Steve Bug: Ein Mann, ein Label, zwei Beine fest auf dem Boden, immer seiner untrüglichen Nase folgend. Eine Dekade Poker Flat!
Text: Henning Pyritz aus De:Bug 131


Survival of the fittest. In der Evolution der elektronischen Musikszene ist Steve Bug einer von diesen. Charles Darwin und Herbert Spencer hätten ihre wahre Freude an ihm. Und an Poker Flat: Zehn Jahre setzt es sich als eines der erfolgreichsten deutschen Label durch. Gemessen an der Entwicklung dieser schnelllebigen Szene gleicht das einem Zeitalter. Natürliche Selektion durch mehr als 100 Singles und 20 Alben von Künstlern wie Martin Landsky, Märtini Brös. (Clé und Mike Vamp), Trentemøller, Detroit Grand Pubahs und natürlich Steve Bug selbst.

No More Raw
De:Bug gratuliert dem DJ, Produzenten und Labelbetreiber Bug bei einem Spaziergang durch das Berliner Museum für Naturkunde, um zwischen prähistorischen Skeletten und Evolutionsausstellungen zum Darwinjahr über Entstehung und Entwicklung von Poker Flat, Sound und Szene zu sprechen.
Zu Beginn unseres Museumsbesuchs einigen wir uns schnell darauf, dass es rückblickend schon ein wenig komisch erscheint, dass seit der Gründung von Poker Flat im Jahre 1999 nicht nur das Spiel um Bluffs und Blinds zu ungeahnter Popularität gelangte, sondern auch Steve Bugs minimalistische Auffassung von House zwischen Funk und Tech in den letzten Jahren zum musikalischen Maß der Dinge reifte.

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Dabei war Steve Bug vor der Gründung von Poker Flat an einem Punkt angelangt, an dem seine Musik nicht überall auf Gegenliebe stieß. Ende der 90er Jahre, als sich Disco- und Filterhouse à la France auf der einen und perkussiver Techno à la Schranz auf der anderen Seite im Wettstreit um die Vorherrschaft in den Clubs gegenüberstanden, fand sich Steve Bug immer öfter zwischen den musikalischen Fronten:

”Damals war ich oft viel zu soft mit meinen härtesten Platten oder viel zu unfunktional für House-Clubs. Auch wenn ich natürlich solche Platten hatte, konnte ich das einfach nicht bedienen. Und wenn du selbst mit dem größten Spagat nichts reißen kannst, dann kommst du an einen Punkt, an dem es frustriert.“

Als Krisenkind sieht er Poker Flat deshalb zwar nicht. Dennoch fassten Steve Bug und sein Labelpartner Tobias Lampe zu dieser Zeit den Entschluss, ihr damaliges Label Raw Elements einzustellen und mit Poker Flat und Dessous zwei neue Label zu gründen.

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”Wir haben auf Raw Elements von Deephouse über Electro bis Techno zu viele verschiedene Sachen gleichzeitig herausgebracht und sind trotzdem oder gerade deswegen nicht richtig wahrgenommen worden. Und der Name passte auch nicht mehr zu unserer Musik. Also haben wir nach Namen gesucht, die länger halten. Hätten wir das Label ‘Da Minimal Funk’ genannt, wie meine Compilation damals, würde das heute auch nicht mehr gehen.“

Jahrmillionen
Während Steve Bug eine Art Fader an einer geologischen Zeitskala verschiebt und so spielerisch Millionen Jahre Erdentstehung auf einem Bildschirm animiert werden, fährt er fort:

”Meine Assoziationen für den Namen waren anfangs eher so ein bisschen dirty: Hinterzimmer, dunkel, verraucht, ein bisschen Whiskey, ein paar nette Frauen – eigentlich so, wie ich mir damals eine Clubatmosphäre vorgestellt habe. Nicht unbedingt den Mainroom, die cooleren sind immer eher die second floors, also die Hinterzimmer.”

Unser Weg durch das Museum führt uns vorbei an einigen Huftier-Exponaten zu den lebensgroßen Präparaten von Nashörnern und Flusspferden, vor denen wir stehen bleiben.

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Debug: Hast du schon mal in Afrika aufgelegt?

Steve Bug: In Südafrika, sonst noch nicht. Dixon und die Jungs spielen öfter in Südafrika. Da gibt es schon lange eine ziemlich starke Deephouse-Szene. Von dort kommen ja auch viele der Deephouse-Platten mit afrikanischem Gesang und Percussion.

Spektrum
Debug: Und wenn du dort auflegst, spielst du auch Deephouse?

Bug: Ich spiele ja eh nicht un-housy. Ich versuche, mich nicht einschränken zu lassen, und spiele immer von bis. Wenn ein DJ einen kompletten Abend lang nur einen Stil runterreitet, finde ich das schwach. Für mich ist es wesentlich interessanter, wenn ich tatsächlich bei Deephouse anfange, zwischendurch Techno spielen kann und am Ende wieder bei Deephouse aufhöre oder sogar Electro, Miami Bass oder ein paar Classics spielen kann.

Seinen Sets diese Variabilität zu ermöglichen, bedeutet natürlich, stets mit einer Menge Platten im Gepäck zu reisen. Auch wenn Steve Bug Vinylliebhaber ist, stieg er aus pragmatischen Gründen vor sechs Jahren auf Traktor Scratch um.

Steve Bug: Das war anfangs echt ein Konflikt für mich. Aber gerade, wenn man aus Berlin kommt, muss man bei den Reisen immer umsteigen. Um in Italien aufzulegen, musst du teilweise drei Flüge mit kurzen Umstiegszeiten nehmen. Manchmal bist du neun Stunden unterwegs, um dort aufzulegen. Irgendwann macht es dann Sinn, vom Rechner zu spielen. Du steigst einfach nur noch mit deinem Koffer in den Flieger und dein Gepäck geht nie wieder verloren.

Wärme
Obwohl er von Festplatte auflegt, kauft Steve Bug neue Tracks nicht als File, sondern weiterhin auf Vinyl und digitalisiert sie dann.

Steve Bug: Die Dynamik und die analoge Wärme, die ein Track erhält, wenn man ihn auf Vinyl schneidet, bekommt man bis heute nicht auf digitalem Weg hin. Man müsste ein komplett anderes Mastering machen, um digitale Tracks so klingen zu lassen. Und auch das wäre immer nur anmaßend. Der Grund, warum so viele Highend-Klassik-Jazz-Fans immer noch Schallplatten hören, ist, weil sie einfach diese Soundtiefe und Sättigung zu schätzen wissen.

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Trotz seiner Vorliebe für Vinyl öffnet sich Steve Bug mit seinem Label nach zehn Jahren nun aber auch dem Vertrieb von Musikfiles und startet ”Poker Flat Digital“ mit einer Zusammenstellung seiner erfolgreichsten Tracks. In Zukunft soll das Sublabel allerdings als Experimentierplattform für neue Künstler dienen. Denn bei der immensen Menge an Neuveröffentlichungen, die wöchentlich auf den Markt drängen, ist es auch für Poker Flat schwierig geworden, unbekannte Künstler auf Vinyl vertreiben zu lassen.

Analyse
Steve Bug: Es war grundsätzlich ein Fehler der Vertriebe, eine Zeit lang einfach alles im Programm aufzunehmen. Denn es hat keine Instanz mehr gegeben, die darüber entschieden hat, was herausgebracht wird und was nicht. Letztendlich hat jeder Künstler selbst entschieden – was ja eigentlich auch ok ist. Aber über die Jahre sind wir dahin gekommen, dass jeder ohne finanziellen oder bürokratischen Aufwand sein eigenes Label betreiben kann. Das Label hat einfach die Master abgeliefert und Geld kassiert, der Vertrieb hat alles bezahlt. Das ist das Problem an der Geschichte: Zum einen entsteht natürlich dadurch, dass jeder die Chance hat, seine Tracks herauszubringen, diese erwünschte Vielfalt. Aber der Umkehrschluss davon ist leider, dass viel zu viel herauskommt, keiner mehr den Überblick behalten kann und sagt, dass etwas nicht gut genug ist, um auf den Markt zu kommen. Irgendwann muss sich der Markt selbst bereinigen und dann wird sich zeigen, welche Labels überleben können und welche nicht. Auch digitale Plattformen haben mittlerweile gemerkt, dass sie es sich nicht mehr leisten können, jedes Label aufzunehmen und zu verkaufen. Selbst für jemanden wie mich, der das als Labelchef hauptberuflich macht, ist es fast unmöglich, dort Musik zu finden.“

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Ein zusätzlicher Grund für Steve Bug, weiterhin Vinyl zu kaufen. Denn der Plattenladen ist nicht nur soziale Schnittstelle, sondern übernimmt durch das beschränkte Sortiment, also die Vorauswahl des Inhabers, die Rolle der filternden Instanz.

Konsens
Debug: Macht sich dieser Umstand für dich auch in der Qualität der Releases und in der Szene bemerkbar?

Steve Bug: Zurzeit ist die gesamte Szene ein bisschen zu Konsens-mäßig. Es war natürlich schon immer so: Sobald jemand etwas Neues macht, stürzen sich viele darauf und kopieren es. Aber im Moment habe ich das Gefühl, dass vor allen Dingen Leute, die sonst in ihrem Sound gefestigt waren, auch noch auf der Welle mitreiten.
Ein gutes Gegenbeispiel war für mich die Promo eines neuen Laurent-Garnier-Tracks, die ich letztens bekam und bei der ich mir einfach dachte: schönen Dank, endlich mal wieder ein Track, hinter dem ich eine Person erkenne und den ich jemandem zuordnen kann.
Vielen von den jungen Leuten fehlt der eigene Sound. Vielleicht ist es aber auch ein Erfolgsrezept der wenigen Künstler, die sich über einen längeren Zeitraum behaupten, dass man sie heraushören kann.

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Debug: Verliert die Musik für dich dadurch an Faszination?

Steve Bug: Die Faszination elektronischer Tanzmusik ist nach wie vor da. Auch wenn man das Genre nicht neu erfinden kann, tauchen doch immer wieder neue Spielarten auf, die das Ganze vorantreiben. Je länger es geht, desto feiner werden natürlich die Nuancen. Die riesengroßen Schritte werden zu Ministeps. Manchmal ist es auch einfach interessant, wenn man merkt, wie Leute etwas wieder aufgreifen, wie zurzeit zum Beispiel perkussiven House. Der war Anfang und Mitte der 90er schon mal ziemlich groß. So etwas wieder aufleben zu lassen und Altes mit Neuem zu verbinden, kann interessant sein.

Anders, aber auch anders gut
Wir durchqueren einen großen, verdunkelten Raum und lassen uns auf einer gepolsterten Bank nieder. Vor uns ziehen Zitate bedeutender Evolutionstheoretiker in Leuchtschrift über aufgestellte Glasscheiben.

Steve Bug: Man darf auch nicht vergessen, dass gar nicht so viele Leute wirklich lange dabei sind. Dass man in Berlin Leute jenseits der vierzig oder sogar fünfzig in den Clubs sieht, ist im Vergleich zu anderen Ländern eine Ausnahme. Dort trifft man auf ein viel jüngeres Publikum, das sich nach einer Zeit einfach komplett austauscht.
Es ist natürlich auch keine Untergrundbewegung mehr, die das Ganze für uns am Anfang vielleicht so spannend gemacht hat.
Heute guckt man sich die Szene an und denkt: OK, es ist zwar anders, aber es ist auch anders gut. Ich würde nicht sagen, früher war es besser. Aber es ist letztendlich eine logische Entwicklung und man kann einfach froh sein, dass, was es heute ist, damals mehr oder weniger losgetreten oder unterstützt zu haben. Die Frage ist natürlich, warum es bis heute keine neue, große Bewegung gegeben hat.

Mainstream
Debug: Richtig, die steht seit zehn Jahren eigentlich aus. Andererseits könnte man sagen, dass sich die neue Generation mit dem Internet der Revolution des Mediums statt der Revolution des Sounds gewidmet hat. Damit war sie einfach genug beschäftigt.

Steve Bug: Das stimmt natürlich. Außerdem hat definitiv eine Aufsplitterung in viele Untergenres stattgefunden.

Debug: Es gibt also gar keinen Mainstream mehr.

Steve Bug: Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber ich habe letztens gelesen: Es gibt eigentlich nur noch Mainstream. Und es gibt nur erfolgreichen oder gescheiterten Mainstream. (lacht)

Debug: Denkst du, dass dadurch dieser Bereich schon so erschlossen ist, junge Leute, die etwas bewegen oder etwas Neues machen wollen, sich vielleicht in ganz anderen Bereichen, auch außerhalb der Musik betätigen?

Steve Bug: Das ist eine gute Überlegung, von der ich glatt behaupten würde, dass dem so ist. Dadurch, dass es mittlerweile das Berufsbild des DJs oder des Produzenten gibt und man sich ansehen kann, was man machen muss, um das zu werden, denken Leute: Ich muss jetzt Tracks machen und auf dem und dem Label releasen und dafür muss ich so und so klingen. Das führt natürlich dazu, dass es noch Business-orientierter wird, als es eh schon ist. Vielleicht führt das tatsächlich dazu, dass die wirklich kreativen Leute, die vor zwanzig Jahren angefangen hätten, elektronische Musik zu machen, sich heute ein ganz anderes Feld suchen.

Historie
Debug: Dennoch sollte man davon ausgehen, dass die meisten Leute Musik immer noch aus persönlichem Interesse machen und nicht aus finanziellen Aspekten. Gerade Musik ist ja nicht mehr der Markt, auf dem man das schnelle Geld machen kann.

Steve Bug: Das ist das Ding. Eigentlich würde ich mit dir konform gehen, was den Markt anbelangt. Aber es gibt auch Beispiele von ein paar jungen Künstlern, die sich mit drei, vier richtigen Hebeln an den DJ-Star-Himmel katapultiert haben und Gagen verdienen, die fast schon unverschämt sind für das, was sie eigentlich geleistet haben. Ich bin kein Neider und freue mich für jeden, der Erfolg hat. Aber man stellt sich die Frage, ob man selbst, wenn man 20 Jahre jünger wäre und heute in die Szene gelangt, die Musik noch so faszinierend fände, dass man wieder anfangen würde, selbst Musik zu machen – auch wenn das alles schon so viel Historie hat. Oder wäre es uninteressant, weil es schon zu lange existiert und gar keine neue Bewegung mehr ist? Das war natürlich einer der Gründe, warum man damals angefangen hat.

Eine kurze Zeit bleibt diese Frage im Raum stehen, während wir uns allmählich entlang eines gigantischen Brachiosaurusskeletts in Richtung Ausgang begeben.

Debug: Vielleicht führt aber auch gerade dieser permanente Verweis auf die Historie dazu, dass sich nachfolgende Generationen auch innerhalb der Szene eher untereinander austauschen und Neuland suchen, anstatt sich an dieser Art Gralshüterei ihrer Vorgänger zu beteiligen. Das kann ja für Neulinge durchaus abweisend sein.

Steve Bug: Es ist ein guter Ansatzpunkt, dass die jungen Leute versuchen, ihren eigenen Raum zu schaffen, sich aber trotzdem bei Elementen bedienen müssen, die schon dagewesen sind. Interessant ist, dass man sich, wenn deren Musik herauskommt oder man als DJs aufeinander trifft, austauschen kann. Denn letztendlich ist es ja doch eine große Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft wird auch nur weiter funktionieren, wenn immer wieder neue Leute hinzukommen. Sonst sind wir ja alle Dinosaurier, die irgendwann aussterben.(lacht)

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Elektronische Lebensaspekte.