Nora Tschirner spricht die neue Lara Croft

Tomb Raider ist so etwas, wie das Frühlingserwachen in der Geschichte der Computerspiele. Zwar war schon Ms. Pac Man durch ihre Schleife im Haar und den Lippenstift eine eindeutig weibliche Hauptdarstellerin, aber erst Lara Croft war es Mitte der 90er gelungen – anfangs vor allem durch ihre femininen Primärmerkmale – das Geschlecht als relevantes Element in ein Spiel einzubringen. Sie war sowohl Spielobjekt, als auch selbstbewusste Protagonistin – und nicht bloß Scream-Queen, oder zu rettende Prinzessin. Wie sehr Lara wiederum nur ein stereotypes Frauenbild reproduziert, oder ob es genau die Funktion der digitalen Wunschmaschine sei, so eine toughe Action-Archäologin zu entwerfen, um mit ihr künstliche Welten zu erforschen, sind Fragen, um die es sich bei Tomb Raider seither dreht. Immer wieder wurde in den letzten Jahren versucht, die Figur der Lara Croft neu und zeitgemäß zu interpretieren und gleichzeitig die Marke Tomb Raider frisch zu halten.

Lara-Key-Art-Portrait

Im Kino war es Angelina Jolie mehr oder weniger gut gelungen, der Figur einen Charakter zu verleihen. In der Videospiel-Serie soll nun, nach einigen mittelmässigen Episoden, wiederum ein Neustart an alte Erfolge anknüpfen. Das bewährte Konzept des Action Adventures aus Grabräubereien mit Rätseln und Kämpfen gegen Bösewichter bleibt grundsätzlich gleich – allerdings ist Tomb Raider düsterer als bisher und Lara Croft menschlicher und verletzlicher, um den Spieler noch stärker emotional einzubinden.

Im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Tomb Raider haben wir die Schauspielerin und Musikerin Nora Tschirner getroffen, um über ihre Synchronisationsarbeit als Lara Croft zu sprechen.

 

Berlinert Lara Croft in ihrem neuen Abenteuer ein bisschen?

Toi, toi, toi, nicht. Ich habe zum Glück eine Regisseurin bei mir sitzen, die sehr drauf achtet. Es passiert natürlich manchmal, dass ich einen ganz kleinen Sing-Sang drin habe, aber da achten die schon drauf, dass nicht zu viel Berlin unterkommt. Ich möchte nicht, dass die Rolle Nora Tschirner-mässig eingefärbt ist. Ich möchte, dass das ne coole Lara Croft ist, bei der die Stimme passt, aber nicht stört oder sich ihren eigenen Raum freiboxt. Das fänd ich irgendwie komisch und Berlinern wäre da nicht angebracht.

Ist das neue Tomb Raider ein lustiges Spiel?

Nee, es ist sehr, sehr, sehr düster. Mir gefällt aber, dass Lara manchmal zum Sarkasmus neigt. Das liegt jetzt weniger an meiner Synchronisation, aber es gibt Situationen, in denen Humor ins Spiel kommt, aber es wird nie wirklich witzig. Lara ist oft ziemlich lässig und haut dann Sprüche raus, bei denen man denkt, aha – die hat doch irgendwie nen Sinn für Humor. Aber das Spiel ist insgesamt eher düster.

Gibt es Passagen, für die Du Lachen musstest, oder Weinen musstest? Was ist schwieriger?

Lachen ist das allerschwierigste, was man beim Synchronisieren können muss. Eigentlich auch beim Drehen. Beim Drehen zu Lachen ist immer der Horror. Weinen ist auch nicht leicht, aber das kann ich einfach mittlerweile besser. Da gibt’s so Wege, wie man schnell irgendwie dahin kommt. Aber Lachen? Ich habe jetzt einen neuen Trick gelernt. Man sollte denken, man atmet ein und lacht, aber das stimmt nicht. Man atmet aus und dann fängt das Zwerchfell von alleine an… (atmet tief aus und lacht)

Eine große Problemstellung bei der Entwicklung von Videospielen ist es, den Spieler emotional einzubinden. Welchen Anteil hat daran die Lokalisation? Wie viele Tonarten gibt es auf Lara Crofts Emotions-Klaviatur?

Sehr viele. Insgesamt ist das Spiel eher tragisch eingefärbt, aber die Abstufungen sind enorm. Sie hat schon ne ziemliche Bandbreite. Lara ist ein sehr konstruktiver Charakter, der immer versucht, vorwärts zu gehen und das beste aus einer Situation zu machen und dann immer wieder drastische Hürden erlebt und daraus ergeben sich sehr viele Situationen und Facetten in Laras Emotionen. Das ist in der Originalversion schon sehr gelungen.

Welche Vorgaben hattest Du, was Laras Emotionen betrifft? Wie sieht das praktisch beim Synchronisieren von Videospielen aus? Gibt es Anweisungen vom Blatt, oder auch Szenen aus dem Spiel?

Ja, beides. Wie gesagt, habe ich eine Regisseurin hinter mir sitzen. Ausserdem haben wir alle Regieanweisungen und alle Texte vom Spielehersteller. Da steht dann drin, wie die momentane Spielsituation ist und wo die Schwerpunkte liegen. Dann höre ich die Originalstimme und sehe das Bild. Das ist aber die Luxusvariante. Es gibt anscheinend Games, wo die Leute nur vom Blatt, ohne Bild irgendwas einsprechen. Das ist mir ein Rätsel, wie das in irgendeiner Weise klappen soll. Für mich ist das allerwichtigste das Original, weil ich merke dann anhand der Vorgabe, was gemeint ist, was die da versucht haben und wie eventuell die Regieanweisungen gewesen sind. Das Original ist natürlich eine große Hilfe. Ich übersetze dann und dechiffriere sozusagen und stelle das selber wieder her.

Ein Satz aus Deiner Synchronisation für Tomb Raider, der sich besonders eingebrannt hat?

Äh, das weiss ich jetzt gar nicht so genau, aber doch. Hauptsächlich waren das sicher diese Selbstgesprächs-Momente, in denen man gerade irgendwo im Gameplay ist und dann kommentieren muss, dass es jetzt weiter gehen soll. Also Sachen, wie: „Ich muss hier dringend raus“, oder „Ich muss hier weg“ – alle Variationen dieser Sätze.

Als Setting des neuen Tomb Raider dient eine Insel, auf der Lara gestrandet ist. Welche drei Dinge würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?

Hmm, das ist auch so eine Frage… Langsam sollte man die Antwort darauf aus dem Handgelenk schütteln können, aber irgendwie ist man dann überrascht und fragt sich, was macht denn jetzt wirklich mal Sinn. Helikopter? Ich glaube, ich würde ein Messer mitnehmen, damit ich mir einen Speer oder so etwas bauen kann, um was zu jagen. Oder eine Machete. Dann würde ich mir ein Seil mitnehmen, um Sachen zu transportieren und dann würde ich mir noch eine Plastikplane mitnehmen… Wie Du schon merkst, bin ich sehr pragmatisch. Ich würde überhaupt keine Musik mitnehmen. Ach, aber das vielleicht noch. Ich würde mir ein Buch mitnehmen, aber keine Belletristik, sondern ein Buch über die Flora und Fauna der Insel. So, hier sieht man, wer schon das ein- oder andere Mal auf einsamen Inseln gestrandet ist… (lacht)

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Also wer auf die Idee kam, weiß ich nicht. Es war so, dass ich angefragt wurde, ob ich zu einem Casting dafür kommen möchte und es war am Anfang gar nicht so klar, ob ich das machen würde. Das war kein Angebot, sondern ich musste einen Voice-Test machen und fand die Aufgabe da ganz schön toll von dem, was ich gesehen hatte und wie mir die Geschichte beschrieben wurde. Und dann hieß es Bangen und Abwarten. Am Anfang war ich etwas skeptisch, dass ich nur aufgrund des Namens ausgewählt werden könnte, aber die haben ein Auswahlverfahren durchgeführt, das heißt, die Leute, die das schlußendlich entschieden haben, haben die anonymisierten Audiofiles angehört und mich ausgewählt. Das hat mich sehr gefreut.

Haarfarbe egal? Könnte Lara Croft auch blond sein?

Ich weiß nicht… Ich find die so wunderschön, wie sie ist. Ich würde Lara nicht blond haben wollen. Also es gibt auch tolle blonde Frauen, aber Lara Croft muss ungefähr so aussehen, wie sie aussieht.

Funktioniert Lara Croft als weibliches Role Model?

Ich finde schon. Damit rennt man jetzt wohl bei der Emma Redaktion keine Türen ein, sondern gegen die ein- oder andere Wand. Da gibt’s ja riesige Diskussionen über dieses Thema. Ist sie jetzt Oberemanze, oder steht sie für den Untergang des Abendlandes, was das Weibchen-Schema angeht. Ich find die cool. Sie ist sehr feminin und gleichzeitig auch maskulin und kann tolle Sachen machen. Gerade in der neuen Spielversion hat sie auch einen interessanten Charakter – eine super Frau… Es handelt sich aber natürlich um eine fiktive Figur und wir sind hier nicht beim Dokumentarfilm, wo es darum geht, die Wirklichkeit abzubilden. Und ich finde es wie gesagt, auch bei den Männerfiguren ähnlich. Die haben auch alle ein Sixpack und entsprechen oft einem Klischee.

Andere Personen, die Dir als Role Model einfallen? Realweltlich? Fiktiv?

Hmm, da muss ich überlegen…. Ich bin eigentlich Fan von Leuten, die kreativ bleiben, ohne sich auf irgendwas auszuruhen. Ansonsten bin ich Fan von reflektierten Menschen, die sich gut kennen und dadurch eine Diplomatie und Weisheit entwickeln. Ich kann da jetzt keine Namen nennen…

Ist der Begriff „Starke Frauen“ selbst schon scheiße?

Ich finde ja, aber ich weiss gar nicht, ob der wirklich de facto scheiße ist, oder einfach nur abgedroschen, so dass mein Gehirn abschaltet, wenn der Begriff fällt. Kann sein, dass es eigentlich ein guter Begriff ist. Ich hab kein feministisches Problem mit diesem Ausdruck, aber man hat das einfach schon zu oft in Zusammenhängen gehört, in denen es doof klingt.

Von Jackson Pollock sagt man, dass er verzweifelt war, weil er in relativ jungen Jahren schon so ein komplettes Werk abgeliefert hat. Siehst Du so eine Problematik? Oder anders gefragt: Können wir auf eine Fortsetzung von Ijon Tichy hoffen?

Ich hoffe schon. Unser nächster Wunsch ist ja ein Kinofilm. Das wäre toll. Ansonsten ist es grundsätzlich so, dass Jackson Pollock und ich oft die gleichen Probleme haben. Das ist sicherlich ne Seelenverwandtschaft, die auf der Hand liegt. Nee, ich hab überhaupt nicht das Gefühl, dass ich in irgendeiner Weise fertig sei. Ich will weitermachen und ich will immer was machen, was mich neu inspiriert und neu interessiert und ich habe keinen Bock mich zu langweilen und insofern geht das immer weiter. Aber wenn ich irgendwann gelangweilt sein sollte in diesem Beruf, würde ich aufhören und was anderes machen.

Eventuell Action-Archäologie?

Ja, Klugscheißer-Archäologie, wie ich es nenne. Das ist der einzige Punkt, wo mir Lara Croft ein bisschen auf den Keks geht, wenn sie anfängt, ihr Wissen auszupacken. Allerdings muss ich sagen, dass ich diese ganzen Klugscheißer-Monologe alle hintereinander synchronisiert habe – aber dann gerne Action-Archäologie, ja.

In welchen künstlichen Welten verlierst Du Dich gerne?

In meinen Fantasie-Kopfkino-Welten. Ich bin ein sehr akuter Tagträumer. Ich kann mich gut aus Situationen rausnehmen und mir vorstellen, auf Pandora zu wohnen, oder so. Also ich bin schon ein Fantasy-Typ und auch ein Fantasie-Typ – Beides…

 

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Das neue Tomb Raider erscheint Anfang März…

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