Wenn ich ein klassisches Videospiel nennen müsste, das dem Genre “Space Opera” gerecht wird, hätte ich wohl bis vor kurzem noch Wing Commander genannt, da diese Serie viel mehr Audiovisuelle Erzählung enthielt, als beispielsweise Elite. Und wohl auch, weil es das einzige entsprechende war, das mich damals mit seiner Erzählung sehr gut “abgeholt” hat. Nun gut, damals waren es in erster Linie humanoide Katzen, die die Menschheit bedrohten, aber die vielfältigen Dialogoptionen zwischen den Einsätzen mit den anderen Crewmitgliedern und die Verwobenheit von Erfolg der Missionen mit dem Verlauf der Geschichte waren für damalige Verhältnisse (vor zwanzig Jahren!), schier unglaublich.

Viel Zeit ist seitdem vergangen und ich, der ich den ersten Teil von Mass Effect trotz mehrmaligen Anratens vieler Bekannter nie weiter als die erste Stunde erkundet habe, bin mit dem zweiten Teil zu dem Schluss gekommen, dass sich in Mass Effect eine würdige Nachfolge-Reihe für meine Wing Commander-Nostalgie gefunden hat. Die Inszenierung ist ähnlich pompös wie damals, nur ist die grafische Aufbereitung den heutigen Mitteln entsprechend brilliant.

Während des eigentlichen Action-Spielgeschehens sind wir in Mass Effect meist auf irgendeinem Planeten unterwegs und ballern uns – über die Schulter blickend, mit allerlei Waffen- und Geheimkräfte-Humbug, sehr spielbar und stimmig inszeniert – den Weg durch widerspenstige Alien-Horden.

Danach, davor und dazwischen jedoch entschleunigt das Spiel merkbar. Und in diesem Modus entspannt sich vom hypermodernen Mutterschiff aus ein Kosmos, ein Weltentwurf der Zukunft: Raumgleiter, Städte, Außenposten, Aliens. Ein in seiner Detailverliebtheit überraschend vielschichtiger Spielplatz an Story, mit stimmigem Hintergrund und dem Gefühl von Weite. In dieser Welt gibt es viele mehr oder weniger überzeugende Legitimationen für die Aufgaben, die wir zu erledigen haben. Als Grundrichtungen gibt es in allen Dialogen “Vorbild” und “Abtrünnig”. Die Namen selbst finde ich etwas blöd, aber das gut/böse-Schema wollte man wohl auf jeden Fall umgehen.

Der rote Faden entspannt sich dabei rund um verschwindende Kolonien der Menschen, die von seltsam bösen Viechern, den Kollektoren, nahezu restlos geerntet werden. Keine Menschenseele überlebt diese Übergriffe und so entschließt sich eine Geheimorganisation namens Cerberus, den in der Startsequenz sterbenden Helden des ersten Teils, Commander Shepard, wieder ins Leben zurückzuholen und vollgestopft mit Bionic-Implantaten zum Anführer einer interstellaren Einsatztruppe zu machen. Der Commander ist dabei “ganz wie früher”, was heißt, dass schon mal das Aussehen unsere Spielfigur vom Speicherstand des ersten Teils übernommen werden kann, sofern vorhanden. Auch im ersten Teil getroffene Entscheidungen und Spielverläufe haben so geringere Auswirkungen auf die Erzählung im vorliegenden Teil, was mal wieder das Niveau der Produktion dieser Unterhaltungssoftware illustriert: Alle Dialoge sind mit Sprachausgabe unterlegt und werden im virtuellem Theater inszeniert. Die Regie-Engine generiert dabei das Spiel, berechnet die Charaktermodelle und schöpft überaus beeindruckende Animationen von den beiden DVDs. Doch die perfekte Inszenierung kann nicht darüber hinweg täuschen, dass man selbst eben als mehr oder weniger kaltblütiger Elite-Soldat unterwegs ist. Der streng effizient denkt und man merkt, dass man sich viel lieber ein Spiel vorstellen will, in dem etwas mehr Utopie oder auch Liebe herrscht. Shepard ist und bleibt ein Grobklotz, ohne Witz oder Charme. Ein Mensch, mit dem ich gerne einen Abend verbringen würde? Wohl kaum.

A propos Mensch. Mass Effect 2 ist ganz wie Star Trek ein hervorragender Beweis dafür, wie das Menschsein im Spiegel humanoider Aliens verwässert: Nicht erst mit Wittgenstein können wir davon ausgehen, dass das was da unsere Sprache mit uns spricht, unsere Lebensform teilt. Also auch ein Mensch ist. Und so zeigt das Spiel dann selbst, wie Rassismus funktioniert. Bei verbalen Außeinandersetzungen verhalten wir uns meist vorbildlich , auch wenn wir “Was für ein Vollpfosten?” denken und auch die Abtrünnigkeit ist nicht wirklich beim Worte zu nehmen. Im Gefecht ist eben auch nichts mit Vorbild, da wird draufgehalten.

Dass sich die Schemata der Gespräche ähneln ist auch schon bei Monkey Island der Fall gewesen. Dennoch sind einige Plotpunkte voraussehbar, sobald ein Großteil der verfügbaren Charaktere rekrutiert worden ist, was ein wenig den Enthusiasmus ausbremst. Und das langwierige und daher nervende Rohstoff-Melken ist auf die Dauer auch eher Spaßbremse.

Nun ist Mass Effect 2 aber eben ein Videospiel und an die sollte man nicht immer die selben Messlatten ansetzen wie für Filme oder gar Literatur. Ein Videospiel für Erwachsene. Und zwar ein verdammt gutes.

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