Bethesda Softworks übernimmt die Fallout Serie und haut ein großes Spiel raus

1988 machte auf dem Apple II und später auf dem C64 ein Rollenspiel mit Namen „Wasteland“ Furore. Statt Mittelerde und cleaner Star Wars Science-Fiction gabs erstmals einen dystopischen Weltentwurf zu entdecken. Die Spielmechanik hatte die Entwicklerfirma Interplay einfach aus einem ihrer vorherigen Fantasy Rollenspiele übernommen, aber als Setting einen postapokalytischen Südwesten der USA im einundzwanzigsten Jahrhundert eingebaut. Eigentlich ein Geniestreich, denn dieses Setting bietet mindestens genauso viele Möglichkeiten zum erschaffen einer konsistenten Spielwelt, wie ein rein fiktives, wenn nicht sogar noch mehr und ist außerdem auf erschreckende Weise realer. Also Brechstange statt Kurzschwert und Geigerzähler statt magischem Heiltrank.

Inoffiziell gilt Wasteland als der Vorgänger des zehn Jahre später erschienenen „Fallout: A Post Nuclear Role Playing Game“ und dem nur ein weiteres Jahr später releasten Fallout 2. Eine treue Community entwickelt sich um die postapokalyptische Spielserie, aber leider gelang es Interplay nicht, die Marke erfolgreich weiterzuführen und so wurden die Black Isle Studios, die bereits an einem dritten Teil von Fallout gearbeitet hatten, geschlossen. 2004 sicherten sich Bethesda Softworks, die mit den Rollenspielen Morrowind und Oblivion in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren, die Rechte an Fallout und machen jetzt, zwanzig Jahre nach Erfindung des Genres, mit Fallout 3 einen großen Wurf.

Die Rahmenhandlung ist hier schnell erklärt, aber im Spiel wird man sehr geschickt eingeführt und entwickelt eine Beziehung zu seinem Avatar. Fallout 3 beginnt mit der Geburt des Spielers in Vault 101, einem unterirdischen, von der Außenwelt  abgeschlossenen Bunker. In einer Mischung aus Tutorial und ins Spiel eingebetteter Charaktererschaffung werden in den ersten zwanzig Lebensjahren bestimmte Abschnitte, an denen entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt werden, gespielt. Beim Lesen eines Kinderbuchs zum Beispiel werden Werte für Charaktereigenschaften, wie Intelligenz, Stärke usw. herausgebildet und in einer späteren Phase werden anhand eines Tests in der Vault 101-Schule die Fähigkeiten des Charakters bestimmt. Außerdem erhält man zu seinem neunten Geburtstag den Pip-Boy 3000, eine Art Organizer, der im Spiel forthin den Blick auf die Map ermöglicht, aktuelle Aufgaben und Notizen anzeigt, Statusberichte über Gesundheitszustand und eventuelle Abhängigkeiten von Substanzen, Verkrüppelungen und den Grad der radioaktiven Belastung angibt. Schließlich werden in der Einführungsphase noch einige Schlüsselpersonen vorgestellt und unser alleinerziehender Vater macht noch einige mysteriöse Andeutungen, bevor er aus der Vault 101 ausbricht und sich damit für uns die Hauptquest von Fallout 3 entspinnt.

Zu diesem Zeitpunkt denkt man, man sei schon mitten im Spiel, aber die paar linearen Handlungen und Dialoge der Einführung sind gar nichts im Vergleich zu dem, was dann vor einem liegt. Wenn man es schließlich auch geschafft hat, aus der Vault 101 zu entkommen, stolpert man in einer fast ergreifenden Szene aus seinem goldenen Käfig und vor einem erstreckt sich eine ungemein trostlose Landschaft aus Schutt und Ruinen. Irgendwie kann man am Horizont eine Art Siedlung ausmachen und macht sich auf den Weg dorthin, nur um zu entdecken, wie groß der Schlamassel in Wirklichkeit ist. In einem Bombenkrater haben sich ein paar Überlebende aus Müll eine Heimstatt zusammengezimmert und diese Siedlung Megaton genannt, denn in ihrer Mitte liegt immer noch, geradezu als Finger in der Wunde, eine nicht hochgegangene Atombombe, die von einigen Bewohnern kultisch verehrt wird.

In Fantasy Rollenspielen würde man jetzt Das Wirtshaus  zum Tänzelnden Pony finden und vom schrulligen Zwergenkrieger den Auftrag bekommen, den heiligen Hammer aus der Höhle von Dings zu stehlen. In Fallout 3 funktionieren die unterschiedlichen Quests natürlich auch erstmal nach dem Schema: Triff Person A, oder überbringe die Nachricht B, allerdings wird hier ein etwas anderer Ton angeschlagen. In Megaton ist es ein schon weitestgehend verrotteter Barkeeper, der einen anraunzt, oder ein misanthropischer Vertreter-Typ im Trenchcoat, der einen überreden will, die Bombe von Megaton zu zünden, damit das ganze Elend endlich ein Ende hat. In jeder Ecke und in jedem Detail atmet Fallout 3 diese furchtbare postatomare Atmosphäre. Alles ist kaputt, oder nur so halb funktionstüchtig und auch über das Luftgewehr kann man sich nicht so richtig freuen, weil man weiß, dass es als Waffe nicht sonderlich viel gegen die ekelhaften Blähfliegen ausrichten wird, deren Fleisch man aber früher oder später mal wird essen müssen um zu überleben.

All diese Ideen und Details, die der postapokalyptische Weltentwurf mit sich bringt, sind voller schwarzem Humor, wirken aber gelegentlich auch irgendwie beklemmend. Ganz schön drastisch sind auch  die Cut-Scenes in den Kampfsequenzen. Während die älteren genannten Bethesda Rollenspiele (und auch viele andere) immer an schlechten Kampfsystemen krankten, gibt es in Fallot 3 sowohl für Schuß- als auch für Nahkampfwaffen das VATS – Vault-Tec Assisted Targeting System, für dessen Aktivierung man Aktionspunkte verbraucht, dann aber den Kampf kurz pausiert und sich verschiedene Körperteile des Feindes als Ziel aussuchen kann und gleichzeitig eine prozentuale Trefferwahrscheinlichkeit angezeigt bekommt. Also anvisiert und abgedrückt genießt man eine aus unterschiedlichen Perspektiven gefilmte Sequenz, in der je nach Waffe und räumlicher Situation der Gegner mal rückwärts über die Brüstung gefegt wird und dabei die Kugel in Zeitlupe aus dem Kopf austritt, oder die Kamera den Flug einer Mini-Nuke verfolgt, eine Rolltreppe explodiert und die darauf befindlichen Ghule durch den U-Bahntunnel gesprengt werden. Sind die Aktionspunkte verbraucht, kämpft man normal aus der Ego-Perspektive, was mit Fernkampfwaffen ganz gut funktioniert, aber immer noch keine Shooter-Funktionalität hat und im Nahkampf gerade noch so durchgeht. Trotzdem muss man sagen, dass in Fallout 3 für ein Rollenspiel dieser Art die Actionsequenzen (gerade am Anfang) ganz schön schwierig, aber sonst zahlreich und sehr gut umgesetzt sind.

Zugegeben, gerade am Anfang kommt man etwas schwer ins Spiel. Rollenspiele können ganz schön zäh sein, sofern man mental noch nicht ganz involviert ist und so skipt man die Dialoge erstmal durch und verfällt beim Spiel schnell in das Schema, jeden Teller und Ausrüstungsgegenstand einzusammeln, um beim Händler die dringend benötigten Arzneien und Waffen-Upgrades erstehen zu können, dann mit voller Lebenskraft den Supermutanten gegenüberzutreten, um dann wieder aus dem letzten Loch pfeifend in die Stadt zu rennen, um sich vom Pillendreher wieder heilen zu lassen. So geht’s aber zu in Rollenspielen, bis man einen etwas fortgeschritteneren Level erreicht hat und man endlich mal was merkt von angeeigneten Fertigkeiten und sich die Zusammenhänge der Story entfalten. Rollenspiele brauchen Zeit, aber wer sich die für Fallout 3 nimmt, wird belohnt mit einem großen Spiel und vielen einzelnen Spielsituationen, die man nicht so schnell wieder vergessen wird.

Auch erstaunlich: Bereits einen Monat nach offiziellen Release des Spiels sind schon drei große Add-Ons für die Monate Januar, Februar und März 09 angekündigt. Meiner Meinung nach riecht Fallout 3 nach dem nächsten großen MMORPG…


About The Author

3 Responses

  1. Ron

    Also zwei Sachen muss ich hierbei widersprechen. Erstens werden die Add-Ons eher seeeeehr klein ausfallen und eher an kurze Zusatzmissionen als wirkliche Add-Ons erinnern und zweitens kann aus Fallout nie wirklich ein MMORPG werden. Vor allem, weil man es viel zu sehr beschneiden und verstümmeln müsste – das kann man einfach nicht machen.
    Die einzigen MP-fähigen Fallouts waren die Nebenprojekte Tactics und Brotherhood of Steel – und denen fehlte es derart am üblichen Fallout-Charme, dass sie teilweise richtig uninteressant waren und sich irrsinnig schnell abnützten.

    Wenns schon mit dem Multiplayer-Modus nicht hinhaut, dann ist es noch um einiges unmöglicher, ein funktionierendes und erfolgreiches MMORPG zu basteln.

    Ansonsten muss ich sagen: Ganz feiner Artikel – und ich dachte ehrlich nicht, dass BethSoft es schaffen, nach Fallout 2 wirklich etwas zu kreieren, das ähnlich fesselnd, umfang- und abwechslungsreich ist.
    Einzig gefehlt haben mir nur diverse unterhaltsame Möglichkeiten aus dem großen Vorgänger wie beispielsweise die, zu heiraten, sich Sklavenhändlern oder ähnlichen Gruppierungen anzuschließen und so durch einen … ähm… ‘anerkannten’ Beruf Geld zu verdienen oder an Wettkämpfen teilzunehmen.

    Reply
  2. budjonny

    Ron, danke für die Anmerkungen. Ich selbst kenne zugegebenermassen die vorherigen Fallout Teile nur vom Hörensagen und für mich ist ein Rollenspiel in diesem konsequenten post-atomaren Setting neu.
    Vielleicht wird jetzt nicht genau Bethesdas Fallout 3 zum nächsten MMORPG, aber wenn man darüber nachdenkt, welches Setting jemals für eine eventuelle WoW Konkurrenz in Frage käme, dann wünschte man sich doch entweder ein Jetztzeitszenario, wie GTA, oder eben die postapokalyptische Welt von Fallout…

    Toll ist aber an guten Videospielen, dass sie gute Aussichten für zukünftige und noch bessere Videospiele versprechen…

    Reply
  3. nils

    Ich fand das Spiel an sich großartig. Die Add-Ons haben aber teilweise wirklich nur den Charakter von Zusatzmissionen und nach der Hauptstory ist wirklich der Großteil des Spiels gegessen, ein MMORPG in der Welt wär natürlich der Hammer.
    Schade auch, dass wie schon bei Oblivion der lokalisierte Text recht verbugt ist und teilweise Voice-Acting und Text nicht der Situation entsprechen. So werden häufig Sprachebenen gebrochen, Höflichkeitsformen ignoriert (Du / Sie) etc.. Naja, immerhin kein Endgegner der “Tschüssi” sagt (wie noch bei Oblivion), dafür aber ziemlich viel englischer Screentext und so, da geht viel Atmosphäre flöten, da man immer wieder dran erinnert wird, dass es eben doch nur ein Spiel ist.

    Reply

Leave a Reply to nils Cancel Reply

Your email address will not be published.