Die französischen 123 Klan verknüpfen schon seit über zehn Jahren Vektorgrafik und Graffiti-Stil auf verschiedenen Untergründen. Zwischen Magic Markers und Maus verlegen sie sich seit längerem aufs legale Arbeiten (etwa für MTV, Nike oder verschiedene Hip Hop-Künstler) und bringen ihren Kindern zeitig das Graffiti-Lesen bei. Debug traf das Gründerpaar Scien und Klor in München auf der "Toca me"-Konferenz, wo sie neben Tomato, Joshua Davis und Insert Silence ihre Grafiken an die Wand warfen und die Details heranzoomten.
Text: Viviana Tapia, Pat Kalt aus De:Bug 82

Digitales Graffiti
123 Klan

Ab und zu bekommt man auf Konferenzen noch Inspirationen. Auf der “Toca me” zum Beispiel. Ende März fand in München zum ersten Mal diese Designkonferenz statt. Den üblichen Erwartungen an langweilige, aufgeblasene und sich selbst zu wichtig nehmende Design-Panels zum Trotz stellten die drei jungen Veranstalter ein äußerst vielseitiges, inspirierendes und spannendes Programm zusammen – darunter 123klan. Es gab vier Präsentationen von 16 bis 23 Uhr mit anschließender Lounge und gemeinsamem Biertrinken. Pointiert, witzig und ja: innovativ. Die Bandbreite der Vortragenden reichte dabei von eingespielten Designvortragenden bis hin zu interessanten neuen Köpfen. Im kurzen Überblick: Konzept, Grundlagen, Tipps und Tricks beim Entwerfen mit Variablen und Zufallsparametern zeigte Flash- und Internet-Guru Joshua Davis aus New York anhand seiner Maruto-Website. Das Londoner Design-Kollektiv Tomato sandte mit Joel Baumann und Tom Roope ein erfahrenes Interactive-Team und wartete mit einem beeindruckenden Panorama an Projekten weltweit auf. Amit Pitaru aus Montreal und James Paterson aus New York stellten ihr jüngstes gemeinsames Projekt “Insert Silence” vor, eine wegweisende Zusammenarbeit, die traditionelle Künste wie Zeichnung und Musik im Hinblick auf die technischen Möglichkeiten des Internet und seiner Applikationen neu vermisst und erforscht. Scien und Klor von 123klan aus dem französischen Lille berichteten von der Verschmelzung von Graffiti und digitalen Entwurfsmethoden. Das interessierte uns besonders.

Von der Wand zum Monitor
Das 1992 von Scien und Klor gegründete Graffiti-Kollektiv 123klan begann seine Karriere standardgemäß mit Zügen, Hauswänden und Fassaden, farbigen Spraydosen ,Magic Markers und den Bullen im Nacken. Ein Jahr später entdeckte man das Universum der digitalen Entwurfsmöglichkeiten an einem Mac-Rechner mit Illustrator-Software. Das Interesse an Grafikdesign war geweckt, Neville Brody und Konsorten wurden entdeckt. So entstanden die ersten 123klan-Vektor-Graffitis. Die Crew ist nach wie vor begeistert von den schier unendlichen Möglichkeiten des digitalen Malens und Schreibens: “Eine Computermaus ist wie eine Spraydose. Du drückst drauf und hopp – schon kommt es”Innerhalb kürzester Zeit transferierten sie ihr Graffiti-Universum auf den Rechner. Anders als auf der Straße und an der Hauswand muss vor dem Rechner kaum auf Legalität, Materialkosten oder Fehler geachtet werden, denn der Computer verzeiht letzteres mit einem simplen Knopfdruck. Die Crew legte eine Style-Bank nach der anderen an. Im Rückgriff auf diese Style-Banks entstehen so die detaillierten und vielschichtigen Graffiti-Szenarien.

Schreiben, Malen, Entwerfen
Bei 123klan fasziniert die Narrativität der Szenarien. Im Mix aus Alltagskultur, Populärkultur und Subkultur und im Spiel mit dem Makro- und Mikrokosmos der Komposition liegt durchaus auch die eine oder andere Subversion des Details verborgen. Glücklich zoomen die beiden bei ihrer Präsentation auf 2000fache Vergrößerung und zeigen auch die allerkleinsten Sprüche: “Graffiti can’t be stopped.” Der Aufstand der Zeichen kann mitunter aber auch in simplen Entwerfen des eigenen Traumhauses liegen, wie uns Klor spitzbübisch erklärt.
Das Verschmelzen von Schreiben, Malen und digitalem Entwerfen im Cut-Copy-Paste-Modus findet seine logische Fortführung bei 123klan schließlich auch in der Animation mit Flash & Co und in der Dreidimensionalität. Hier endlich findet Graffiti eine gemeinsame Plattform mit Musik, Sound und dem Körper im Raum – was eine neue Richtung für zukünftige Gestaltungsprozesse öffnet. 123klan bleiben bei ihrer Arbeit aber nicht am Rechner kleben:Bewaffnet mit den Produkten des digitalen “Graffiting” (Aufkleber, Sticker, Poster) ziehen sie wieder zurück in die Straßenschluchten und bepflastern Häuser, Wände sowie Laternen. Und Graffiti ist wieder da, wo es herkommt.
Im Anschluss an die Toca-Me-Vorträge standen uns Scien und Klor Rede und Antwort.

Debug: Auffällig an euren Arbeiten ist, dass ihr am Rechner viel sensibler mit Farben umgeht als beim Sprühen…
123klan: Die Arbeit am Rechner bietet ganz andere Möglichkeiten. Da überlegt man sich den Einsatz der Farbe erst viel später, außerdem sind die Farben am Computer sehr direkt. Man kann auch ganz anders Dinge punktuieren, die Breite der Werkzeuge variieren und viel kleinteiliger arbeiten als auf der Straße. Eine Sprühdose hat einfach ihre Grenzen! Für uns ist es mittlerweile deshalb fast schon ein Ziel, Graffiti in andere Medien zu transportieren. 1993 begannen wir, uns für Grafik Design zu interessieren, kauften unsere ersten Macs und entdeckten unsere Liebe zu dem Programm Adobe Illustrator. Als Klor mit unseren Zwillingen schwanger war, war die Arbeit am Rechner eine prima Alternative zum doch sehr ungesunden Sprayen…

Debug: Sprüht ihr noch illegal?
123klan: Nein, heute haben wir legale Plätze zum Sprühen. Dass etwas illegal ist, ist ja auch nicht das wichtigste. Die Intention bei Graffiti ist ja prinzipiell nicht, Sachen zu verschandeln oder zu zerstören, sondern Dinge zu entwickeln.

Debug: Verdient ihr Geld mit euren Graffiti-Arbeiten?
123klan: Ja, aber wir arbeiten nur für coole Leute. Wir wollen keinen Shit für den Ausverkauf produzieren. Kennt ihr diese Fake-Graffitis auf Kinderkleidung beispielsweise? Das ist schlimm. Wir machen viele Logos, Erscheinungsbilder, aber auch Seiten für Kataloge, Plakate, Aufkleber und T-Shirts. Für Nike haben wir mal verschiedene Characters für eine ganze Kampagne gebaut, die wurden dann auch für einen MTV-Trailer genutzt. Aber wir sind und bleiben eng mit der HipHop-Kultur verwurzelt und arbeiten deshalb auch gern mit Musikern und Plattenfirmen zusammen.

Debug: Ihr habt selbst zwei Kinder – wachsen die mit Graffiti auf?
123klan: Natürlich wissen die, was wir tun und sie malen auch, einfach zum Spaß. Sie können zwar noch nicht lesen, aber erkennen mit ihren vier Jahren bereits unsere Tags und die Schablonen ihrer Eltern.

Debug: Klor, bist du die einzige Frau in der Crew? Warum?
123klan: Tja. 1992 gab es in Frankreich nur etwa fünf Frauen, die gesprüht haben, ich bin eine davon. Es war und ist einfach eine Männerdomain. Da gibt es noch zu tun.

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Elektronische Lebensaspekte.