Das Berliner Label Kitty Yo – Heimat von Laub, Peaches, Gonzales oder Tarwater – wird dieser Tage zehn Jahre alt. Zehn Jahre schon gibt es die, fragt man sich ungläubig und reibt sich die Augen. Ist das erste Kante-Album schon so lange her? Und kam die erste To-Rococo-Rot-LP nicht erst im vorletzten Jahr heraus? Aus Anlass des Jubeltages haben wir mit Label-Gründer und -Boss Raik Hölzel über Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Kitty Yo gesprochen.
Text: Jan Ole Joehnk aus De:Bug 87

Feuer aus vielen Rohren
10 Jahre Kitty Yo

Wenn ein Label zehn Jahre übersteht und immer noch weit beachtete Platten veröffentlicht, möchte man natürlich erstmal wissen, welche Bedeutung ein solches Jubiläum hat …
Raik Hölzel:
Einerseits kam mir das gar nicht so lange vor und dann irgendwie doch. Was wir alle für Klippen umschiffen mussten, welche Illusionen auf der Strecke geblieben sind und was wir trotzdem alles hinbekommen haben. Großer Stolz stellt sich aber nicht ein, es geht eher um das Hier und Jetzt. Aber es macht immer noch Spaß, vor allem weil man immer wieder Menschen trifft, mit denen es Spaß macht zu arbeiten, weil sie einen inspirieren. Es geht mir vielleicht auch mehr um den Prozess, um die Zusammenarbeit. Mit anderen Menschen eine Vision zu formulieren und diese dann umzusetzen. Das ist der eigentlich beglückende Moment. Da geht es dann auch nicht um ein bestimmtes Ziel wie etwa zigtausend Platten zu verkaufen. Wichtiger ist es, einen Workflow, einen bestimmten Prozess in Gang gebracht zu haben.

Als Slogan für dieses Jubiläum fällt ihm “Going for Gold” ein, was er aber eher als Vision verstanden wissen will und eben nicht als Feier des Erreichten. Denn was kommt danach, fragt er dann. Selbstzufriedenheit ist Raiks Sache nicht. Schließlich steht Kitty Yo seit jeher für gute Musik, die nicht immer dem eigenen Geschmack entspricht, aber man erkennt sie an. Die Platten finden immer Beachtung, man hört zumindest mal rein. Und ob es gefällt oder nicht, man hat immer eine Meinung dazu, gleichgültig ist einem eine Kitty-Yo-Platte nie. Das muss man in der Masse der Releases heutzutage erst mal schaffen.

Raik: “Wir versuchen immer dahin zu kommen, bestmögliche Ergebnisse zu präsentieren. Manchmal scheitern wir auch, aber Ziel ist nicht das Mittelmaß, sondern definitiv die kreative Spitze.”

Das Ergebnis sind dann Platten von jungen Künstlern wie Maximilian Hecker oder eben auch von bekannten wie etwa Jimi Tenor. Und damit beweist Kitty Yo, wie offen ihr musikalisches Universum ist.

Raik: “Mir war es jeher zu langweilig, immer die gleiche Musik zu veröffentlichen. Als Greenhorn in der Musikbranche bin ich nach dem privaten Lustprinzip an die Sache herangegangen. Und so bildete praktisch von Anfang an mein privater Geschmack die Grundlage. Wenn diese verschiedenen Sachen für mich als Fan funktionieren, warum dann nicht auch als Label-Konzept?”

Am Anfang war das mutig, gab es doch nach den Indierock-Anfängen mit Surrogat und Brüllen Ärger wegen Tarwater. Postrock wollten die Leute damals nicht hören von Kitty Yo. Aber das bildete auch den Reiz und mit den ersten Erfolgen von To Rococo Rot wurden viele auf das Label aufmerksam. Stilvielfalt war vor acht Jahren eher die Ausnahme. Heute begreifen dies viele Labelmacher als Chance, nicht langweilig zu werden und sich immer wieder neu zu erfinden. Das Kunststück aber, das Kitty Yo immer wieder vollbracht hat, geht noch weiter: Die Releases klangen nie beliebig und damit nicht nur anders um des Anders-sein-Wollens. Aber das hört sich leichter an, als es ist, reichen die Veröffentlichungen doch vom erwähnten Indierock über Postrock, Indietronics (Laub, Funkstörung) bis zu fast schon exzentrischen Divatronics (Gonzales, Peaches, Jimi Tenor oder Louis Austen). Aber da Raik, wir erwähnten es schon, kein Mann des Gewesenen ist, sondern im Hier und Jetzt sowie der Zukunft lebt, hat er mit Silke Maurer von Handle With Care (die für kleine Labels die Herstellung der Platten und CDs abwickelt) das neue Label KYO gegründet. Und dieses neue Forum ist auf eine andere Art offen als Kitty Yo.
Raik: “Nachdem Kitty Yo mit all seiner Unberechenbarkeit eher etabliert ist und für einen eigenen kleinen Kosmos steht, haben wir mit KYO wieder eine Art Paralleluniversum geschaffen, das abgeschlossen ist von der Kitty-Yo-Galaxis. Es geht hier vor allem um die Schnittfläche von Elektronik und experimentellem HipHop, denn in diesem Bereich scheint in nächster Zeit viel zu passieren.”
Dennoch wird Kitty Yo mit der bekannten Offenheit weitermachen, denn mit Richard Davis wird erstmals ein klassischer Dancefloor-Release veröffentlicht.

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Elektronische Lebensaspekte.