1080/24p soll der Standard für digitales Kino werden. Bei der Premiere des ersten vollständig in 1080/24p gedrehten, produzierten und projizierten Kurzfilms
Text: Konrad Lischka aus De:Bug 39

Format/Digitaler Film

Vom Medium zum Format
Der digitale Filmstandard 24p

In neun Minuten erzählt Jungregisseur Sur Turhans Kurzfilm “Gone Underground “, was mit Leuten passiert, die in der U-Bahn der Zukunft nicht die Hinweisschilder beachten. Etwas Unangenehmes und Blutiges. Menschen, die mit Film ihr Geld machen, haben wohl Angst vor einem ähnlichen Ende. Deshalb fördern Avid, Arri, Kirch, Sony und die Media!AG fleissig den Kurzfilm und pilgern zahlreich zur Premiere nach München. Über den Film redete da niemand. Es gibt strenggenommen auch keinen. Denn “Gone Underground” ist der erste komplett digital gedrehte, produzierte und projizierte – nun ja – Film.
Die verwendete Technik ist schwer zu beschreiben und heisst deshalb wohl kryptisch 1080/24p. Die 1080 bezeichnet die bei Bildaufzeichnung und Wiedergabe erzielte Zeilenzahl. 1080 Stück mit jeweils 1920 Pixeln. Macht zusammen etwas weniger als 2,1 Millionen Pixel. Dieser elektronische Wert liegt sehr knapp unter den mit Filmmaterial erzielten circa 2,3 Millionen Bildpunkten. Die 24p im Namen des Standards steht für 24 Vollbilder, die pro Sekunde aufgezeichnet werden, ebensoviel wie bei traditionellen Filmkameras. Warum aber sollten Filmemacher überhaupt auf den Standard wechseln? Für sie wird die gesamte Postproduktion wesentlich einfacher.
Beim Schneiden sieht der bisherige Prozess so aus: Die ersten Abzüge vom Ton- und Bildoriginal ergeben die Muster. Die werden ausgewählt und zu einer Arbeitskopie zusammengestellt. Die wird zum Roh- und endgültigen Feinschnitt geschnitten. Am Ende wird dann anhand des Timecodes der Arbeitskopie das Originalnegativ zum Negativschnitt zusammengefügt.
Bei elektronischem Material spart man sich viel Zeit, das Kopierwerk bleibt einem zunächst vollständig erspart. Digitale Bildbearbeitung, die heute selbst in Dokumentarfilmen wie Wim Wenders “Buena Vista Social Club” eingesetzt wird, und natürlich am Computer errechnete Effekte sind wesentlich schneller und kostengünstiger einzubinden. George Lucas hat das eingesehen. So wird “Star Wars Episode 2” komplett mit einer Sony HDW-F900 Kamera auf 1080/24p Standard gedreht werden, dem gleichen Modell, das bei “Gone Underground” Kameramann Michael Ballhaus einsetzte. Jim Morris, Chef von Lucas Digital urteilte: “Die Bildqualität der neuen Sony Kamera und der angepassten Panavision-Linsen übertrifft unsere Erwartungen und bestätigt das 24P System als großartiges neues Werkzeug fürs Filmemachen.” Zumindest bei “Gone Underground” ist kaum ein Qualitätsverlust gegenüber herkömmlichem Film zu sehen. Kritische Szenen wie Zigarettenrauch in mattem Gegenlicht sehen gut aus, Probleme erkennt man eher bei extrem fein strukturierten Oberflächen. Die Kostenvorteile des neuen Standards fallen bei großen Produktionen kaum ins Gewicht, bei kleineren Filmen aber macht es schon etwas aus: 55 Minuten Band für die HDW-F900 Kamera kosten nur 195 Mark und bei Qualitätsabstrichen kann man sich zusätzliche Tonaufnahmen sparen, da Bild und Primärton bereits synchron auf einem Band laufen.
Trotz all der Vorzüge sind Filmstudios und Verleiher am interessiertesten an dem digitalen Standard. Zum einen ist 1080/24p ideale Basis für die Verwendung als Master für alle Verwertungsarten. Ausgehend von 24p können Kopien für herkömmliche Filmprojektoren ausbelichtet werden, sind Sendebänder mit unterschiedlichen Bildwechselraten, Zeilenzahlen und Bildseitenverhältnissen für HDTV (High Definition Television), SD (Standard Definition TV) in Standards wie PAL, NTSC und SECAM ohne aufwendige Konvertierung herstellbar.
Am spannendsten dürfte 1080/24p aber für die digitale Projektion sein. In München war “Gone Underground” bei der Vorführung für’s Fachpublikum im Royal Filmpalast, dem ersten europäischen E-Cinema, zu sehen. Der Projektor erzielt fast zwei Millionen Pixel mit Hilfe des Digital Micromirror Device (DMD) Chips von Texas Instruments. Der verwendet als Bildgeber über 400.000 Spiegelchen aus hochreflektiver Aluminiumfolie. Je nach gewünschter Helligkeit werden sie in den Lichtstrahl einer Xenon-Lampe gekippt. Eine andere Technik stellte 1998 JVC vor. Deren Liquid Crystal Device (LCD) Chip verwendet Flüssigkristalle als Reflektoren. Leuchtkraft, Farbsättigung und Auflösung der Projektoren sind fast dem herkömmlichen 35mm Film ebenbürtig. Noch zögern Kinobesitzer, 200.000 Mark für die neuen Projektoren auszugeben, die Verleiher werden aber gewiss in diese Richtung drängen. Immerhin kostet sie eine herkömmliche Kopie 4000 Mark. Dazu kommt die Gefahr, dass zwischen Kopierwerk und Kino Raubkopien auf Video gezogen werden. Bei Bändern, auf denen 1080/24p Filme für digitale Projektoren geliefert werden, sind die Transportkosten deutlich niedriger. Die verschlüsselte Sattelitenübertragung vom Verleiher- auf den Kinoserver, wie sie für die nahe Zukunft geplant wird, macht Raubkopien fast unmöglich, die Kinobetreiber dafür viel flexibler bei der Programmgestaltung. Weiterer Vorteil für sie: Filmkopien haben schon nach zehn Aufführungen durch Kratzer eine deutlich schlechtere Qualität als bei der Erstverwendung – digitales Material nicht. Zudem können die neuen Projektoren auch Live-Ereignisse auf die Leinwand bringen. Vor einigen Monaten erfreute der Filmverleiher Kinowelt die Presse mit der Idee, Fussball ins Kino zu übertragen.
Zwischen einem und drei Jahrzehnten geben Filmemacher ihrem alten Medium. Schaut man sich “Gone Underground” an, ist E-Cinema nur noch eine Frage weniger Jahre technischer Entwicklung und vor allem der Investitionsbereitschaft der Kinobetreiber. Und der Film? Für den bedeutet das neue Medium wenig. Im Vergleich zum Futurismus von “Matrix” und der Nichtweltlichkeit von “Tuvalu” sieht “Gone Underground” ziemlich altbacken aus.

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Elektronische Lebensaspekte.