Open World Renaissance

Die Spielserie Assassins Creed ist ein Projekt von enormen Ausmaßen – Nicht nur in räumlicher Ausdehnung der Spielwelt, sondern auch in zeitlicher, denn die Story um die in den Erinnerungen ihrer Vorfahren reisenden Mitglieder einer Assassinen-Gilde und deren Wirkungen und Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte wird nach einem ersten Teil, der zur Zeit der Kreuzzüge spielte, jetzt in der Epoche der Renaissance fortgeführt und einiges deutet darauf hin, dass Assassins Creed auch noch in ganz anderen historischen Settings spielen wird. Außerdem dehnt sich Assassins Creed auf der medialen Konvergenzebene aus: Rechtzeitig zum Release des neuen Spiels erschienen auch drei bei Ubisoft produzierte Kurzfilme, die in Länge und Produktionsaufwand klar über einen normalen Trailer hinausreichen und fürs Game zusätzliche Hintergrundstory, Spannung und Nachfrage erzeugen sollen. Comic, Action-Figuren, Musical? Sind unterwegs…

Florenz

Wie nähert man sich so einem Mammut-Game? Ich habs mal mit dem 225-seitigen Lösungsbuch versucht. Mit Lösungsbüchern ist es ja normalerweise so, dass die Spielefirmen und Publisher sie nicht so gerne haben. Erstmal sollen genug Menschen ein Spiel kaufen, selbst erspielen und eventuell in Foren ihre Erfahrungen austauschen. Erst nach einiger Zeit werden offizielle Lösungsbücher und Online Hilfen angeboten, um den Spielern dann die Möglichkeit zu geben, ein Spiel bis ins letzte Detail zu erforschen. Und für Spieler besteht immer die Frage, ab welchem Zeitpunkt ist der Blick ins Lösungsbuch gerechtfertigt, ohne sich dadurch den Spielspaß zu versauen. Meine Lektüre des Lösungsbuches ist deshalb auch nur sehr oberflächlich. Mir geht es in erster Linie darum, die räumlichen Dimensionen von Assassins Creed zu erfassen. AC ist nämlich ein Open-World-Game und anstatt mir die Ausdehnung des Spiels selbst zu erlaufen, gehe ich den anderen Weg, überfliege das Kartenmaterial im Lösungsbuch und versuche nachzuvollziehen, wie ein Spiel dieser Größe gemacht wurde (ohne hier irgendwelche Spoiler zu bringen).

Labor

Zu allererst stellt man fest, dass das Kartenmaterial aus mehreren Maps besteht und doch insgesamt  überschaubar ist. Ein „basic-move“ innerhalb von Assassins Creed ist das Synchronisieren der Karte. Dazu klettert man auf Türme und hohe Gebäude, von denen aus man einen atemberaubenden Blick über die unten liegende Stadt und die sie umgebende Landschaft genießt. Zwar suggeriert der Blick vom Turm immer wieder, dass man sich in einer riesigen offenen Welt befindet, aber in Wirklichkeit hören die Maps einige hundert Meter außerhalb der Stadtmauern auf. Auch in der Kartenansicht selbst werden die einzelnen Maps sehr geschickt nebeneinander angeordnet, so dass man beim Rein- und Rauszoomen den Eindruck gewinnt, ganz Italien sei bespielbar. Grundsätzlich sind es aber „nur“ Florenz, die Toscana und Venedig und einige kleinere Verbindungs-Maps, die die Welt von Assassins Creed 2 bilden.

Flucht

Wie auch schon im Vorgänger, ist die Umsetzung der Stadt-Architektur in AC2 meisterhaft gelungen. Genauso müssen Florenz und Venedig wohl ausgesehen haben damals. Türen, Fenster, Verzierungen, Texturen, Reliefs und andere architektonische Elemente wirken wie aus dem Stilkunde-Buch Renaissance. In anderen Kontexten könnte die Stadtarchitektur von Assassins Creed alleine schon als virtuelles Museum dienen. Vor allem die großen Gebäude, wie Dogen-Palast oder die Kathedrale Santa Maria del Fiore oder der Campanile des Giotto sind in ihrer virtuellen Variante hervorragend als Anschauungsobjekte für die Architektur der Renaissance geeignet.

BeiNacht

Aber die schönsten virtuellen Welten nutzen nichts, wenn es darin nichts zu tun gibt. Hierin lag auch das Problem beim ersten Teil von Assassins Creed. Eines der bis dato beeindruckendsten historischen Settings war da geschaffen worden, eine spannende Story bahnte sich an, aber das Gameplay war repetitiv, nicht besonders anspruchsvoll und schließlich kam der Spielspaß nach einigen Stunden zum erliegen. Das durfte in Assassins Creed 2 auf keinen Fall nochmal passieren – und so wurde penibel darauf geachtet, den Spieler immer bei Laune zu halten. Grundsätzlich ist das Spielprinzip in Open World Games daran geknüpft, sich von A nach B zu bewegen und an verschiedenen Orten Aufgaben zu erledigen. Diese Grundfunktion des Spiels, das Bewegen übers Spielfeld findet bei AC entweder in den Straßen, Gassen und auf Plätzen statt, oder in der eleganteren, aber auch gefährlicheren Variante über die Dächer. Beispielsweise aus Prince of Persia kennt man diese Klettereien, jetzt aber wurden sie weiter perfektioniert. Das Hinaufklettern an den Fassaden klappt sehr flüssig und sieht immer toll animiert aus – auch das Laufen und Springen über die Dächer sieht  super aus und macht trotz immer wieder auftauchender kleinerer Unsauberkeiten und gelegentlicher Fehltritte auch gerade wegen der knirschenden Dachziegel und Hochseil-Akrobatik großen Spaß und erfordert genau das richtige Maß an Geschicklichkeit. Ebenerdig bewegt man sich meist langsamer, versucht unauffällig zu bleiben und verschmilzt zur Tarnung mit den Bürgern der Stadt. Offene Kämpfe sollte man eigentlich vermeiden, aber wenn es nicht anders geht, stehen einem da auch einige elegante Moves und Attacken zur Verfügung und mit verbesserten Rüstungsteilen und Waffen, die man im Laufe des Spiels bekommt, kann man es auch mal mit mehreren Gegnern aufnehmen. Die Hauptaufgabe sind allerdings die diversen Meuchelmorde, die man in der Hauptquest auszuführen hat – natürlich alle im Namen eines historisch korrekten Geschichts-Verlaufs.

Kill

Hier liegt der Spaß darin, das Opfer erstmal zu finden in der Stadt, zu beobachten und sich einen Plan zurecht zu legen und dann auf verschiedene Arten die Opfer zu meucheln – entweder langsam und vorsichtig mit dem versteckten Stoßdolch, oder mit Gift, oder frontal mit dem Säbel. Neben den Morden in der Hauptquest kann man sich die Zeit im Italien der Renaissance aber auch damit vertreiben, dass man Steckbriefe von den Wänden reißt, um den eigenen Fahndungslevel niedrig zu halten, oder man sucht Schatzkisten innerhalb der Map um sich für Geld neue Kleidung oder die zur fraglichen Zeit in Florenz und Venedig inflationär entstehenden Kunstwerke zu kaufen und diese auf dem prosperierenden Landsitz in der Toskana massenhaft aufzuhängen und anzugucken. Einen weiteren Teil der Hauptquest bilden aber auch die zu findenden Assassinen-Symbole, durch die wiederum Rätsel freigeschaltet werden, die mit der Meta-Story, dem Animus und der zeitreisenden Gilde zu tun haben.
In Bezug auf Abwechslung und ausgewogenes Gameplay wurden in AC2 die Fehler des ersten Teils beseitigt. Die unterschiedlichen Kletterpartien, Kämpfe, Rätsel und das Belohnungssystem wurden gut dosiert. Vor allem ist aber die Story gut erzählt und bietet mit dem Wechsel in die Jetztzeit und die Erfindung des Animus jede Menge Möglichkeiten, den Spieler zu überraschen und die Geschichte in eine völlig andere Richtung zu lenken.
Trotz der extrem gelungenen Umsetzung eines historischen Settings und des verbesserten Gameplays im Gegensatz zum ersten Teil macht sich doch auch in Assassins Creed 2 nach einiger Zeit eine Schwäche bemerkbar- es passiert in dieser Offenen Welt einfach nichts unvorhergesehenes. Zwar gibt es unzählige Läden für Kleidung und Waffen und Kunstwerke und es gibt Bürger in der Stadt und Wachen und Kaufleute, aber Interaktionen beschränken sich immer nur auf Handeln und Kämpfen. Zwar spielt man einen Assassinen mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und ist im geheimen Auftrag unterwegs – da macht es nicht viel Sinn mit den Bürgern zu quatschen, aber trotzdem bleibt ein wirkliches Eintauchen in die Italienische Renaissance leider aus. Es kann also auch nicht Ziel sein, Open-World Games immer größer und komplexer werden zu lassen – der nächste konsequente Schritt wäre einfach, sie als Massively Multiplayer Games zu konzipieren.

Kutsche

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4 Responses

  1. papunzel

    bei einem mmo hast du dann aber eine stadt an der backen, in der sich 5000 assasinen rumtreiben. als ob sie alle zur großen internationalen meuchelmördermesse angereist wären.

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  2. budjonny

    …vielleicht per Losentscheid, wer den Mörder spielen darf. Eine Stadt sucht einen Mörder…

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