Text: paul paulun aus De:Bug 01

2-4 Wochen Farben
von Paul Paulun

Die Erweiterung des Wohnzimmers in die Straße hinein, d.h. in einem Laden einen Club machen, der klein genug ist, um nicht der Erwartung auf Entertainment verpflichtet zu sein und groß genug für weitere Ideen, die dabei entstehen, wobei dann aber eigentlich nicht die Idee das Wichtige ist, sondern das, was drumherum so alles passiert. In einem seit längerem leerstehenden Eckladen auf der Kastanienallee in Berlin-Prenzlauer Berg fand unter Leitung von “Taschenveranstaltungen und Betriebssysteme für Räume” im Mai das Bar-Happening “2-4 Wochen Farben” statt, welches glücklicherweise auch schon wieder vorbei war, bevor es zum Mythos werden konnte. Schwierig solche Orte zu beschreiben, weil das, was auftritt: das Set, der Film, die Installation in den
Hintergrund trudelt uns somit zur Infrastruktur mutiert, in der man lebt, trinkt (viel Club-Mate) und redet und es um dieses Viele geht und nicht darum, was auf einer Bühne oder einem äquivalenten Platz zum Hinsehen passiert. Man bleibt ein Angebot, sich näher einzulassen und baut ansonsten eine Atmosphäre zum sich darin aufhalten. Genau die bleibt aber nicht konkretisierbar, was gut ist, weil man sie nicht einfach überallhin importieren kann. Wir beschreiben also einen Teil vom Rest.

Im Musikraum gab es zum einen mehrere untypische DJ-Sets wie z.B. das von BassDee, der sein Coming-Out als Ambient-DJ im Sitzen miterleben durfte, CGB 1′ Dub-Abend oder Perlen aus ErikMMM’s Funk-Kollektion zu hören. Zur CD-Präsentation “Monitor 01” in Form der Installation “Farben”, wobei man umherirrenden Tekkenklängen und anderen Videogamegeräuschen schonungslos ausgesetzt war, zeigten die acht einzeln anzusteuernden Lautsprecher (Modell Keksdose) in Verbindung mit zwei Subwoofern ihre Wirkung am schönsten. Diese besondere Anordnung verteilte die Töne beim symmetrischen Konzert von Monolake eigenartig im Raum und kam auch beim CD-Release ‘Floating.Point’ von Robert Henke zur Geltung, der damit das entschlummert geglaubte Label Imbalance reanimierte und die ersten 20 CDs vor Ort brannte. Großer Beliebtheit erfreute sich die ebenfalls vorhandene Mitschneidemöglichkeit in Form von vier Tapedecks, wie auch das Ausleihen von Sonnenbrillen im Morgengrauen.
Nebenan im Videozimmer liefen eigens erstellte Gameshows zum Mitmachen, immer wieder New York Fragmente, Dokumentationen zur Situation der Schwarzen in den USA, aber auch Einblicke in die abenteuerlichen Reisewege von Zitronenkernen in einem Glas Mineralwasser.
Ein alter Menschheitstraum erfüllte sich jedem beim Besuch des WCs: Endlich nicht mehr vom übrigen Geschehen abgeschnitten sein! Ein Fernseher zeigt, was auf der Straße passiert und über den Lautsprecher tönen die Gespräche der Leute aus dem Musikzimmer.
Als attraktivster Ort erwies sich jedoch der Bürgersteig vor dem Laden, wo sich stellenweise über 100 Leute herumlümmelten und somit eine Vorstellung vom Bild der Straße in den 20ern vermittelten, als diese eine ähnliche Bedeutung wie die Friedrichstraße hatte.
Wichtig, daß Berlin über solch interdisziplinäre Netzwerke von Leuten verfügt, die es möglich machen, daß das Ergebnis um ein vielfaches größer ist als die Summe der einzelnen Teile.

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Elektronische Lebensaspekte.