Vom Pflügen der Historie und der Italo-Front
Text: Michael Döringer aus De:Bug 158


Amanda Brown

Ein Herz für naive Außenseiter: Am Tellerrand des etablierten Dancefloors spielt das Label 100% SILK mit dem Feuer jeglicher Traditionen und pflügt sich quer durch die Historie. Gleichzeitig fröhnt Ali Renault stolz seiner prekären Italo-Vorliebe, obwohl sein neues Album viel mehr zu bieten hat. All dies passiert zwischen Kalifornien und London: Die Welt ist eben doch eine Scheibe.

Anything goes, denkste! Was der Engländer Ali Renault und die Veröffentlichungen von 100% SILK aus Los Angeles gemeinsam haben, ist die Angriffsfläche, die ihr Sound bietet. Etwa den unverschleierten Bezug auf die Musikgeschichte. Renault hat sich zudem mit der allgemeinen Ächtung von Italodisco herumzuplagen. Trotzig und ein bisschen frustriert nimmt er die widrigen Umstände zur Kenntnis. Die SILK-Platten wiederum lassen sich so gar nicht auf einen Punkt bringen, sondern pflügen quer durch die Geschichte. Das ergibt ein ekstatisch zusammengesampletes Potpourri, das jeden Sound-Puristen in den Wahnsinn treibt. Die sogenannten Konventionen existieren für die extravaganten SILK-Produzenten nicht. Ganz undespektierlich darf man sie Amateure nennen, kreative Dilettanten, die mit einer solchen Unverfrorenheit an Dance Music herangehen, dass der Hassreflex der (Stur)Heads vorprogrammiert ist. Der lobenswerte, grundnaive Plan lautet also: Musik machen, die man selbst als die richtige empfindet. Wenn das dann von außen noch Zuspruch erhält, ist das ein Bonus, sagt Ali Renault, keine Notwendigkeit.

Referenz-Probleme
Ali Renault hat mit seiner Band Heartbreak die ungerechten Spielregeln im Popzirkus schon schmerzlich erfahren müssen. Deren großartiges Debütalbum “Lies” von 2008 ist eigentlich ein manieriertes Freudenfest mit viel Augenzwinkern und überlegener Coolness. Es gab nur ein kleines Referenz-Problem, erkennbar am schmalen Schnäuzer von Alis damaligem Bandkollegen und Sänger Sebastian und dem typografischen Dario-Argento-Zitat des Plattencovers: Italo. Geht ja gar nicht, ging nie, krakeelte es. Unter diesem Vorzeichen schien die Musik keine Rolle mehr zu spielen, wie sich Ali wehmütig erinnert: “In England hatten wir es wirklich schwer, es war ein einziger Kampf für uns. Hier, besonders in London, herrscht ein unglaublicher Europa-Snobismus, schon immer. Wir haben unsere Italo-Einflüsse offen ausgestellt, da liegen nun mal meine Wurzeln. Leider war Italo zu der Zeit ein sehr beliebtes Schlagwort unter Journalisten. Viele Musiker haben sich darauf berufen, gleichzeitig war es total uncool, und das ist es bis heute. Es ist wirklich schwierig, das alles nachzuvollziehen.”

Vor eineinhalb Jahren haben sich Heartbreak dann mangels Perspektiven aufgelöst und gingen Solo-Wege. Was Ali ohnehin seit 2003 macht, mit Releases auf Dissident oder seinem eigenen Label Cyber Dance. Schon vor dem Split begann er, an seinem jetzt erschienen ersten Album zu arbeiten. Nun ist es vollendet: acht Tracks, auf denen Ali aus seinen analogen Synths und Drumcomputern eine bittersüße Schönheit hervorzaubert. Spürbar ausgefeilte, minimalistische Arrangements, die langsam losrollen und mit schweren Kicks den eigenen Herzschlag neu takten, um bald zu warmen, analog-elektronischen SciFi-Welten zu erblühen. Wie “Pagan Run”, ein Slo-Mo-Burner, den man verspeisen, in den man sich verwandeln möchte. Ein Altvorderer hat mal gesagt: “Diese Musik klingt, wie ich mich von innen anfühle.”


Amanda Brown

Darkness schlägt Disco
Die Opulenz der Heartbreak-Tage ist zu einer selbstsicheren Gelassenheit geworden und die südeuropäische Disco-Variante ist lediglich in den Grundmustern der Produktion zu entdecken. Macht nichts, sagt Ali: “Ich bin einfach ehrlich und sehe keinen Sinn darin, meine Einflüsse zu verbergen.” Am offensichtlichsten gegen die Italo-Keule spricht die dunkle Färbung fast aller Songs, ob in den vibrierenden Basslines oder den melancholischen Harmonien. “Black Sabbath war früher meine Lieblingsband und seit einigen Jahren höre ich viel mehr Underground-Synthesizer-Kram und New Wave aus den 80ern, fast gar keinen Italo-House mehr. Der düstere Einschlag hat sich früh mit Detroit und besonders Drexciya verfestigt. Die Stimmungen, der raue Charakter – das hat mich stark geprägt. Aber: Von ‘85 bis ‘88 habe ich als Kind in Italien gelebt. Italo sprang mir also aus dem Radio ins Gesicht, “Self Control” von RAF war überall! Als ich dann nach England zurückzog, war nichts davon zu hören, das hat mich verwirrt. Da wurde mir die snobistische englische Popszene zum ersten Mal als solche bewusst.”

Eigenwillige Bastarde
Meanwhile in Los Angeles. 100% SILK ist eine der großen Nischen-Überraschungen des Jahres. Gegründet wurde das Label Anfang 2011 von Amanda Brown als Unterabteilung ihres berühmt-berüchtigten Not Not Fun Records (NNF). Darauf versammelt sich seit ein paar Jahren die Speerspitze des Pop-Undergrounds und ist ehemaliges Zuhause von frischen Sternchen wie Bethany Cosentino (Best Coast) oder Zola Jesus. Mit beiden hat Amanda Brown auch Platten gemacht, sie selber kennt man als LA Vampires. Auf SILK pusht Amanda im Gegensatz dazu beat-lastigeres, tanzbares Material, teilweise sogar von denselben Protagonisten, die bisher für vertrackten Noise, Lo-Fi und Ambient bekannt waren. Etwa Ital alias Daniel Martin-McCormick, der neben seinen fantastischen 12″s auf SILK Teil der Avant-Rocker Mi Ami ist und als Sex Worker für kratzigen Ambient steht.

Und auch Damon Palermo aka Magic Touch, dessen hyperaktiver Sample-Wahnsinn seine “I Can Feel The Heat”-Single locker zur durchgeknalltesten Platte des Jahres macht. Er ist Schlagzeuger und Bandkollege von Ital bei Mi Ami, die Magic-Touch-Platte sein erster Dance-Gehversuch. Oder Maria Minerva, die gerade für ihr neues Album auf NNF enorm gefeiert wird und ihre dünkelhaft-schräge Ästhetik auf dem Tochter-Label mühelos mit geradem Beat verknüpft. Genau das macht die SILK-Platten so originell, aber auch angreifbar: Es werden keine House- und Technotracks nach Schema F gebaut, sondern aus historischem Ideenmaterial und unorthodoxen Freigeistern ganz eigenwillige Bastard-Tracks zusammengeschmolzen. “Ich will zwar hervorheben, was ich aus den goldenen Dance-Zeiten am meisten liebe”, erklärt Amanda. “Ich wäre aber nicht sehr glücklich, wenn jeder nur straighten Disco, House oder Techno abliefern würde, ich will eine persönliche Note. Etwas, das mir zeigt, dass es um den Künstler geht und nicht nur um das Genre.”

Wie bei NNF fackelt Amanda nicht lange – “Sacred & Profane Love” von Maria Minerva ist schon das 14. Release in diesem Jahr, und auch die nächsten zehn Maxis seien so gut wie eingetütet. Das alles mit einer Auflage von 500-600 und mehr, was heute für ein kleines Label nicht wenig ist. Sie werde oft kritisiert für ihren massiven Output, will aber so weitermachen. “Das ist mein persönliches Ding, ich will keine Firma sein, sondern Spaß haben. Als Label-Macher steckt man natürlich irgendwie in diesem Business-Ding. Ich würde auch gern mit Rush Hour oder einem ähnlichen europäischen Vertrieb arbeiten, aber das sind harte Nüsse. In deren Augen bin ich wohl noch grün hinter den Ohren, wie wenn ich mich erst beweisen müsste.” Diese Leute würden ihre Sache eben sehr ernst nehmen, könnte man entgegnen. Amanda: “Ich ja auch! Ich glaube, es ist nur eine andere Art von Ernsthaftigkeit.”


Ali Renault

Im Ghetto ärmlicher Produktionen
Die wenigsten SILK-Vinyls wird man in internationalen Plattenkoffern finden. Um im Top-Club auf einer Top-Anlage funktionieren zu können, muss ein Track meistens erstmal, genau, top-produziert sein. Krachige Unsauberkeiten sind zwar erwünschte Charakterzüge, doch – so ehrlich ist Amanda – es hat schon auch etwas mit technischem Unvermögen zu tun. Die zukünftigen Releases würden schon deutlich fetter klingen, dank neuem Produzenten. “Ich will mich nicht zu sehr mit Technologie beschäftigen, gleichzeitig aber auch nicht immer im Ghetto ärmlicher Produktionen abhängen. Bisschen Verschwommenheit, bisschen Verträumtheit, aber ohne dem Vibe oder der Spiritualität zu schaden. Ich fürchte, dass ich mich daran nicht immer gehalten habe. Also muss ich die goldene Mitte zwischen Ästhetik und Tanzbarkeit finden.” Ästhetisch geht 100% SILK wirklich neue Wege, indem sie versuchen, Clubmusik einen Touch der Experimentierfreude zu verleihen, die NNF seit Jahren im Pop zelebriert und damit neue Kategorien definiert hat – selbstverständlich auf Grundlage einer langen Noise- und Lo-Fi-Tradition. Alles steckt voller Geschichte und Verweise, auch auf SILK, mit einer Spannweite von Trax bis French House. Amanda hat einen halb-ernsten Namen dafür – allein schon, um sich gegen Presse-Kurzschlüsse wie “Hipster-House” zu wehren. Sie nenne es manchmal “Chrono”. So wie Techno, nur dass diese Musik anstatt Technologie auf Zeit basiert und mit Vergangenheit und Zukunft und den Musikdekaden spielt.

Auf nostalgischer Reise
Dieses Verdrehen der Koordinaten steckt gewiss nicht ständig retrospektiv im Gestern. Wenn man denn etwas wiederbeleben will, dann euphorisches Flair und Glamour im Club. Für Ali Renault ist der Verweis auf Vergangenes schon spezifischer. Die 80er halte er für die letzte innovative musikalische Phase, weil zum einen der letzte große technologische Fortschritt stattgefunden hätte, der Popmusik unglaublich interessant machte: Synthesizer und all ihre Möglichkeiten. Zum anderen, weil sich die Labels mehr getraut hätten und ein ganz anderes Veröffentlichungs-Ethos herrschte. Legitime Meinung. Viel wichtiger ist aber der persönliche, emotionale Bezug, der Nostalgie im besten Sinne ist. “Es gibt Riffs und Sound-Schnipsel, an die ich mich erinnere, die ich als Kind aufgeschnappt habe. Ich glaube, dass ich immer versucht habe, rauszukriegen, wieso mich diese Sounds so anziehen, und wie sie gemacht werden. Das war der Auslöser, deshalb klinge ich heute so. Es hat also wirklich viel mit glücklichen Erinnerungsfetzen zu tun, einer Art nostalgischen Reise.” Noch legitimer! Nostalgie heißt hier schließlich nicht in gestochen scharfen Reminiszenzen einer goldenen Zeit zu baden, die man eins zu eins wiederaufführt. Ali spielt nicht den Soundtrack seiner Jugend nach, sondern sucht in seinen verschwommenen Erinnerungen nach der emotionalen Wärme, die man als Erwachsener meist in die Kindheit projiziert. Es spielt gar keine Rolle, ob man damit Realität verklärt – dieses unheimlich sehnsüchtige Gefühl im Heute sonisch zu übersetzen, ist eine große Kunst. Wen das nicht juckt, der ist entweder zu blöd oder zu schlau für Sentimentales, für alle anderen spricht Ali: “Nicht, dass alles von damals per se bewegender wäre als Aktuelles. Aber mich und mein naives Gemüt berühren solche Sounds sehr.”


Ali Renault

Schon immer Außenseiter
Mit seiner Musik und seiner Offenheit steht der 35-Jährige allein auf weiter Flur. Als Teil des großen Dance-Kosmos hat er sich noch nie gefühlt. “Wir waren immer schon Außenseiter, niemand hier in London hat sich jemals ernsthaft für Italo interessiert. Viele sind mal auf den modischen Zug aufgesprungen, aber genauso schnell wieder verschwunden. Ich und ein paar Leute sind aber noch da, wieder alleine.”
Trotz großem Erfolg sieht Amanda das für ihr Label ähnlich: “Wir stehen außerhalb jeder Szene. Manche Leute müssen einfach ihre Wahrnehmung erweitern, und es gibt wohl noch zu viele konservative Traditionswächter. Ich will keine Revolution anzetteln, aber gerne die Säulen ins Wanken bringen. Ich stehe auch total auf den Typ sexy-teutonischer Techno-Glatzkopf, ganz in Schwarz und niemals lächelnd. Aber hey: Wir können nicht alle so sein!”

Eine der neuen SILK-Platten ist “Broken Anthem” von Malvoeaux, einem der vielen Pseudonyme von Jason Letkiewicz (siehe auch den Text zu Beautiful Swimmers), die er für seine vielen Stilwechsel auch braucht. Als Malvoeaux widmet er sich energiegeladenem Filter-House und macht einen auf “Daft Punk Recomposed” mit extra-knalligem Bumm-Tschak. Mit seiner Freundin Aurora Halal hat er schon als Innergaze auf SILK abgeliefert, hier wiederum minimalistische Discotracks. Jason kann als Steve Summers auch ganz klassisch, nämlich Prä-Acid Marke Chicago. Doch er mag es schon lieber, wenn es “a bit off” klingt. Aurora: “Wir fühlen uns beide extrem zu den weirden Elementen von Musik hingezogen. Slick und clean, so will ich auf keinen Fall produzieren. Ich finde es toll, wie Magic Touch oder Malvoeaux aus bekannten Samples ganz neue, verzerrte Dinge zusammenbauen. Das hat etwas sehr Psychedelisches.”
Bei Amanda und 100% SILK sind sie da bestens aufgehoben. Ein Umdenken im Dance-Betrieb fordert die Chefin: “Es ist wirklich enttäuschend, dass Dance etwas so Ernstes werden musste. Tanzmusik! Was ist aus der Erregung, der entgrenzten Freude geworden? Man sollte viel mehr Zugangsmöglichkeiten akzeptieren, es gibt keinen Königsweg. Wir sind eben nicht mehr in den 80ern oder 90ern, haha. It‘s time to move forward and outward!”

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