Wahnsinn mit Methode
Text: Marc Lansley aus De:Bug 123


Man ist äußerst beschäftigt dieser Tage bei Traum Schallplatten, dem Techno-Indieperium in Köln. Was kein Wunder ist, denn man nähert sich dem 100. Release wie auch dem zehnjährigen Bestehen des Mutterlabels. Ein relevanter Grund für den aufbrandenden Stress ist natürlich die Geburtstagscompilation “Traum 100”, die ausnahmslos neues Material einer heterogenen Reihe von Künstlern featured, effektiv die Balance haltend zwischen entspannteren und schiebenden Tracks, zwischen Newcomern und arrivierten Producer-Größen. Das ist tatsächlich eine reife Leistung, wenn man bedenkt, wie viel Platten hier bereits das Licht der Welt erblickten auf einer schier unüberschaubaren Anzahl von Sublabels und Subsublabels, jeweils in limitierter oder unlimitierter Ausführung erhältlich, manchmal sogar in der etwas absurd erscheinenden “Unreleased”-Variante.

Trapez, Trapez Limited, MBF, MBF Limited, die Namen sind Legion. Der Fantasie der Labelmacher Jacqueline und Riley Reinhold scheint keine Grenze gesetzt, wenn es darum geht, ein neues Label zu erfinden. Der Wahnsinn hat jedoch Methode und er gebiert Fakten, denn schließlich hat man hier eine Unzahl an Künstlern aufgebaut, massive Club-Hits kreiert und das Prinzip des limitierten Sublabels für den deutschen Techno-Markt überhaupt erst erfunden. Inzwischen macht das jeder, was ein guter Grund ist anzunehmen, dass diese einem Zirkus-Jongleur würdige Nummer funktioniert.

Dabei fing alles recht harmlos an, man kennt die Geschichte: unbekannte Musiker aus Argentinien gesignt, Compilation gemacht, einen freundlichen Labelnamen gefunden, Traum war geboren, aus einem, nunja, Traum heraus. Klar, dass das niedliche Image von da an unzählige Male kolportiert wurde. Traum, das war irgendwie Ambient mit Beat, Techno mit Melodien, schön, dass es das auch gibt. Dabei wurde und wird jedoch gerne vergessen, wie dieses Label die Welt erobert hat, und das aus dem Schlafzimmer heraus.

“Die Leute übersehen immer verdammt schnell, wie störrisch und nonkomformistisch Traum eigentlich ist”, so Riley. Traum sei nicht das “Weichei-Label”, das immer wieder daraus gemacht würde. Vielmehr sei es immer um Mut gegangen: z.B. den Mut “Melodien im Techno zu platzieren, wenn andere sie durch Perkussivität ausdrücken”, den Mut, neuen Produzenten echte Chancen zu geben, den Mut, einem Künstler auch mal klar zu machen, “wann eine Platte vielleicht einfach schlecht ist. Da muss man da halt noch mal ran.” Nicht ignorieren sollte man auch den Mut, aus seinem Schlafzimmer auszuziehen, ein Büro anzumieten, es ernst zu meinen mit Techno.

Inzwischen hat man expandiert, hat auch das 2003 eingerichtete Office wieder verlassen. Nun residiert Traum Schallplatten ein paar Meter die Straße runter und somit nicht mehr direkt gegenüber vom Kompakt-Hauptquartier. Denn heute genau wie 1998 ist das erfolgreiche Labelmachen eine sportliche Angelegenheit, die auch den entsprechenden Bewegungsspielraum benötigt. Was früher noch ein vollgestopftes Einraum-Büro war, in dem alle Mitarbeiter regelmäßig Stühlerücken spielten, ist jetzt ein ganzes Haus. Über zwei Etagen erstreckt sich die Arena, Management, A&R, Promotion, Booking-Agentur und sogar das streng genommen nicht zur Firma gehörende Mastering befinden sich unter einem Dach. Als “Imperium” möchten Riley und Jacqueline das Ganze jedoch nicht bezeichnet sehen, man sei ja schließlich nicht “imperialistisch” veranlagt. Stimmt schon, Traum ist nicht Alleinherrscher über Techno aus Deutschland, doch man könnte mitunter den Eindruck bekommen, dass das Label eine zumindest beratende Funktion hat.

Denn es muss sich wohl um das Lieblingslabel Sven Väths handeln, zählt man all die Künstler auf, welche ihren Weg von Traum zu Cocoon gefunden haben, jenem Label/Booking-Agentur/Club-Konglomerat, welches unbestreitbar eine Macht am Markt darstellt. Ob Adam Kroll, Minilogue, Extrawelt oder Dominik Eulberg, sie alle haben einen Großteil ihrer Sporen bei Traum verdient, sind dem Label nach wie vor verbunden, und der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern. Man leistet immense Aufbauarbeit, hat dank Dominik Eulbergs Album “Heimische Gefilde” gar den Preis der Deutschen-Schallplatten-Kritik gewonnen, und man ist dennoch nicht nach Berlin umgezogen, trotz des Wissens um die Nachteile. Im Jahre 2008 ist Traum Techno, unter anderem.

Es gäbe in der elektronischen Tanzmusik eine Art konservativen State of the Art, so Riley: “Das einzige Aha-Erlebnis auf dem Floor ist immer wieder der Moment, wenn die Kickdrum kommt oder die dicke Bassline. Du kannst heutzutage nur überzeugen durch eine megafette Produktion, an der die Leute nicht vorbeikommen.” Dem DJ, der Riley als Triple R ja auch ist, kann das zwar nur recht sein, das ist sein Terrain, doch geht es bei Traum immer um etwas mehr als das. Denn Traum, da sind sich sowohl Riley wie Jacqueline einig, ist eine persönliche Affäre, Musik, die im Club läuft, aber nicht muss, um Existenzberechtigung zu erlangen. Traum ist gelebte Ambivalenz: “In dieses klassische Gerüst von Techno, da passen wir nicht rein. Wir haben uns eigentlich nie darum gekümmert, ob unsere Musik von den Top-DJs in Deutschland gespielt wird. Wir haben das einfach gemacht und gesagt: Wer das will, der soll es spielen.” Riley selbst sieht sich eben nicht als Mitglied des DJ-Jet-Sets in der auf “bestimmte Logarithmen” fixierten Technoszene Deutschlands, er zählt sich lieber zu den Kreisen der reinen Musikliebhaber und möchte auch die Arbeit, die er bei Traum leistet, als Arbeit an der Musik selbst verstehen. Doch stellt sich die Frage – gerade nach dem wiederholt proklamierten Tod des “klassischen” Techno –, welchen Status eine solche Liebhaber-Affäre hat in einem Milieu, welches sich notgedrungen reorganisieren musste. Schließlich sind gerade jene Produzenten, DJs und Labels, die Ende der Neunziger noch als Ausnahmefall galten, inzwischen in die Wahrnehmungsmitte gerückt. Was macht der Underground, wenn der Mainstream ausgestorben ist, andererseits aber die gemeinsame Energie eines Jahrzehnte zurückliegenden Urknalls sich längst in Myriaden ökologischer Nischen verflüchtigt hat? “Etwas persönlich zu nehmen, das ist unsere Stärke”, sagt Jacqueline und kriegt direkt Rückendeckung von Riley: ”Andere Labels schieben die Tracks ja vielleicht so durch, nach dem Motto: Klingt wie soundso, schnell raus damit. Dabei vergessen sie unter Umständen, dass etwas anders oder sogar besser klingen könnte.” Daraus resultiert die Einzigartigkeit dieses Label-Konstruktes, welches auf mehr basiert als reiner Promotionmaschinerie: “Gerade von Künstlern kriegen wir häufig Komplimente für unsere Labelpolitik: Noch nie hätten die so ein starkes Interesse vom Label bekommen, noch nie so eine Zusammenarbeit, so schnelle Statements, so ein Mastering, so eine Rücksprache auch in Bezug auf Details der Tracks selber.” Nicht vergessen sollte man auch die Mühe, die man sich hier trotz zunehmender MP3-Verkäufe mit dem Objekt Schallplatte macht: “Wenn in einem MP3-Shop das Artwork kleiner als ein Fingernagel veröffentlicht wird, dann könnten wir ja auch einfach einen Farbklecks dahin machen. Bei der Traum 100 hingegen haben wir tatsächlich jedes einzelne Cover ins Artwork integriert. Die Liebe, die man da reintut, die sieht man halt eher am haptischen Produkt, an der Schallplatte.”

Doch das bedeutet viel Arbeit, und viel Arbeit bedeutet Professionalisierung, ohne die eine inhaltliche wie finanzielle Unabhängigkeit nicht erreichbar wäre. So hat sich im Traum-Office eine strikte Arbeitsteilung durchgesetzt. Riley beispielsweise ist A&R für alle Labels, Jacqueline organisiert hingegen das Management. Die Grenzen waren einmal fließender, aber der Umzug war gerade hinsichtlich der notwendigen Fokussierung aller Beteiligten notwendig: Professionalität braucht Platz. Dennoch, und das kann man wohl nicht genug unterstreichen: “Wir haben immer noch das Indie-Ding in uns”, so Riley. Das merke man schon daran, bestätigt Jacqueline, dass man bei Traum nicht hundertprozentig konzeptuell arbeite: “Wir haben zu viel mit der Wirklichkeit zu tun, für alles andere bleibt da keine Zeit.” Mit Wirklichkeit bezeichnet sie naturgemäß auch die Realitäten des “Business”, was zu tun ist und was nicht, um Erfolg zu haben, doch Wirklichkeit meint ebenso die Präsenz der Musik im Alltag, die Wirklichkeit der Tracks und der Künstler, die permanenten tektonischen Verschiebungen im Ausdruck, in den musikalischen Details. Zwar geben die verschiedenen Labels gewisse konzeptuelle Ansätze vor, doch inhaltliche Veränderungen ergeben sich eben einfach. Es lässt sich schön taktieren und flexibel reagieren mit einer so großen Labelfamilie unter den Fittichen. Das heißt jedoch nicht, dass die Grenzen zu sehr verschwimmen, schließlich begreife man die Labels durchaus als getrennt voneinander. “Wir haben Spaß an Vielfalt”, bekräftigt Riley, und das käme auch im Ausland so an: ”Trapez beispielsweise ist in England sehr groß, während international eher Traum wichtiger ist. Schon witzig, dass das so getrennt wahrgenommen wird, aber so war es ja auch gedacht.” Dennoch hat Traum immer wieder das Misstrauen der englischen und amerikanischen Presse erregt: “Die dachten tatsächlich von Anfang an, schon bei der ersten Musik Interkontinental Compilation, dass das alles aus Deutschland käme und auch nur von einem Produzenten stammt. ‘All hoax’, hieß es da. Das konnte gerade die allmächtige englische Presse nicht verkraften, dass die mal was nicht auf dem Schirm gehabt haben. Da sehe ich die Traum-100-Compilation, die jetzt rauskommt, auch als so eine Art Statement: Seht ihr? das sind doch alles verschiedene Künstler, das könnt ihr nicht mehr ausblenden, wenn da Leute wie Dominik Eulberg oder Minilogue auftauchen, die ja schließlich schon längst gestreut haben auf anderen, größeren Labels.” Andererseits begreift Riley diesen Vorwurf auch als Kompliment an die eigene Tätigkeit, denn schließlich sei der “Instinkt, Musik zusammenzubringen, die harmoniert”, seine tatsächliche Berufung. Das tatsächliche Credo von Traum lautet: Verspieltheit. Oder um es mit Rileys Worten zu sagen: “In der letzten Konsequenz erlauben wir uns Verspieltheit, obwohl wir sie uns gar nicht erlauben können. Da haben wir Künstler auf dem Label, die sind einen einzigen Schritt davon entfernt, richtig groß zu werden, doch wer weiß schon, ob sie diesen Schritt gehen werden? Vielleicht kommt da nie ’e zweite Platte, vielleicht doch. Wir erlauben uns das, diese erste Platte, dieses Experiment, und deshalb gibt’s uns auch noch.”
http://www.traumschallplatten.de

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Elektronische Lebensaspekte.