10 Jahre De:Bug: Technikoptimismus mit Sascha Kösch Part 1
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 115

Was musste das Internet alles aushalten in den letzten zehn Jahren! Heilsbringer, Urheberrechts-Bitch, Testballon für neue Techniken, Nadelöhr für ein besseres Morgen. Der Kapitalismus hat den Daumen drauf. Oder nicht? Sascha Kösch erinnert sich.

internet9.jpg

1997. Internet ohne Google, Filesharing, Firefox, DSL, MP3, Blogs, Torrents, Wikipedia, Discogs, Webmail, YouTube, MySpace … Wie um alles in der Welt soll das funktioniert haben? Dazu kein WiFi, Rechner, über deren Prozessoren heutige Mobiltelefone müde lächeln, Festplatten, die schon als fett galten, wenn sie so viel Speicherplatz hatten wie der durchschnittliche Google-Mail Account heute.

Überhaupt, ein Netzwerk haben, da war man schon wer, eine Webseite mit Datenbank im Rücken, das war ’97 noch Fortschritt. Vor allem aber, warum war man damals schon so begeistert, dass einem eine Welt ohne Internet völlig unmöglich erschien, zumal in einer Zeit, in der ein ziemlich steifes WWW und Internet immer mehr zu Synonymen wurden? Dazu noch mit der Plage eines linken Selbstverständnisses und dem damals durch und durch tief sitzenden Hass der Linken auf die Technologie.

Eine Agenda
Man hatte eine Agenda. Jeder hatte das damals. Anders war das Internet einfach nicht zu denken. Schon ab unserer ersten Ausgabe gab es Parameter, die irgendwie unumstößlich schienen, egal wie strittig sie sein mochten.

“Diese Welt ist mitten in einer tiefen Revolution, deren Motor nicht verachtungswürdige politische Ideologien sind, sondern Leute, die konvergierende Technologien zur Lösung von Problemen benutzen und neue Möglichkeiten in ihrem geschäftlichen und privaten Leben schaffen. Das ist die eine überwältigende Tatsache unserer Zeit. Das zu verneinen heißt, in einer Fantasie zu leben, die beschaffen ist wie eine gesellschaftliche Patentlösung aus dem 19. Jahrhundert, oder noch älter, und schon an Religion grenzt.” (Louis Rossetto, De:Bug 01)

Internet = Hoffnung
Technologie wird es richten. Technologie ist die neue Demokratie. Das Internet bestimmt die Richtlinien des Globalen, ist antinational, dezentral, die einzig sinnvolle politische Hoffnung. Kurz: Internet und Hoffnung waren untrennbar. Gerade auch der Mangel an Technologie, als der einem die Zeit im Rückblick immer erscheinen mag, trug diese Hoffnung, denn die nächste Revolution stand immer schon um die Ecke. Andererseits war damals schon klar: Die kalifornische Ideologie, all das, wofür Wired damals so herausragend stand, ist eben genau das, eine Ideologie.

internet8.jpg

Hinter uns lagen schon Berge von Diskussionen über das neue politische Minenfeld, über die neuen Mächte des Bösen, und wir hatten nicht nur die ersten Nachwehen der Startups erlebt, die Perversionen flacher Hierarchien in den Händen der Neoliberalen, sondern auch die erste Welle der “Kommerzialisierung” des Internet, wie es damals so schön hieß. Und genau diese Kämpfe spielen, wenn auch immer mehr unter der Oberfläche, heute nahezu die gleiche Rolle.

Entscheidend aber war, dass vor zehn Jahren andere Brüche offensichtlicher waren. Das Internet war die neue Anti-Masse, die gegen jedes Bollwerk der Ideologie in Anschlag gebracht werden konnte, mehr oder minder erfolgreich, wie sich im Laufe der Zeit immer deutlicher herausstellen sollte. Die Strategie damals war: raus mit der Politik aus dem Netz, dann haben wir wenigstens ein freies – wenn auch virtuelles – Land. Und da Kapitalinteressen in einer Ökonomie jenseits des Mangels, jenseits der Massen nicht zu einer Kontrolle der Armut führen, sondern zu Erfindungsreichtum, wird das funktionieren müssen.

Renationalisierung des Internet
Tatsächlich sind eben diese Kämpfe immer noch nicht ausgestanden. An der Renationalisierung des Internet beißt man sich noch heute in immer noch völlig ahnungslosen Politikreisen die Zähne aus und selbst die Weltwirtschaft, WIPO und andere haben den Widerstand und die völlig umstrukturierten Wirtschaftsinteressen nicht unter ihre Kontrolle bringen können, bei der derzeitigen Weltlage sieht es auch nicht gerade so aus, als wäre eine Weltherrschaft zu befürchten. Und auch für ihre alten Wirtschaftskonzepte hat die IP-Industrie alles andere als eine Patentlösung gefunden.

Ist nur ein Heilsversprechen von damals heute annähernd eingetroffen? Ja. Und nein. Jedenfalls nicht ganz so, wie man es sich vielleicht erhofft hatte. Denn die letzten zehn Jahre waren vor allem davon geprägt, den Markt Internet mit tragisch altmodischen Ideen zu zähmen oder auch mutig neuen zu überfluten. Ja. Von einem Ausschluss, dem viel befürchteten digitalen Gap, kann man zwar noch reden, wahrscheinlich aber ist er nicht mehr. In den Industrienationen ist nahezu online, wer online sein will. Ja, auch Oma hat eine Email.

Weltbürger am Telefon
Und am Rest der Welt wird an zwei Fronten daran gearbeitet, auch noch den letzten Rest online zu bringen. Nicht unbedingt zur Befreiung, sondern weil acht Milliarden eben mehr Markt sind. Trotzdem ist abzusehen, dass via One Laptop Per Child (hey, 1997, Laptop, wirklich das Luxusding schlechthin, G3 Powerbooks waren noch nicht mal erfunden) und ähnlichem einerseits und der Konvergenz von Netz und Mobiltelefon andererseits (noch eine Hand voll Jahre und jeder Weltbürger, auch das 1997 noch durchaus Luxus, hat ein Handy, weit eher noch als ein Laptop) irgendwann in der nächsten Dekade Online nirgendwo auf der Welt mehr etwas anderes als selbstverständlich ist.

Und ja. Massenmärkte, man muss nicht dabei sein. Wer heutzutage z.B. ein Interesse an einer speziellen Art von Musik hat, die früher schwer zu finden war und nicht geringe Mengen an Kapitaleinsatz forderte und eine Menge Fußweg zwischen den Plattenläden, der kann (abgesehen mal von Netzkosten und der oft, aber nicht notwendigerweise drohenden Wolke einer juristischen Dunkelgrauzone) völlig jenseits des Marktes seinem Interesse nachgehen.

Speziell anhand der sich ständig verschiebenden Parameter von Musik ließe sich über die Jahre hervorragend nachverfolgen, wie die Kampflinie zwischen dem alten Kapital und dem “neuen Markt” verlief. Ein großes Drama.

Mit vielen Helden, ziemlich grob gezeichneten Bösewichtern und finsteren Mächten im Hintergrund, glückseligen Pirateninseln und rasant dezentralisierten Kleinstkulturen. Als spätestens 98 MP3 absehbar zum neuen Format wurde, träumte der rosarote Riese z.B. noch davon, Musik über seine beiden ISDN-Kanäle via Telefonrechnung zu verkaufen.

Richtig gehört, ISDN, nicht Internet, jedenfalls nicht nur. Music On Demand hieß das damals, nicht Download. Und die Musikindustrie hatte noch Angst, mit jeglicher Onlineinitiative die Mediamärkte dieser Welt zu verschrecken, während die Freaks und Geeks der Erde schon die Filesharing-Großattacke zusammencodeten.

Hier geht´s zum zweiten Teil des Textes.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.