Buggy, schwer und relativ hässlich - aber trotzdem ein kleines RPG-Juwel.

Friedrich Hebbel hat einmal gesagt: “Lieber ein kantiges Etwas als ein rundes Nichts.” Und mir fällt dieses Zitat nicht umsonst bei Risen wieder ein. Ein Spiel, bei dem ich das aus Frust weggeworfene Pad immer wieder reumütig zurückholte. Ein Spiel, dass mich allein in der ersten Stunde Spielzeit ohne Tutorial ein geschätztes Dutzend mal sterben lässt, wovon die Hälfte auf Kühnheit, ein Viertel auf eine hyperempfindliche Steuerung und das letzte Viertel auf Programmfehler zurückzuführen sind. Ein Spiel, dass (in der von mir gespielten Konsolenversion) hässlich ist, mit Matsch-Texturen und Einheits-NPCs, dass mich mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt, mich keinen Meter weit an der Hand nimmt, sondern “einfach nur” an einem Strand stranden lässt und sagt: Mach mal.

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Das habe ich ja auch versucht. Alles mitnehmen, nix liegenlassen. Nach einer halben Stunde bereits: Das erste Mal eingefrorenes Bild. Ausschalten, wieder laden (man gewöhnt sich recht schnell an, vor jeder größeren Aktion zu speichern, um ungefrustet voran zu kommen) und weiterlaufen. Nachdem ich mich die ersten Stunden über an dieses zickige Spiel gewöhne, immer häufiger speichere und mit der Zeit mit der Sensibilität der Analogsticks etwas besser umgehen kann (wobei das Spiel einem, welche Schande, die Steuerung nicht anpassen lässt!), tauch ich langsam ein, in den Clash der Fraktionen. Gleichzeitig begreife ich, das Risen in den Menüs einige nützliche Informationen sammelt, wie Handel und Talente funktionieren, dass ich nur meine Brille aufsetzen muss, um die kleine Schrift entziffern zu können, und am besten jegliche Umgebungsbeleuchtung ausschalten sollte, um bei dem geringen Kontrast (auch nicht einstellbar, wie verwöhnt bin ich eigentlich!?) noch zu erkennen, wohin ich gerade laufe.

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Puh, bei soviel Punkten, über die ich mich aufrege, frage ich mich eigentlich, warum ich mich derart konditionieren lasse. Und es dann doch soweit spiele, ohne entnervt aufzugeben:
Doch, das Spiel ist gerade im Vergleich mit dem anderen Extrem (soll ich sagen: dem runden?) Fable II, ein eckiges Etwas, dem man jeden Erfolg abringen muss. Auch Oblivion/Fallout 3 spielen sich dagegen wie ein Osterspaziergang, von Japano-RPGs ganz zu schweigen. Und gerade deswegen macht das Vorankommen so einen Spaß! Man muss dem Spiel eben jedes Verstehen, jeden noch so kleinen Erfolg mühsam abringen. Und die Atmosphäre erreicht, dass man es gerne tut. Die Sprachausgabe ist grandios, gerade will mir nur Dead Space einfallen, das in letzter Zeit ein ähnlich gutes Voice-Acting geboten hat (aber das ist viel mehr lineares Storytelling als das hier). Die Spielwelt kommt schön erwachsen daher – voll mit ungehobeltem Umgang, menschlichen Bedürfnissen (wenn auch das unerlässliche Tüten-Gerauche der NPCs mir persönlich etwas zu viel war) und “wenn’s dir nicht passt, gibt’s aufs Maul”-Dialogen. Es ist schlicht ein veritables Rollenspiel, indem mir eine Vielzahl an Entscheidungen geboten werden, sich der Plot diesen, meinen Entscheidungen entsprechend weiterentwickelt und ich durch die Wahl für eine bestimmte Richtung, Fraktion etc. mir gleichzeitig die andere verbaue, bzw. durch Diebstahl oder versehentlichen Angriff vorher mir wohlgesonnte Charaktere verlieren kann.
Wer diesen Winter noch Zeit und Lust auf ein kantiges Spiel hat, dass einen nicht jede Entscheidung abnimmt und in die Daunenfedern modernen “Jeder muss unser Spiel spielen können” Casual-Gameplay-Designs à la Fable oder Assassin’s Creed bettet, wird mit Risen nicht nur glücklich werden, sondern einen Auftrag finden.

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Ich hätte mich in diesem Post auch über die misslungende Portierung für Konsole aufregen können, da, wie die letzten beiden Screenshots zeigen, das Spiel auf Konsole einfach nur bitter aussieht.
(Mehr hierzu auf Videogameszone.de. Alle “offiziellen” Screenshots zeigen m.A.n. nicht die Xbox-Version, sondern sind entweder schöngerendert, zeigen Zwischensequenzen oder scheinen vom PC gezogen.)
Augenfällig wird dabei nur einmal mehr, dass vernünftige Multiplattform-Spielentwicklung für eine jede Plattform optimiert werden muss, was warum auch immer, bei Risen nicht passiert ist. Mich selbst hat die abgrundtiefe Grafik aber beim Spiel selbst wenig gestört, da die Geschichte nicht von ein paar Grashalmen mehr oder weniger getragen wird.

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4 Responses

  1. ben_

    Jungs, was geht? Hab ich was verpasst? Wird die Debug jetzt die bessere Gee?

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  2. BenZol

    Auahauaha! “räumütig” ?!?! Okay, Hebbel hat den Urduden nur um 9 Jahre verpasst, aber was ist Ihre Entschuldigung?

    Andererseits meinte er auch:
    “Ich werde nie zum Frühling sagen: verzeihen Sie, Sie haben dort ein welkes Blatt, oder zum Herbst: nehmen Sie es ja nicht übel, dieser Apfel ist nur zur Hälfte roth.” – Tagebücher 3, 3323 (1845). S. 27. (Quelle: Wikiquote)

    In diesem Sinne – Weiter so!

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  3. nils

    oha…. wird korrigiert.. oder doch nicht?

    -> reumütigst korrigiert 😉

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  4. nils

    und @ben_: nehm ich jetzt mal als kompliment ^^

    im ernst: nicht ganz.. heiko (jetzt chef bei der gee) hat ja jahrelang de:bug games mitgestaltet, daher sind wir eh eine familie…

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