Mercedes Bunz: Mit Marx gegen die deutsche Angst
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 115

In den letzten zehn Jahren hat sich das Internet mehrmals revolutioniert. Und mit ihm die Ökonomie. Ein Fall für das Land von Karl Marx, sollte man denken. Aber die deutsche Regierung verschläft auch noch nach zehn Jahren das Potential dieses Produktionsmittels.

Das Produktionsmittel

Das Internet hat in Deutschland gesiegt. Eindeutig ist es Teil des Lebens der Bevölkerung geworden. Über 90 Prozent der unter 30-Jährigen nutzen das Internet, und auch die älteren Erwachsenen haben sich mit dem neuen Medium angefreundet, so dass mittlerweile insgesamt 70 Prozent der erwachsenen Bundesbürger einen Internet-Anschluss haben – 1999 waren es noch magere 9 Prozent.

Man könnte denken, eine so hohe technologische Durchdringung der Bevölkerung wäre Grund genug dafür, einen politischen Entwurf für diese Technologie zu haben. Irgendeinen Plan. Den braucht es, denn vom Kernkraftwerk bis zum Volkswagen weiß man ja: Technologien sind nie einfach nur da. Sie entwickeln ihr Potential wie Kinder, was also heißt: Man muss sie fordern und fördern. Welchen Plan verfolgt also die Bundesregierung beim Internet für ihre deutsche Bevölkerung? Nun, leider, die Antwort ist eindeutig: aktuell keinen.

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Der Beweis ist ganz einfach: Googelt man “Internet & Bundesregierung“, erwartet einen das Grauen. Auf Platz 1 kommt ein Treffer aus dem Forum der Uni-Jena vom 14. September 1996 mit dem Titel: “Anfragen an die Bundesregierung – Internet?“ und es folgt die Meldung: “Kinderpornographie oder rechtsradikale Parolen kann sich jeder auf einfache Weise aus dem Internet auf den Bildschirm seines Heimcomputers holen. Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um die Verbreitung strafbarer Inhalte zu unterbinden und die Verfolgungsmöglichkeiten zu verbessern”, wollten die Bündnisgrünen in einer Anfrage wissen.

Ausgerechnet die Grünen. Aber okay. Noch ist ja Hoffnung. Die nächste Meldung ist immerhin schon drei Jahre weiter vorne, d.h. aus dem Jahr 1999: “Die Bundesregierung will mit einer Aktion ‘Internet für alle’ die Verbreitung des weltweiten Computernetzes in Deutschland steigern. Vorgesehen sei eine Erhöhung der Anschlussquote von gegenwärtig neun Prozent auf 40 Prozent bis zum Jahr 2005, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär Siegmar Mosdorf vom Bundeswirtschaftsministerium gestern im Bundestag in Berlin.“

Fremde Welten

40 Prozent bis zum Jahr 2005, meine Herren. Auch hier sieht man, wie die Regierung das Internet unterschätzt. Die Bevölkerung hat sich nämlich nicht an diese Vorgabe gehalten, sondern sie übertroffen. Selbstständig hat sie im Jahr 2005 bereits für eine Anschlussquote von 63 Prozent gesorgt – im Übrigen hat man von einem Investitionsprogramm, das massiv Netzzugänge vergibt und fördert, auch nie gehört. Nicht mal für die Jugend, gleich ob der Computer im Grunde essentieller ist als jedes neue Schulbuch. Ganz einfach auch deshalb: Man könnte sich alle Ausgaben für Schulbücher sparen, indem man sie auf die Computer lädt, und außerdem noch alle Kinder an das Medium heranführen, aber davon will man nichts hören.

Das Netz ist den Politikern suspekt: Man wisse, so steht auf Platz drei der Google-Suche in einer Heise-Meldung, dass man für den “Dschungel auf der Datenautobahn eine Machete” brauche, um an vernünftige Informationen zu kommen. Das erklärt einem der damalige Pressesprecher Uwe-Carsten Heye. Und das zeigt: Die Bundesregierung kann mit dem Internet wenig anfangen, und zwar so wenig, dass auf Platz zehn der Google-Suche schon folgende Meldung kommt: “Nun wird der Bock zum Gärtner: Vattenfall-Chef Josefsson wird Klimaschutzbeauftragter der Bundesregierung“

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Schickt ihnen bitte einen Search Engine Optimizer, möchte man laut rufen, nur gibt es ganz offensichtlich keinen Inhalt, den der SEO optimieren könnte. Die Bundesregierung hat keinen Plan, was sie mit dem Internet will. Sie ist vor allem damit beschäftigt, Angst vor ihm zu haben. Sie hat Angst vor Kinderpornographie, Computerkriminalität, dem digitalen Gap, das sie nicht bekämpft, und den Urheberrechtsverletzungen. Aktiv plant sie allerhöchstens Online-Durchsuchungen. Man möchte glatt ein Anti-Diskriminierungsgesetz für das Internet einbringen, wenn die Sache nicht ernster wäre.

Denn hier geht es nicht einfach nur lustig um einen verunglückten Diskurs. Es geht um uns. Es geht um unsere Ökonomie. Und das ist schon lange nicht mehr nur irgendein nichts sagender Begriff für Wirtschaftswissenschaftler und Zahlen. Seitdem rechts sich mit links angefreundet hat, alles durcheinander geht und das Politische auf seltsame Art und Weise mitten im Nebel dieser neuen Freundschaft verschwunden ist, ist Ökonomie unsere neue Politik. Entscheidungen werden dort getroffen. Aber beeinflusst werden diese Entscheidungen durch den politischen Rahmen, der gesetzt wird. Schlecht für das Internet. Denn man hat beschlossen, nichts zu fördern, nichts zu unternehmen und Angst zu verbreiten. Es gibt also etwas zu tun, man darf die Regierung da nicht alleine lassen.

Wieso läuft in diesem Land eigentlich alles so falsch? Dafür gibt es Gründe, aber zu denen kommt dieser Text später. Zunächst einmal muss man sich fragen, warum in den Vereinigten Staaten von Amerika alles so richtig läuft. Denn technologisch sind wir mittlerweile auf dem gleichen Stand. Dennoch bellen wir Deutschen immer noch blöde in unsere Mobiltelefone und laden Klingeltöne herunter, während die amerikanischen Kids Internetklitschen eröffnen, Millionäre werden und per Google das Weltwissen verwalten. Wie kann das sein?

Technologie reicht nicht

Um das vorauszuschicken: Der Anarcho-Kapitalismus, der in den Vereinigten Staaten bis heute praktiziert wird, den will hier keiner haben. Dennoch gibt es im Umgang mit der Ökonomie in den Staaten Momente, die man sich abschauen sollte. Beispielsweise diesen: In den USA ist man bis heute fröhlich aufgeregt, wenn es um das Internet geht. Von Anfang an hat die Politik dabei Zeichen gesetzt, denn das Internet ist eine Technologie, die gezielt politisch gefördert wurde. Schon 1991 hat Al Gore, damals noch Senator, den “High Performance Computing and Communication Act“ in den Kongress eingebracht, um ein nationales Forschungsnetzwerk nach vorne zu bringen. Man erkannte das Potential dieses Produktionsmittels.

Der “Information Superhighway“, wie man ihn damals nannte, wurde mit staatlichem Geld aufgebaut. Ein nationales Netzwerk aus Glasfaserkabeln wurde geschaffen, Universitäten wurden große Budgets zur technologischen Forschung zur Verfügung gestellt. Politisch lenkt man, was ökonomisch einmal groß wird. Mosaic, der erste Browser, der außer Text auch Grafiken anzeigen konnte, ist im Kielwasser dieser Förderungspolitik entstanden, und genau mit Mosaic, mit diesem staatlich geförderten Projekt, begann das World Wide Web auch ein ökonomischer Erfolg zu werden. Noch heute sagt sein Entwickler Marc Andreessen: “Wenn das damals der Privatwirtschaft überlassen worden wäre, wäre es nicht passiert – oder zumindest erst Jahre später.“

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Die politische Richtlinie und das Vertrauen, das der Staat gesetzt hat, hat geprägt. Im Vordergrund der amerikanischen Debatten steht das Potential dieser Technologie: Man erfindet immer wieder neue Möglichkeiten, die man mit ihr hat. Ein Diskurs, der in Deutschland abwesend ist. Komplett. Hier würde keiner wagen, einfach mal etwas zu versuchen, weil es geht. Google, eine Firma, die am Anfang jahrelang überhaupt kein Geschäftsmodell hatte, bis ihr jemand eines erfunden hat, gäbe es in Europa schlichtweg gar nicht.

Wie, eine gute Idee? Reicht nicht. Businesspläne sind wichtiger als ein Gefühl für das neue Medium. Während in den Vereinigten Staaten der politische Glaube an die Technologie – erst mal machen, dann wird schon was dabei rumkommen – die ökonomische Kultur geprägt hat, steht einem hier die traditionelle deutsche Unternehmenskultur im Weg. Sie ist bitterer Ernst und wenig spielerisch. Verliert man, ist man gescheitert und kann ein für allemal einpacken. Und tschüß. Unternehmertum ist schließlich keine Grundlagenforschung. Ist es aber vielleicht doch, und vielleicht mit dem Internet mehr denn je. Genau diesen Umstand macht zumindest der kanadische Politiker und ehemalige Generalsekretär der OECD-Staaten, Donald J. Johnston, dafür verantwortlich.

Scheitern als Chance

In seinem Artikel “Die neue Ökonomie – Technologie ist nicht genug“ schreibt er über den technologisch-ökonomischen Vorsprung der Vereinigten Staaten: “Ist das kulturell bedingt? Eine gute und wichtige Frage. Sicherlich ist Toleranz in Nordamerika bei Kreditgebern und Investoren gängig. Leute, die mit ihrem Geschäft scheitern, werden nicht geächtet, vorausgesetzt sie agierten transparent und ehrlich. Sie können wieder von neuem beginnen und tun das gewöhnlich auch. In anderen OECD-Ländern ist das nicht der Fall.“

Scheitern als Chance – und die wird einem leicht gemacht: Ein geringer bürokratischer Aufwand ermöglicht auch Leuten, die weniger in Betriebswirtschaften bewandert sind, eine Firma zu gründen. Man muss sich nicht durch fünfzehn Behördentermine und dreihundert Seiten Formulare wühlen. Weiteren Input erhält das Land auf Grund einer gelungeneren Integration von Migranten – Stichwort “Affirmative Action“, die man allerdings im Augenblick wieder zurückdreht. Fehler. Denn nicht, dass es dort keine ethnischen Probleme gäbe, aber der Melting Pot USA ist prinzipiell für den Aufstieg von Migranten durchlässiger. Hier dagegen hält man sie lieber mit überkommenen Bildern von Döner grillenden Obsthändlern auf.

Auftritt: Marx

Auf einer offenen ökonomischen Kultur und einer offenen Herangehensweise an Technologie ruht also der US-Vorsprung durch Technik, und damit ist zu konstatieren: Ausgerechnet das Land, das als kapitalistischstes gilt, hat einen Teil des Marxismus besser verstanden als alle anderen. Das revolutionäre Potential der Produktionsmittel nämlich. Diesem Potential schenkt es den Platz, den es braucht, damit sich etwas entwickeln kann. Im Heimatland von Marx dagegen, so scheint es, haben Produktionsmittel heute keine Chance. Ihr revolutionäres Potential war bei rechten Liberalen noch nie wirklich ein Issue, das Interesse an Revolution ist dort naturgemäß eher mau.

Die Chancen, die eine Gesellschaft durch eine neue Technologie hat, hat sich aber auch die deutsche Linke maßgeblich verstellt. Die hat sich in den Siebzigern einfach an jenen Auszügen von Marx festgebissen, in denen er die realexistierenden Probleme großer teurer Maschinen beschrieb. Und tatsächlich: Im Gegensatz zum PC oder zum Server oder zur Software konnten Produktionsmittel damals nur von Leuten gekauft werden, die schon sehr, sehr viel Geld hatten. Wer reich ist, wird noch reicher. Das ist ein effektives Einfrieren der Verhältnisse.

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Seitdem die Technologie in diesen falschen Händen gewesen ist, gilt sie der deutschen Linken als böse. Sie unterjocht den Arbeiter, der sich für jemand anderen krumm macht. Technik ist Entfremdung, ja, genau das schrieb Marx, zumindest solange man den Arbeiter mit minimalen Handgriffen möglichst effektiv an der Maschine parkt. Dass wir genau diesen Fehler jetzt mit unseren Unternehmern wiederholen, die wir möglichst effektiv im Unternehmen parken, dass wir eine neue Entfremdung des Unternehmers haben, das scheint dagegen keinen zu kümmern.

Gut, aus ihrer Geschichte heraus ist es vielleicht nicht unbedingt die Aufgabe der deutschen Linken, die Befreiung des Unternehmers voranzutreiben. Aber das emanzipierende gesellschaftliche Potential der digitalen Technologie zu verpassen, das muss man ihr definitiv vorwerfen. Technik ist heute eine andere als zu Zeiten von Marx: Im Vergleich zur Autofertigungsanlage ist sie für jeden erschwinglich. Gesellschaftlich gesehen lauert damit jede Menge revolutionäres Potential in der Technologie, die darauf wartet, von der Linken entdeckt zu werden.

Was die deutsche Linke im Übrigen auch bei Marx nachlesen könnte. Denn Produktionsmittel, wusste Marx, haben alleine dadurch revolutionäres Potential, indem sie neue gesellschaftliche Formationen schaffen. Das ist auch heute noch der Fall, konkret hat das Internet beispielsweise die digitale Bohème hervorgebracht, junge Leute, die, wie Holm Friebe und Sascha Lobo so treffend geschrieben haben, dankend auf einen Anstellungsvertrag verzichten und mittels neuer Technologien den Traum vom selbstbestimmten Arbeiten verfolgen.

Der lange Schwanz

Dass dieser Traum Substanz hat und nicht nur ein weiteres utopisches linkes Hirngespinst ist, das sich beim Aussteigen in den flachen Hierarchien verfängt und auf die Nase fällt, beruht auf einer neuen technologischen Grundlage. Mit dem Internet haben auch Nischenproduktionen eine neue Chance. Denn das Internet verbindet Millionen von Leuten miteinander, aber das Internet ist kein Massenmedium. Im Gegenteil. Es ist ein Medium, in dem jeder einzelne aktiv partizipieren kann. Neue Geschäftsmodelle wie das des so genannten “Long Tails“ zeigen das. Der lange dünne Schwanz an Nischenprodukten bekommt durch das Internet eine Plattform. Wenn bislang physikalische Lagerkosten dazu geführt haben, dass nur die wirklich gut gehenden Kulturgüter angeboten wurden – die Nischenprodukte sind für die Zwischenhändler nicht profitabel – löst sich mit dem Internet dieses Problem auf.

Denn das Produktionsmittel Internet verändert maßgeblich die Vertriebssituation der Ökonomie: Man braucht keinen Zwischenhändler mehr, man umgeht ihn einfach – Ebay hat genau daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht. Aber auch Amazon macht einen Großteil seines Umsatzes nicht mit Bestsellern, sondern erwirtschaftet mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Büchern, deren geringe Absatzquote sie für jeden realen Buchladen unattraktiv machen. Plattformen wie diese geben Nischenprodukten eine ganz neue Chance, und genau damit entsteht nicht nur neues ökonomisches Potential, sondern das ermöglicht auch einen neuen gesellschaftlichen Entwurf.

Hallo Kulturnation?

Natürlich wird man in Deutschland die bierernste Unternehmenskultur nicht von heute auf morgen vom Kopf auf die Füße stellen und ihr eine neue Freude am Scheitern einfügen, auch wenn man eine Umstellung offensiv angehen sollte. Aus Schaden wird man ja schließlich klug. Man könnte sich aber auch auf andere Traditionen besinnen. Beispielsweise sind wir ja das Volk der Dichter und Denker, halten dem Internet aber unser Kulturgut komplett vor. Doch wieder ist es mit Google ein amerikanisches Projekt, das sich aufmacht, das Wissen der Bibliotheken zu digitalisieren, während wir uns verzweifelt an ein Urheberrecht klammern, das im Zeitalter des Internet in seiner jetzigen Form überholt ist.

Wiederum verpassen wir die Möglichkeit, die digitale Distribution zu nutzen, und dieses Mal sogar für etwas, von dem wir denken, dass wir es am besten können: Dichten und Denken. Dabei ist das Wissen um die Wichtigkeit des öffentlichen Raumes und der Kultur genau das, worin wir uns von den Vereinigten Staaten Gott sei Dank unterscheiden. Aber auch da herrscht an politischen Ideen von rechts bis links gähnende Leere, dabei wird es höchste Zeit zu diskutieren, wie man einen öffentlichen Raum im Internet entwerfen könne. Was für eine Aufgabe! Interessiert aber keinen. Das ungeheure Potential des Internets wird politisch komplett verpasst.

Ökonomie, Öffentlichkeit, Kultur, Politik – wohin man auch schaut: Das Wissen um das Potential der Produktionsmittel liegt brach, und das ist in gewisser Weise seltsam, denn genau dieses Wissen gehört zu unserer politischen Kulturgeschichte. Was auch eine Chance ist: Denn diesen Aspekt muss man nicht einmal aufwendig importieren, man könnte ihn einfach wieder entdecken. Was aber hieße: Man muss Marx wieder ernst nehmen. Es braucht einen neuen Marxismus. Man sollte ihn zumindest nicht den Amerikanern alleine überlassen.

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Elektronische Lebensaspekte.