Play It Right! Die De:Bug Games-Serie, Teil 5

Computerspiele sind mehr als nur Spiele. Natürlich machen sie gerade wegen ihrer Mechanik und erstaunlichen Bilderwelten Spaß, die Seele des Games steht und fällt aber mit seinem Soundtrack. Hätte Tetris wirklich so viel von unserer Lebenszeit aufgebraucht, wenn es stumm gewesen wäre? Oder Super Mario? Jeder beherzte Spieler weiß, dass die Entwickler nicht einfach nur Pophits importieren können, damit das Spiel ordentlich mitreißt. Die verqueren Settings und die komplexen Regeln der Spiele drängen Musikproduzenten schon seit Jahrzehnten gehäuft zu stilistischen Experimenten, die sich von den Standards der Musikindustrie wegbewegen und an die Grenzen der Hörgewohnheiten gehen. In unserer Serie stellen wir Game-Tracks vor, die Genregrenzen sprengen, eine spannende Geschichte erzählen oder einfach nur genial komponiert sind. Diesmal hauen wir uns die Bits um die Ohren und widmen uns dem tappsigen Main Theme von Giana Sisters, einem abstrusen Klon von Mario Bros auf dem C64, der gegenwärtig als die Retrokultur-Projektionsfläche schlechthin gehandelt wird.

„The Brothers are History“, das war eine klare Kampfansage, die da der Programmierer Armin Gessert und seine Kollegen von Time Warp Productions auf dem Cover einer Datenkassette gemacht haben. Wir schreiben das Jahr 1987: Mario Bros hat schon die ganze Welt der Spielkonsolen erobert und nun kommen einpaar deutsche Spielemacher daher und fordern den Gamesgiganten Nintendo mit einem Jump N’ Run-Spiel auf dem C64 heraus. Giana Sisters heißt es und statt heldenhaftem Klempner springt und rennt jetzt ein strubbelhaariges Mädchen durch die Gegend – ein neues Erfolgsrezept?

Nein, dahinter steckte nur heiße Luft. Schlimmer noch: Absurderweise war das Spiel in Wirklichkeit nichts weiter als ein Klon von Mario Bros. mit einigen Veränderungen im Setting. Es geht um die Teenagerin Giana. Die hat einen Alptraum und wird erst dann von ihrer Schwester Maria geweckt, wenn sie in der Traumwelt einen magischen Super-Kristall findet. Davon abgesehen und einpaar grafischen Variationen, ist die Spielmechanik erschreckend gleich. Nach wenigen Sekunden stellt man dann fest: Es ist sogar 1:1 übernommen – Diamanten statt Münzen, fiese Eulen statt Gumbas, Krabben statt Koopas. Und die Feuerblume wurde einfach durch ein Blitzsymbol ersetzt…

Kurz und knapp: das Produkt war ein Skandal. Grund genug um verstört zu sein, aber auch Anlass, um dann doch noch mal genauer hinter die Kulissen zu schauen. Dann erfährt man, dass der Schlachtruf gar nicht ernst zu nehmen ist. Armin Gessert, Manfred Trenz und Chris Hülsbeck hatten selbst begeistert Mario Bros gespielt und beabsichtigten für das C64 und weitere Heimcomputer eine ähnliche Spielerfahrung entwerfen. Die gab es dort nämlich noch nicht und hätte es dort auch zukünftig nicht gegeben. Denn Nintendo hatte andere firmenpolitischen Pläne und bestückte keine Personalcomputer der Generation. Besonders geachtet haben die Entwickler aufs Leveldesign. Das ist unbestreitbar eine Herausforderung, die dem überzeugten Mario-Fan auch auffallen wird, wenn er seine Empörung einmal ablegt.

Unglücklicherweise meinte es die Marketingabteilung dann zu gut und so ist aus der Chose ein Nährboden für Mythen und letztlich Kult geworden. Dass es einen Rechtsstreit zwischen Time Warp und Nintendo gegeben hätte, dafür gibt es keine Belege. Ebenso liegen keine Beweise dafür vor, dass Nintendo seine Marktmacht bei Einzelhändlern eingesetzt hätte, um den Verkauf von Gianas Sisters zu verhindern. Fakt ist, dass nur wenige Kopien veröffentlich wurden und schnell vergriffen waren. So wurde es rasch ein Sammelstück. Aus jetziger Sicht könnte man daher besser sagen: the Sisters are history. Ohne das abwertend zu meinen. Denn heute wird Giana Sisters als Retro schlechthin gehandelt. Mario dagegen hat seinen Retrostatus weitgehend eingebüßt, weil er seitjeher kontinuierlich vermarktet wird und das kräftiger als zuvor, mit aller aktueller Technik.

Egal was man über dieses Spiel erzählt und egal auf welcher Seite man steht, die Musik von Giana Sisters ist etwas ganz anderes als der Calypso-Stil eines Mario aber auf ihre Art nicht weniger catchy. Damit ist natürlich das genial komponierte Main Theme gemeint, das doch etwas an Reggae erinnert. Aber was macht es zu einem Klassiker?

Zuerst ist es erstaunlich, dass der Komponist Chris Hülsbeck aus der C64-Kiste so viele eigene Stimmen herausholt. Üblich sind Bitklänge, die sich kaum im Hinblick auf ihrer Klangfarbe von einander unterscheiden. Aber hier moduliert der Soundmagier die Töne der Melodie so, dass sie erst an ein Piano erinnern, dann an ein squelchiges Horn und dann wieder an eine Flöte. Neben den charakterhaften Bittunes fällt auf, dass das Theme ein perfektes Verhältnis mit dem eingeht, was auf dem Bildschirm geschieht. Es bringt das Sprunghafte und Agile der Figur auf die Bühne und zeichnet mittels seiner melodiösen Trägheit die verzögerungslastige Steuerung der Heimcomputer nach. Besonders schön spielt da der bouncige Bass mit hinein. Er schwankt schlacksig vor sich hin und her, als ob er niemanden beeindrucken müsste. Wahrscheinlich wegen ihm und der prickeligen Melodie fühlt es sich so auch an, als ob einem Zuckerwürfelchen ins Ohr fallen. Es ist die Definition von liebeswerter Unbeholfenheit. Und das kommt gut an in der Retrokultur, dort wo Irrungen und Wirrungen von Maschinen abgefeiert werden und der Technik nicht die perfekte Zukunft aufgehalst wird.

9 Responses

  1. Mischa Strecker

    Hi Marvin,

    In Anbetracht Deines Artikels lade ich Dich herzlich ein auf unsere Website “Project Giana” – die Neuauflage von “The Great Giana Sisters”. Mit dabei für den Soundtrack: Chris Hülsbeck und Machinae Supremacy. Vielleicht interessiert es Dich ja 🙂

    Viele Grüße,

    Mischa

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