Play it right! Die De:Bug Games Serie Teil 4

Play it Right!
Verblüffende Tracks aus dem
Kosmos der Computerspielmusik
Die De:Bug-Serie
Teil 4

Computerspiele sind mehr als nur Spiele. Natürlich machen sie gerade wegen ihrer Mechanik und erstaunlichen Bilderwelten Spaß, die Seele des Games steht und fällt aber mit seinem Soundtrack. Hätte Tetris wirklich so viel von unserer Lebenszeit aufgebraucht, wenn es stumm gewesen wäre? Oder Super Mario? Jeder beherzte Spieler weiß, dass die Entwickler nicht einfach nur Pophits importieren können, damit das Spiel ordentlich mitreißt. Die verqueren Settings und die komplexen Regeln der Spiele drängen Musikproduzenten schon seit Jahrzehnten gehäuft zu stilistischen Experimenten, die sich von den Standards der Musikindustrie wegbewegen und an die Grenzen der Hörgewohnheiten gehen. In unserer Serie stellen wir Game-Tracks vor, die Genregrenzen sprengen, eine spannende Geschichte erzählen oder einfach nur genial komponiert sind. Heute wagen wir uns dorthin, wo lesen tödlich sein kann: In die Bibliothek von Dracula; und lauschen Wood Carving Partita aus Castlevania: Symphony Of The Night, das vielerorts als eines der wichtigsten Games aller Zeiten gehandelt wird.

Cembalo, Querflöte und gepuderte Perücke – Es ist unüblich, dass Computerspiele barocke Klassik verwenden. Doch warum eigentlich? Vielleicht weil es zu bieder und passé ist für die durch und durch von Populärmusik geprägte Spielergeneration? Nein. Das liegt weniger daran, dass die Entwickler ihren Käufern so einen Geschmack kaum zutrauen würden. Der Grund ist viel einfacher. Oft fehlt den Spielen die Umgebung, das Setting und die Erzählung dazu, die diese Musikrichtung glaubhaft fordert. In der Regel spielen sich die meisten Games in Zukunftsszenarien ab, in High-Fantasy-Welten, in der Gegenwart oder im Zweiten Weltkrieg. Da würden die Klänge im Stil von Bach und Monteverdi die Immersion total zerstören.

Für die musikalische Sozialisation von Gamern gibt es aber glücklicherweise immer wieder einpaar Ausreißer. Bei Castlevania: Symphony Of The Night aus dem Jahr 1997, in dem Games für ihre Musik zunehmend Samples in CD-Qualität nutzten, zum Beispiel müssen barocke Musik und Computerspiele kein Widerspruch sein, hört man Wood Carving Partita. Der höchst umjubelte Teil der bekannten Spielserie Castlevania des Herstellers Konami basiert auf einer eigenwilligen Auslegung des Mythos Dracula, die sehr anschlussfähig an die Geste des Barock ist. Er ist aufgeladen mit schwermütig-fantastischen Motiven wie etwa Vampirismus, Tod, Erlösung, Dämonen und gefallenem Adel. Edler Horror in 2D-Sidescroll-Manier möchte man sagen, mit einem Stich Romantik. Hinzu kommt das Setting im späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit.

Erzählt wird von Alucard, dem reumütigen Sohn Draculas. Er unterbricht seinen ewigen Schlaf, um sicherzustellen, dass sein Vater nicht wiederbelebt wird. Entsetzt stellt er fest, dass der Vampirjäger von damals wahnsinnig geworden ist, und sich nun selbst von den Geheimnissen des verfluchten Schlosses zu Terror verleiten lässt. Noch bevor er eingreifen kann, überfällt ihn der Tod, der seinem Vater ewig die Treue schwor. Dannach erkämpft Alucard geschwächt seinen Weg durch das labyrinthische Schloss, das von allerhand mythischer Ungeheuer besetzt ist. Je nachdem, was die eindrucksvollen Schauplätze fordern, kommen ihm Totenköpfe auf Krabbenbeinen entgegen, monströse Steinrosen oder eine riesige Kugel aus Leichen, um nur einige der schauderlichen Monster zu nennen. Schritt für Schritt erlangt er im Spielverlauf seine übermenschlichen Fähigkeiten wieder, die ihm dabei helfen, die wirren Orte zu überwinden, wie etwa sich in Nebel oder in einen Wolf zu verwandeln. Das Ende der Geschichte hängt dann stark davon ab, wie tief der Spieler forscht und die Kräfte der Figur zu nutzen weiß.

Wood Carving Partita nimmt uns mit in die Bibliothek von Dracula, dort wo hinter jeder Seite das Verderben liegen könnte, aber auch die Wahrheit über das Universum. Fliegende Monsterbücher schweben dort aus den endlos scheinenden Regalwänden. Sie spucken Buchstaben und stechen mit Dolchen oder Äxten. Wenn man sie überlebt kommen schon die Kopflosenfechter, die – dafür, dass sie ihren Schädel im Arm halten – recht zielgerichtet einem nach dem Leben trachten. Mal ganz abgesehen von dem Unkraut am Boden und den Ektoplasmen in der Luft. Immerhin ist das Mamor und Eichenholz schön anzusehen.

Interessant an dem barocken Stück von Michiru Yamane ist seine Zwiespältigkeit. Im Zusammenhang mit der Spielszenerie rätselt man, ob das Stück für Altehrwürdigkeit steht oder Entsetzlichkeit markiert. In der Eleganz stecken doch einige unharmonische Elemente. Und wenn man genau hinhört, flüchtet sich das Stück nahezu in seine melodischen Ornamente. Ich könnte mir vorstellen, dass es darum ging, die Schönheit und zugleich das Schauderliche des menschlichen Intellekts anklingen zu lassen. Oder so etwas wie die Furcht vor einer großen Gedankenwelt, die sich langsam verselbstständigt. Und wenn ich so in der Richtung weiter meine Gedanken kreisen lasse: Hinter der Komposition steckt die beklemmende Erkenntnis, wie erhaben und menschlich ureigen es ist, die Welt in ihrer Gesamtheit begreifen zu wollen, aber auch wie überheblich und unnötig es eigentlich ist. Vielleicht geht es um den Zweifel an Wissenschaft überhaupt, die Angst vor der Macht des Wortes. Wie dem auch sei, eines sagt mir der Track zumindest sicher: Durch Wissen kann der Mensch besser leben, er kann aber auch wegen Büchern seinen Verstand verlieren.

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