftlich scheinen die herkömmlichen (Singleplayer) Rollenspiele auch nicht mehr zeitgemäss. Sie sind in der Entwicklung teuer, werden dann nur einmal gekauft und spülen später kein Geld mehr in die Kassen- keine Abogebühren, kein Mikro-Payment…

Viele Spieler, die sich aber dennoch auf ein japanisches Rollenspiel einlassen, werfen oft irgendwann das Handtuch, weil der Einstieg meist zäh ist und es Stunden dauert, bis das Game Fahrt aufnimmt. Japanische Rollenspiele, die gelegentlich schon mal den Umfang mehrerer DVDs haben, sind dann die Spiele, die man sich gerne ins Regal stellt und gegebenenfalls rausholt, wenn man einen Bänderriss kuriert.

Doch halt! Trotz Marketingcampagnen ist Casual auf keinen Fall der Weisheit letzter Schluß und soziale Netzwerke gehen einem sowieso schon mächtig auf die Nerven. Wer sich auf ein umfangreicheres Rollenspiel einlässt, will ja genau das: Die totale Immersion, Eskapismus und Eintauchen in die virtuelle Welt und zwar möglichst tief und lange. Die Hürden, die ein Spieler dann zu nehmen hat, müssen extrem feinfühlig eingestellt sein, um den willigen Rollenspieler nicht zu verprellen, ihn aufzufangen und sachte über die ganze Distanz zu führen.

 

Über das Japan-Rollenspiel Xenoblade Chronicles von Monolith Soft für Nintendos Wii kann man sich also deshalb nur freuen. Trotz der Widrigkeiten, denen sich das Genre gegenübersieht, bringt Xenoblade nochmal alle Eigenschaften, die man an japanischen Rollenspielen liebt auf den Tisch und räumt sogar die Probleme, die man daran immer gehasst hat, aus.

Erster und wohl auch überzeugendstes Argument für Xenoblade sind der Weltentwurf und dessen Umsetzung. Im Mittelpunkt von Xenoblade Chronicles steht ein junger Held, der mit Hilfe eines magischen Schwertes und seiner gemischten Crew aus Heldenstereotypen das Böse bekämpft. Das ist nicht so wahnsinnig originell, aber das „Wie“ ist entscheidend. Die Welt von Xenoblade Chronicles besteht aus den zwei im Kampf erstarrten Titanen, Bionis und Mechonis. Zwischen Ihnen herrschte ein Jahrhunderte dauernder Krieg, in dessen Verlauf sie plötzlich erstarrten und keiner der beiden als Sieger hervorging. Auf den Körpern der Riesen haben sich Völker angesiedelt und Kulturen entwickelt und diese Welt mit ihrer fantastischen Flora und Fauna zu erkunden ist der eigentliche Inhalt des Spiels. Da gibt es riesige Höhlen mit den obligatorischen Kriechern und Krabblern, Schildkröten, die so groß sind, dass kleine Wäldchen auf ihren Rücken wachsen. Es gibt leuchtende Ätherkristall-Seen im Inneren eines Titans, Luftschlösser mit strahlenden Kuppeln auf dem Kopf der Riesen und weite Ebenen und Täler auf den Beinen und immer meint man am Horizont oder zwischen den Wolken weitere Gliedmassen der Titanen zu erkennen. Und das alles sieht umwerfend kitschig aus.

Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Grafikstil, den man auf den ersten Blick durchaus als grob bezeichnen kann, löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Die Grafik des Spiels ist eine Art Kompromiss, den man im Laufe des Spiels versteht. Nähere Texturen sind eher grob und auch die Animation der Charaktere ist etwas klobig – weiter, und auch viel weiter entfernte Texturen sehen dann aber super aus. Gerade in den weiten Ebenen und auf Berggipfeln ist die Aussicht überragend und vermittelt ein Gefühl von Weite und lässt einen fühlen, dass man Teil von etwas viel Größerem ist und das, was da noch kommt in den nächsten hundert Stunden, kann man nur erahnen.

Die Bilder, mit denen ansonsten JRPGs beworben werden, stellen eine hochaufgelöste Grafik in den Vordergrund. Die großen Kulleraugen der Protagonisten, feine Gesichtszüge, einzeln animierte Haare… Das scheinen unabdingbare Zutaten für japanische Rollenspiele zu sein. Meistens sind das aber auch nur die vorgerenderten Cut-Scenes. Die Kämpfe (und auch die oft nervigen Zufallskämpfe) finden oft in einer anderen Ansicht statt und Landschaften, die es zu durchqueren gilt, sind wiederum in noch einem anderen Grafikstil (Häufig starre, vorgerenderte 2D Bilder).

Bei Xenoblade findet das ganze Spiel in der gleichen 3D Ansicht statt. Gegner kann man früher sehen und ihnen aus dem Weg gehen. In die Kämpfe kann man sich reinstürzen, ohne dass extra ein Kampfbildschirm geladen werden muss – und genauso kann man auch aus den Kämpfen wieder fliehen und zusehen, wie die Feinde sich erneut sammeln. Und nach erfolgreichem Kampf sind dann sogar die Cut-Scenes im selben Grafikstil und es wird erneut deutlich, dass dieses einheitliche Grafikkonzept nicht nur Ladezeiten spart, sondern auch für das ganze Spiel die richtige Wahl ist und es als große zusammenhängende Einheit erfahrbar macht.

Die Kämpfe, die den anderen wichtigen Teil eines Rollenspiels ausmachen, sind gewohnt farbenfroh und auf den ersten Blick scheinen sie so unübersichtlich, wie sie eben sind, bei Rollenspielen. Mit dreien seiner Charaktere zieht man in den Echtzeit-Kampf und greift dabei sowohl auf reguläre Auto-Attacken zurück, als auch auf das Inventar von Spezialfähigkeiten. Neben den normalen Physischen-Attacken, gibt’s natürlich noch die Auswahl an Zaubersprüchen zum Heilen, Lähmen und Beschleunigen usw. Dem Hauptcharakter Shulk stehen über sein Zauberschwert auch noch einige Spezial-Spezial Attacken zur Verfügung, die bei bestimmten Monstern eingesetzt werden müssen, um deren Schwachstellen auszunutzen. Den hartnäckigen Ätherwolken kann man natürlich nicht so gut mit dem Schwert beikommen, dafür wirken Angriffscombos, die den Feind schwanken und dann straucheln lassen, vor allem bei großen Gegnern gut. Nach einigen Stunden kennt man dann auch die Vorzüge und Nachteile der einzelnen Fähigkeiten und feuert diese entsprechend ab. Insgesamt ist das Kampfsystem dann doch relativ übersichtlich gehalten, könnte aber auf lange Sicht, nachdem man fast alle Spezialfähigkeiten schon erlernt hat, noch irgendwie abwechslungsreicher sein. Angenehm ist dabei die angesprochene Möglichkeit, Kämpfen einfach aus dem Weg zu gehen, auf der anderen Seite ist es aber auch häufig notwendig, sich mit schwächeren Gegnern aufzuleveln, um endlich den dicken Boss-Fight zu überstehen.


Auch das für Rollenspiele so essentiell wichtige Sammeln von neuer Ausrüstung und Gegenständen ist gut umgesetzt. Besonders schön ist die Tatsache, dass Veränderungen bei Waffen und Rüstungen sich auch immer im Äußeren der Charaktere widerspiegeln. Sowohl im normalen Spiel, als auch in den Kämpfen und in den Cut-Scenes tragen die Helden dann ihre prächtigen Plattenpanzer, Federschmuck und sonstige modische Gimmicks, über die sich nicht nur die Costume-Play-Fans freuen werden. Andere Sammelobjekte werden für unterschiedliche Missionen benötigt, oder werden ins Sammelalbum für einzelne Landschaftsabschnitte eingeklebt um zu sehen, wie weit man bestimmte Bereiche schon abgegrast hat. Spezielle Funktionen kommen dann noch den Ätherkristallen zu, aus denen in einem etwas verwirrenden Zufallsprozess Juwelen zur Verbesserung der Ausrüstung geschmiedet werden können. Schließlich muss man dann seine Sammelobjekte aber auch irgendwann verkaufen, um Geld für den Aufbau der zerstörten Kolonie zu sammeln, oder in neue Ausrüstung zu investieren. Das ist neben dem Aufleveln und dem Verteilen von Fertigkeitspunkten auf die Spezialfertigkeiten ein ständiger Prozess des Abwägens und Fein-Justierens, ob man besser in schwerer Vollrüstung, oder besser im modischen Indianer-Top gegen die Echsenwesen antritt.

Ein weiteres Moment des Charakter-Feintunings bieten die Fähigkeitenmenüs, in denen Eigenschaften, wie Empathie, Führungsqualitäten, Heiterkeit usw mit Fähigkeiten der anderen Charaktere verknüpft werden können und so weitere Boni und Mali für Kampfsituationen ergeben. Auch hier kann man sich länger mit der idealen Verteilung der Verknüpfungen beschäftigen, um das optimale herauszuholen – man muss es aber nicht. Es läuft auch von alleine. Letztendlich ist dann noch die Harmonie der Gruppe zu beachten und die Harmonie mit anderen Stadt- und Landbewohnern. An verschiedenen Orten auf der Map können Harmoniegespräche geführt werden und zusammen mit einer Geschenkfunktion, lassen sich zarte Bande zwischen den einzelnen Charakteren knüpfen. Richtige Handfeste Ergebnisse, kann man aus diesen Aktionen nicht direkt erwarten, aber wer weiss, wie da im Hintergrund die Beziehungs-Algorithmen heiß laufen.

Insgesammt verläuft Xenoblade trotz der Größe und Ausführlichkeit relativ flott. Die Hauptquest schreitet schnell voran und bietet ständig neue Aufgaben und Herausforderungen, die sich in typischer Animé-Manier von kleineren, lokalen Sammel-Aufgaben (besorge das Mittagessen für Oma) bald in abgefahrene, globale Overlord- Dämonenkrieger-Dimensionen steigern. Nebenquests beinhalten leider zu häufig nur Sammelaufgaben, sind aber teilweise einfach notwendig, um aufzuleveln und zusätzlich die Harmonie in der Gruppe zu steigern. Auch die Navigation innerhalb der Welt von Xenoblade ist wegen der Beam-Transportmodule an den wichtigen Abschnitten immer einfach. Zusätzlich spart auch die Möglichkeit, das Spiel abzuspeichern, wann und wo immer man will, viele Nerven und kann auch beim Zwischenspeichern von Kampferfolgen hilfreich sein. Die Steuerung funktioniert mit einem Gamepad am besten, kann aber auch per Nunchuk und Wii-Mote erfolgen, obwohl da die Button-Aufteilung etwas umständlicher ist. Schade, dass es keinerlei Einbindung der Wii-Mote gegeben hat. Ein gut platzierter Wink mit dem Bewegungscontroller für einen Spezialangriff im richtigen Moment hätte sicher Spaß gemacht und den Kämpfen eine zusätzliche Komponente verliehen.

Trotzdem: Xenoblade Chronicles hat sonst praktisch keinerlei Schwächen. Eher muss man den technischen Aspekt nochmal hervorheben, dass es einer der besten Wii-Titel überhaupt ist und es beeindruckt, was da trotz der (scheinbar)limitierten Ressourcen von Nintendos Konsole an Spiel mit riesigen, wunderschönen Landschaften und mehreren hundert darin umherlaufenden Wesen umgesetzt wurde. Wer sich also auf eine intensivere Beziehung mit Xenoblade Chronicles einlässt (am besten auch in der original japanischen Sprachausgabe, die dem teilweise etwas unpassend wirkenden Arbeiterenglisch vorzuziehen ist) wird auf jeden Fall mit einer besonderen Videospielerfahrung, die einen nicht zuletzt auch emotional bindet, belohnt werden.

 

 


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