Während bei vielen der früheren Drum-and-Bass-Flaggschiffe nur noch Schritttempo gefahren wird, hat Goldies Label Metalheadz pünktlich zum zehnjährigen Geburtstag nach kurzer Flaute wieder volle Fahrt aufgenommen. Eine Dekade Breaks, Bass und Innovationen. Wir gratulieren und schauen zurück.
Text: Oliver Lichtwald aus De:Bug 86

No Noise, No Mess, No Fuss … Just Headz!

Die Drum’n’Bass-A-Klasse der ersten Stunde krebst vor sich hin: Reinforced hat seinen Betrieb eingestellt bzw. wieder veröffentlicht nur noch Klassiker, der Moving-Shadow-Schattenmann tritt immer seltener ins Rampenlicht, 31 verausgabt sich mit B-Seiten und Prototype veröffentlicht keine Prototypen mehr. Und Metalheadz? Es scheint eben doch alles Gold(ie) zu sein, was glänzt. Wenn man Künstler und DJs aus der Szene zu Metalheadz befragt, beginnen die Augen zu leuchten und es fällt immer ein Schlagwort – vielleicht der Grund, warum wir uns gerne an die 10 letzten Jahre erinnern: cutting edge.

Die Vorgeschichte ist heute in den Geschichtsbüchern nachzulesen: Anfang der 90er versenden Kemistry & Storm eifrig ihre Mixtapes. Die Veranstalter sind meist überrascht, wenn später zwei Damen vor ihnen stehen und harte Breakbeats auflegen. Der legendäre “Rage” Club mit Fabio und Grooverider war die Initialzündung. Kemistrys Freund Goldie wird wenig später dorthin mitgeschleppt und ist sogleich von der Energie und Frische des frühen Hardcore-Jungle-Sounds angetan. Von da an gibt es für ihn kein Halten mehr. Durch Dego und Mark Mac von 4hero lernt er zu produzieren. Nach dem ersten White Label “Ajax Project” erscheint 1992 auf Reinforced “Killermuffin” und “Menace”. 1993 treibt der timegestretchte “Terminator” sein Unwesen, auf dem Cover präsentiert sich erstmalig der von Goldie entworfene Metalheadz-Kopf auf voller 12″-Fläche.

DJ Storm: “Goldie entschied dann sein eigenes Label zu starten, mit dem Hintergrund, jene Künstler hervorzubringen, die ihn zu Drum’n’Bass gebracht hatten: Doc Scott, Wax Doctor, Peshay, Photek, Alex Reece, Dillinja. J.Majik war damals sein Wunderkind. Doc Scott war sein Partner im Hintergrund. Eigentlich war alles die Idee von beiden gemeinsam, so haben sie auch je ein Stück für die erste Veröffentlichung beigesteuert. Gleichzeitig mit dem Label-Start wurde Goldie von London Records unter Vertrag genommen. Nach dem ersten Jahr, bei Katalognummer 004 angekommen, merkte er, dass er Zeit für sein Album brauchte. So traten Kemistry und ich auf den Plan, um in dieser Zeit Labelarbeit zu machen. Wir hatten kein Büro, alles lief von zu Hause aus, ein ständiges Learning-by-doing. Wenn Goldie auf Tour war, sagte er uns immer: ‘Wenn ihr nicht weiterwisst, geht zu Doc Scott, er weiß eine Antwort.’ Der Durchbruch kam dann mit Dillinjas ‘Angles Fell’ (006) und J.Majiks ‘Your Sound’ (007), für mich bislang das beste Beispiel, wie man einen Amen-Track produziert. Langsam ging unser Traum in Erfüllung: Wir hatten große Releases, wir waren bekannte DJs und Produzenten mit unserem eigenen Club.”

DJ Flight, Metalheadz DJ, zu den legendären Sunday Sessions im Londoner Club Blue Note: “Die Musik und der Vibe war immer wie von einer anderen Welt. Man ging quasi in die Kirche. In tiefer religiöser Verbundenheit unterrichteten uns die DJs Woche für Woche, indem sie Platte für Platte für Platte spielten – es war eine Wonne!”

Beim Blick auf die Diskographie fällt auf, dass der Künstlerstamm der Anfangstage stetig erweitert wurde. “Photek war immer schon eine naheliegende Wahl. Hidden Agenda hingegen kamen aus dem Nichts. Sie sandten Demos an Fabio, der sie an uns weiterleitete. Von da an fing für uns die Suche nach neuen Künstlern an.”

Der unbezwingbare Berg
“Früher hatten wir regelmäßige Treffen mit allen Künstlern. Es war großartig, vor allem als sich das erste Mal Photek und Dillinja trafen. Seitdem sind sie gegenseitig ihre größten Fans. Heutzutage laufen die Treffen eher via AIM ab … geheime AIM-Konferenzen.”

Drum’n’Bass als globale Bewegung macht sich 2004 auch bei Metalheadz bemerkbar. Künstler außerhalb des Vereinigten Königreichs kommen hinzu, wie jüngst Seba aus Schweden oder Hive aus den USA. “Als Artist hat man vielleicht immer den Eindruck, dass Metalheadz ein unbezwingbarer Berg ist, aber wer gut genug ist, kann es schaffen. Goldie und Rhyan bekommen täglich bergeweise Demos, die sie alle anhören. John Rolodex und Skitty haben sie so z. B. entdeckt. Goldie brennt es gerade unter den Nägeln, neue Leute aufzubauen.”

1999 ging in den Londoner Kinos ein Raunen durch die Menge, als Goldie den James-Bond-Bösewicht in “Die Welt ist nicht genug” mimte. Momentan werkelt er an seinem eigenen Streifen, doch schon weitaus früher, 1997, wies er anderweitig auf seine Liebe zum Film hin: die silberne Filmdose mit Logoprägung und fünf 12″s gefüllt. DIE Metalheadz-Compilation! Warum damals die Veröffentlichung so lang dauerte, ist einfach erklärt: Es gab keine runden Vinyl-Hüllen. Eine PVC-Spezialanfertigung musste her.

Während es nach außen hin oft so aussieht, als ob alles stets planmäßig durchdacht ist, scheint eher ein spielerischer, intuitiver Geist die richtigen Wege zu gehen. So schüttelte Goldie schon zu Beginn einen perfekten Marketing-Plan aus dem Ärmel. “Goldie unterschrieb für seinen Album-Deal bei London Records als Metalheads mit einem ‘s’ und gab ihnen den alten Logo-Kopf. Wir benutzten dann Metalheadz mit ‘z’ und den leicht gedehnten blauen Kopf. Von seinem Album verkaufte er weltweit enorme Stückzahlen und alle nahmen das ‘Timeless’- Album und das Metalheadz-Label als eins wahr.”

DJ Lee, steter Begleiter des Labels und Metalheadz-DJ der ersten Stunde: “10 Jahre sind eine lange Zeit, gerade im Drum’n’Bass-Bereich. All die Jahre an der Spitze zu stehen, ist eine wahre Genugtuung für das Label und die Künstler. Metalheadz ist heute das Rückgrat der Szene – ohne Metalheadz kein Drum’n’Bass!”

Reset-Meister Goldie
Vor etwa drei Jahren gab es dennoch einen kleinen Bruch beim Label. “Ja, wir hatten ein paar Probleme im Background. Zu der Zeit lief der Club aber sehr gut, sodass wir immer noch einen Boden unter den Füßen hatten. Metalheadz hatte eine wilde Achterbahnfahrt mit vielen Aufs und Abs hinter sich, aber Goldie, der Phoenix aus der Asche, erfindet sich und alles drumherum immer wieder neu.”

Die Label-Maschinerie kam langsam wieder in Gang. Die Webseite steht wieder, hinzu kommt eine neue Sendung auf Pyrotechnic Radio. Während “Razor’s Edge” weiterhin für Remixe des Backstocks herhalten soll, wird “Metalheadz Platinum” aus dem Boden gestampft, um den Samen noch weiterzustreuen. Vielleicht steckt auch ein neuer Business-Plan dahinter.

Das Netzwerk steht stabiler denn je. Selbst Doc Scott ist immer noch im Hintergrund da. Rhyan fungiert als Label Manager und Goldies persönlicher Assistent, Chris hilft im Büro aus. “Wir sind von Anfang an eine Familie gewesen, die mit Leidenschaft bei der Sache ist. Alle suchen nach neuen Stücken für das Label, die letzendliche Entscheidung jedoch liegt bei Goldie. Der Sound ist immer zu 100% Goldie.”

Marcus Intalex, Metalheadz-Künstler: “Metalheadz ist eine ganz eigene Klasse für sich. In den frühen Jahren setzte Metalheadz den Standard für alle anderen Drum’n’Bass-Label. Goldie hatte die Idee, die besten Artists ausfindig zu machen, und genau das hat mich jetzt inspiriert, mein Label mit dem gleichen Ansatz zu starten.”

Kemistry kam vor fünf Jahren auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben. Von da an bereiste DJ Storm alleine den Globus, um auch noch im letzten Winkel den Metalheadz-Virus zu verbreiten. Ein paar leere Stellen auf der Landkarte gibt es immer noch. “Indien – wir müssen noch eine ‘Tajmahal Tour’ machen … Tandoori Shakedown! Ansonsten fehlen noch Teile Afrikas. In letzter Zeit ist der Osten mit Shanghai, Bangkok, Kuala-Lumpur, Hong-Kong und vielen osteuropäischen Staaten interessant. Nächsten Monat spiele ich zum ersten Mal in Mazedonien.”

Bailey, Metalheadz DJ: “Ich liebe immer noch ‘Urban Style Music’ von Lemon D. Es beinhaltet alle Elemente, die ich im Drum’n’Bass hören will: Soul, Funk & Jazz mit harten Beats und eine Prise B-Boyism.”

Wer Metalheadz ausschließlich mit dem Begriff “Drum’n’Bass” in Verbindung bringt, wird schnell eines besseren belehrt. “Wax Doctors ‘The Rise’ ist mein Lieblings-Track. Erst neulich habe ich ihn wieder gespielt, er könnte glatt von heute sein. Wax Doctor produziert allerdings nicht mehr. Für mich ist Calibre der neue Wax Doctor. Was viele missverstanden haben: Wax Doctor hat eigentlich Jungle produziert, Jungle wohlgemerkt im Sinne des Bass-Sounds, nicht im Sinne der Ragga-Vocals. Jetzt macht Calibre Jungle. Wir warten gerade gespannt auf seine ersten Stücke für Metalheadz. Calibre sollte einen Remix von ‘The Rise’ machen …”

Compilations wie “Platinum Breaks” prägten einen neuen Zeitgeist, der mit der “MDZ”-Serie weiter manifestiert wird. Doch was macht den Sound von Metalheadz so speziell? Inwieweit unterscheidet es sich von anderen Drum’n’Bass-Labeln? “Wir haben auf jeden Fall besondere Mitten-ins-Gesicht-Breaks, schwere Basslines, andereseits aber auch sehr rhythmische und dann wieder sehr liebliche Stücke. Es ist geballte Emotion, auf mehreren Ebenen, immer herausfordernd. Wenn mir ein Künstler fünf neue Stücke gibt, kann ich genau sagen, dieses ist das Metalheadz-Stück. Künstler wissen, dass sie bei uns die Grenzen weiter ausdehnen können. Source Direct ist das beste Beispiel dafür. Es geht auch darum, Altbekanntes auf ein neues Level zu bringen. All die Artists, die bei uns veröffentlichen, sind z. B. berechtigt, Samples von Goldie zu verwenden.”

DJ Flight: “Metalheadz war für mich immer cutting edge Drum’n’Bass, egal ob hart, technisch oder sanft – die Musik war stets zukunftsweisend und weitab vom üblichen Mainstream.”

“Es ist unvorstellbar, welche Leidenschaft so ein Label verbreiten kann. Bei unseren Clubabenden gab es die verrücktesten Fans, wie z. B. ein 47-jähriger Buchhalter, der ein Metalheadz-Tattoo auf seinem Bein hatte, weil Metalheadz der einzige Clubabend war, den er besuchte. Oder ein Ire, dessen Mutter eine riesengroße Metalheadz-Stickerei in Gold auf seine Jacke sticken musste. Das muss Tage gedauert haben! Es ist großartig, dass Leute diese Leidenschaft mit uns teilen.”

Dank an Mark von ESP International und Rhyan von Metalheadz.

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Elektronische Lebensaspekte.