10 Jahre De:Bug: Technikoptimismus mit Sascha Kösch Part 2
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 115

Was musste das Internet alles aushalten in den letzten zehn Jahren! Heilsbringer, Urheberrechts-Bitch, Testballon für neue Techniken, Nadelöhr für ein besseres Morgen. Der Kapitalismus hat den Daumen drauf. Oder nicht? Sascha Kösch erinnert sich.

Hier geht´s zum ersten Teil des Textes.

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Auf jede neue disruptive Technologie, und davon gab es in den letzten zehn Jahren einige, folgte ein ganzer Flickenteppich von Nahtstellen, manche unter dem Banner Konvergenz, andere mit dem Beigeschmack von Knast und Überwachungsterror. Wer Daten einsperrt, der sperrt auch Menschen ein. Klar. DRM, Trusted Computing, alles neue Kampflinien. Breitband, Filesharing, Wireless, alles neue Brüche.

Das Internet läutete ein Zeitalter ein, in dem die guten alten Poststrukturalisten, die große Garde von Deleuze, Foucault und Derrida, plötzlich nicht mehr Theorie war, sondern der bestimmende, allem zugrunde liegende soziale Faktor. Auch wenn die alten Feinde, das Großkapital, die Schnarchpolitik, so leicht nicht aufgaben: Wirklich in den Griff bekommen haben sie das Internet nicht.

Dafür aber wurde ihr an anderer Stelle ein unerwartetes Geschenk gemacht. Denn williger als die Jugend der 90er hat eigentlich keine Generation soziale Gepflogenheiten aufgegeben, für die Arbeiter den Rest des letzten Jahrhunderts gekämpft hatten.

Kanonenboot-Imperialismus
Das Problem: Widerstand gegen die Desozialisierung der neuen Mitte steht bei einem Fokus des eigenen Lebensentwurfs, der auf Brüche aufbauen muss, nicht unbedingt an erster Stelle, denn das hieße sich in einer per se revolutionären Welt mit ungewohnt statischen Gebilden beschäftigen. Man tut es zwar, geht aber im nächsten Schritt gerne hin, stopft sich mit immateriellen Gütern und Kämpfen so voll, dass man irgendwie zu beschäftigt ist, um sich auf den klar vorgezeichneten und oft vorgelebten Widerstand einigen zu wollen.

“Die Möglichkeit, in den neunziger Jahren einen hybriden Lebensstil zu wählen oder für sich zu erfinden, schadet dem Kapitalismus keineswegs, sondern hilft sogar, die eigentlichen Machtverhältnisse zu verschleiern, mit immer größeren Akkumulationen von Macht und Kapital in immer weniger Händen, während die Politik gleichzeitig zum Kanonenboot-Imperialismus zurückgekehrt ist.” (Armin Medosch, De:Bug 22)

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Während die Marketingabteilungen der Erde in aller Ruhe neue Fadenkreuze auf unsere Stirn malen konnten, im Fall oben unter dem fluffigen Titel Flexicutives, waren wir gleichzeitig aber auch zu flexibel, um richtig übel abgeschossen zu werden. Eine der skurrilen Eigenarten des digitalen Zeitalters ist, dass weniger Rechte nicht unbedingt ein ärmeres Leben verursachen, mehr Armut nicht unbedingt ein kultureller Niedergang ist, dass mehr globaler und digitaler Kapitalismus nicht unbedingt dazu führt, dass die Welt in einen dystopischen Albtraum versinkt, auch wenn viele Ecken der Welt nicht unbedingt weiter davon entfernt sind als vor zehn Jahren.

Eine der skurrilen Eigenarten ist auch, dass in einer Weltökonomie, die getrieben ist von Wirtschaftswachstum, Profitmaximierung und anderen ähnlich unangenehmen Ideologien, die Preise für Technologie ständig und so rasant wie nichts in mehr als einem Jahrhundert entfesseltem Hyperkapitalismus gen Null sinken.

So sehr einem die kulturpessimistische Propaganda einreden will, dass die Welt unaufhaltsam einer Nivellierung, einem intellektuellen Niedergang, einer Überfülle von Immergleichem entgegenstrebt … Technologie und alle Diskurse, die sich darum bilden, erzählt einem das Gegenteil. Mehr Wissen, mehr Vernetzung, mehr Zugang zu Kultur, mehr Spezialisierung. Und das in einer so rasanten Steigerung in den letzten zehn Jahren, dass man dazu neigt, Kulturpessimismus eigentlich kaum anders begreifen zu wollen als als Massenpsychose.

Future Shock, wie Alvin Toffler – einer der Lieblinge der Underground-Resistance-Fraktion – das so schön nannte. Und obwohl die sinnvollere Analyse von Kulturpessimismus eher handfeste Kapitalinteressen in der verzweifelten Verteidigung der alten Pfründe aufdecken sollte, und obwohl der Widerstand gegen neue Technologien und der daraus entstehenden kulturellen Explosion gelegentlich an Hysterie grenzt, ist selbst den dümmsten Chefetagenaussitzern klar, dass es ohne nicht gehen wird. Nur die Folgen einer technologischen Explosion scheinen vielen noch unklar. Auch auf die Gefahr hin, vorschnell Utopien einen im Nachhinein höchst irrealen Zeitrahmen vorzusetzen, man hat es wenigstens immer wieder versucht.

Das Gegenteil einer Mangelökonomie
“2007 – 2010: Die alte Bundesregierung leitet die Geschäfte nur noch kommissarisch. Zur Zeit kämpft die Open-Source-Demokratie in Karlsruhe um die Anerkennung als gesetzgebende Instanz. Da andere europäische Länder zur Zeit eine ähnliche Entwicklung durchmachen, stehen die Chancen gar nicht schlecht, immerhin haben die Niederlande bereits vor zwei Jahren ganz auf OSD-Gesetzgebung umgestellt und entgegen allen Unkenrufen sind dort weder die Deiche noch die Wirtschaft eingebrochen. Die Todesstrafe wurde auch nicht wiedereingeführt.” (Mario Sixtus, De:Bug 27)

Spätestens ab der Jahrtausendwende wurde eins der zentralen Themen in De:Bug der aus dem Clash von Technologie, Kultur, Kapital und Politik folgende Diskurs um das Businessmodel. Crossfinanzierung einer nicht wegzudenkenden Selbstausbeutung, Fringe-Ökonomien, multiple Lebensläufe. Kapitalflüsse jenseits der klassischen Vorstellung von Karrieren, Börsenkursen oder klassischen Waren. Ein höchst flüssiges Feld technologischer und kulturtechnologischer Strategien, deren Praktikabilität sich längst noch nicht erwiesen hat. Denn obwohl man den Glauben an die klassische Mangel-Ökonomie mittlerweile ziemlich sicher zu den vielen überholten Ideologien zählen kann, die man wirklich nicht mehr braucht, eins hat man eben durch die rasante Entwicklung im und durch das Netz immer wieder übersehen, auch wenn einem immer schon klar war, dass gerade die nicht digitalen Bereiche des Lebens einen Hang zu einer libidinalen Kapitalklebrigkeit haben.

Dass das Gegenteil einer Mangelökonomie nicht einfach ein wie auch immer gearteter Überfluss ist, sondern aus einer Sicht aus der Zukunft, jedenfalls sofern man kein Singularitätsglaubensbekenntnis unterschreibt, immer auch wieder eine Mangelökonomie ist. Dass gerade der technologische Fortschritt dazu führt, dass der Fortschritt von gestern, ähnlich wie der Rückblick auf 1997, ziemlich steinzeitlich erscheint, allen Vorraussagen nach, vielleicht sogar noch unwirklicher, und damit der Glaube an das disruptive Potential von Technologie heute in zehn Jahren möglicherweise noch lächerlicher wirkt.

Da aber der Glaube an den immer noch durch und durch überalterten Kapitalismus weltweit nahezu ungebrochen erscheint und sich mit einer unseligen Allianz von Religion und Demokratie unentwirrbar verknäuelt zu haben scheint, erscheint einem ein leicht utopistisch verbrämter soziokulturellökonomischer Heilssegen aus dem Chip nicht unbedingt als die schlechteste Grundmotivation.

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Elektronische Lebensaspekte.