Kommt UK Underground Garage auch in Deutschland endlich aus dem Klee? In England würfelt es alles durcheinander: die Charts, die Clubs, das Rollenverständnis der Sänger und MCs. Der aktuelle Erfahrungsbericht von der Insel.
Text: ulrich sautter dr.sautter@snafu.de aus De:Bug 35

/two step Anything goes 6 Versuche, sich 2Step Garage zu nähern 1) Champagner? Die Nachrichten zuerst. Speed- aka UK Underground- aka 2Step-Garage hat einen Imagewandel vollzogen. Noch vor wenigen Monaten hat kaum jemand die schlüpfrig-schräge Garage-Variante ernstgenommen. Heute können die wenigen Plattenläden, die 2Step-News vertreiben, die boomende Nachfrage kaum befriedigen. Vor allem in der Drum&Bass-Szene hat lange Zeit das Misstrauen über die unerwartete Breakbeat-Konkurrenz vorgeherrscht. Es waren schon beinahe Feindbilder, die kursierten: Eine Champagnerfraktion, so etwa die Sicht auf die Dinge, habe sich der Breakbeat Magie bemächtigt, um sich – getarnt durch diesen intellektuellen Anstrich – desto ungehemmter an einem Rausch musikalischer Banalitäten zu vergehen. Das erbarmungslose Hochpitchen von 70er Jahre Disco-, Funk- und Soulstücken auf 90er Jahre Garagetempo, die dadurch stilbildend gewordenen Mäuschenstimmen, all das gab hinreichenden Anlass, das Genre mit spitzen Fingern anzufassen. Speed Garage erschien unreflektiert retro und durch und durch unseriös. 1999 ging dann alles ganz schnell. Spätestens im Sommer hatte die Neugier die Oberhand über die Vorbehalte gewonnen. Eine paar übers ganze Land verstreuter Plattenläden förderten wöchentlich ein paar Neuerscheinungen zutage, die ersten kleineren Parties fanden statt, und spätestens mit MJ Coles ersten Releases auf Talking Loud hatten puristische Vorbehalte gegen 2Step Garage selbst ein Rechtfertigungsproblem. Inzwischen scheint der Bedeutungswandel des Genres abgeschlossen. Die nüchterne Macht des Faktischen annonciert in grossen Lettern einen Trend, der aus der Sicht vieler Plattenläden und Underground-Akteure zwar immer noch irgendwie spooky ist, doch für den spricht, dass seine musikalische Anziehungskraft gerade gegen die erwähnten Widerstände so stark geworden ist. 2) Rewind: London, Ende Juli 1999 Der LA2 Club befindet sich im Norden der Charing Cross Road, Ecke Oxford Street. Londons Stadtmagazin Time Out kündigt in der 29. Kalenderwoche die dortige Freitagsparty “Sexsational” (sic !) als Summit des Underground Garage an. Zielgruppe: “The 20something crowd dressed to thrill”. Das ist nicht gerade exakt die Beschreibung meiner Person, trotzdem gibt es am Einlass keine weiteren Beanstandungen. Der Club selbst imponiert zuerst durch seine zweigeschossige Innenarchitektur. Der Raum upstairs wird durch eine rundlaufende Reling bestimmt, von der aus man auf den Dancefloor blicken kann. Steuerbord gibt es eine Cocktailbar, backbord eine VIP-Lounge. Mitschiffs das DJ-Kabäuschen, das in Art einer Kommandobrücke über den Floor ragt. Das Styling des Clubs ist eher nüchtern, legt offensichtlich Wert auf propere Sauberkeit, doch auch Samt und Tand und Taft bleiben auf kleine Accessoirs beschränkt. Ein Requisit wie aus dem Museum: Die rote Kordel zur Abgrenzung der VIP-Lounge. Hinter dieser ebenso höflichen wie deutlichen Barriere räkeln sich einige farbige Mittelalter in ihren Sesseln. Überhaupt scheint die Oberschicht fest in der Hand der Black Communities. Auch an den Tischchen und Bänkchen in der Cocktailbar sind farbige Pärchen unter sich. 20something und geschmückt mit gediegen standesbewussten Insignien. Goldkette, Armreif. Im unteren Stock ist die Crowd viel gemischter. Jungvolk aller Hautfarben. Altgediente Clubber. West End Girls und East End Boys. Keine Touristen. In der Mitte des Raumes ein vergleichsweise kleiner Floor. Die meisten Grüppchen stehen am Rand, quasseln und nippen an ihren Drinks. Die Beleuchtung kontrastiert gedimmtes farbiges Licht mit kalten Strahlern. An der Frontseite des Raumes improvisieren GoGo-Girls auf einer kleinen Bühne Körperbewegungen. Am gegenüberliegenden Ende des Raumes ist der Tresen in einer Nische unter der Flanierpromenade des Oberdecks verborgen. Bestellt und getrunken wird Bier aus Dosen. Getanzt wird eher wenig, aber doch immer ein bisschen. Der MC zeigt Einfühlungsvermögen: “Don’t be shy!” Das Line up, bestehend aus dem Dreem Teem, EZ und Jason Kaye, stellt sich als eine feixende Posse junger Farbiger heraus, von denen inmitten all des “shit man, ey man” und Gelächters immer wieder einer im richtigen Moment den nächsten Track an den Start bringt. Erstaunlich ist, wie viel musikalisch entlang der Linie Dub/Reggae läuft. Samstag Nachmittag scheint bei HMV in der Oxford Street die Zeit zu sein, in der die CD-Anhörstationen umgerüstet und die offiziell am Montag releasten Singles eingelegt werden. An diesem Samstagnachmittag erscheint an den Stations im Eingangsbereich ein grünes Cover mit zwei Zeichenfiguren. Die beiden sehen lustig aus, aber sie sind keine Karrikaturen. Auch auf Plakaten werden sie dekoriert: Doolally. Straight from the Heart. Unter den Whitelabels, die ich zwei Strassen weiter bei Nicki Blackmarket zum Anhören bekomme, befindet sich auch ein zum Popsong gewendetes DJ-Tool: “Re-rewind”, lässt sich der Singer-MC vernehmen, “when the crowd say bo selecta”. Etwas dick aufgetragen eigentlich, aber witzig. Richtig interessant dagegen finde ich einige 2Step Mixes auf den Flipsides “regulärer” Garageproduktionen. 3) Come On DJ Do That Thing The Artful Dodgers “Re-Rewind” war zweifellos die Idealbesetzung für die 2Step-Initialzündung. Nicht nur der wohldosierten und auf Hochglanz polierten Mischung von R&B, Ragga, Soul, HipHop und Garage, also der 2Step-typischen Ingredienzien wegen. Sondern auch, weil gleich auch noch eines der zentralen Text-Stereotype des Genres inszeniert wurde: Bo, Selecta. Wenn wir schon immer wussten, dass Gott ein DJ ist, beweist uns 2Step glatt die Umkehrung dieser Aussage: DJ it’s all up to you. Das ist die Dialektik von Allmacht und Schicksalsergebenheit. Die wird sogar noch getoppt, von einer explizit in zwei Richtungen lesbaren Dialektik des Wählens und Erwähltseins: When you drive far da riddim, be my selecta! Die Kraft des DJs ist aber auch magisch und überträgt sich ins Sexuelle: Come on DJ do that thing, take me to another place. My sweetest pleasure is music on a level that makes me feel like doin the thing. Die so Verehrten scheuen ihrerseits nicht davor zurück, auch selbst an ihrer Glorifizierung zu stricken, und da schwingt sogar etwas von: Du sollst keine anderen Götter haben! mit. “With a little bit of Luck” heisst der bekannte Track von DJ Luck. Aus der Geschichte von Speed Garage wird dieser Strang thematischer Stereotypien verständlich durch die Show, die es darstellt, wenn 70er Jahre Platten live gemischt werden. Noch auf einem 99er Freestyle-Whitelabel moderiert der MC den handwerklichen Beitrag des DJs in emphatischer Weise an: as the music takes me high, as the music takes me high, und dann folgt der Mix mit Suzanne Vegas “Tom’s Diner”. 4) Show Me the Lover that You Are. Stupend ist der auf wenige, sehr eng gefasste Archetypen beschränkte Themenkreis der überaus meisten 2Step Garage Tracks. Die thematische Fixierung auf das Sexuelle ist stärker und direkter als in vielen anderen populären Genres. Die Penetranz dieser Zuspitzung erzeugt jedoch auch ein nolens volens ins Ironische kippendes Zwielicht. Aus den weiblichen Vocals verschiedener Tracks compiliert, hört sich das so an: Follow me, I’m calling. Show me the lover that you are. O boy I’m so into you. Gotta let me love you all night long. You help me find my paradise. You make me feel like I’m on top of the world. Last night I made love for the very first time with you. I can’t describe what you did but you got me so. I never thought love was meant for me. I never knew that love can be so sweet. All das gesungen und/oder produziert in den oberen Frequenzbereichen der menschlichen Stimme. Mit einer Intonation, als – um dem inszenierten Klischee zu folgen – kaue eine Blondine im Friseursalon mit gesenktem Blick auf ihrem gespreizten kleinen Finger. Andere Tracks liefern komplementär den männlichen Part gespreizter Rückenmuskeln: I want to interfunk with you. Let me show you how its gonna be when you’re next to me. Do you remember that night we spent together ? Nun war der Dancefloor noch nie eine Hochburg des Feminismus, aber 2Step Garage scheint mit seinem extremen Einsteigen auf Rollen in besonderem Masse geeignet, ein Stein des Anstosses oder einer der Reflexion zu sein. Theoretische Betrachtungen verfangen sich jedoch rasch in einer Paradoxie darüber, was der diesbezügliche Standpunkt dieses Genres sein könnte: Man könnte beispielsweise annehmen, dass das 2Step Garage Lebensgefühl die Frage stellt, ob Übererfüllung als gesellschaftliches Korrektiv nicht wirkungsvoller sei als Kritik. So weit, so gut. Aber wäre diese Frage in kritischer oder die gesellschaftliche Norm übererfüllende Weise gestellt? 5) Post-Postmodernität? Prä-Paramodernität? Oder irgendwas mit Meta- ? Die einzige Lösung dieser – so weit zu sehen ist, unausweichlichen – Paradoxie besteht darin, die theoretische Untersuchung zu unterlassen. Diese Musik ist als Folie für tiefgründige weltanschauliche Reflexionen völlig ungeeignet. Nicht, dass es keine Effekte gäbe, die auf einen Hintergrunddiskurs verweisen würden: Die postum das Klischee abarbeitende Phrase “You used to know how to love me right” in Moist 01 beispielsweise ist von Hundegebell akzentuiert. Die Sirenenstimme auf Orcabessa 03 (“Girls like us”) erweist sich auf 33 abgespielt als diejenige eines Mannes. Aber selbst diese Ironiesignale lassen sich nicht in einfache Parolen ummünzen. Und das ist dann ja auch eine Aussage, die Stellung bezieht. Die Art und Weise, wie Inhalte des zeitgenössischen Diskurses in der ästhetischen Praxis aufgehoben sind, kommentiert zumindest en passant deren theoretische Konstruiertheit. Aus einer gewissen schalkhaften Ursprünglichkeit heraus, sozusagen. So ist es auch nur konsequent, dass 2 Step Garage zwar auch im konventionellen Sinn sprachlich kommuniziert, zugleich aber gesprochene oder gesungene Worte auch in ihrer einfachsten Daseinsform als Klangmaterial nützt: Einzelne Worte, Silben oder Phoneme werden geloopt und für ein mehr oder weniger kurzes Intervall der rythmischen Struktur eines Tracks einverleibt. Diese Technik hat gleich mehrere bemerkenswerte Aspekte: Zum einen erlaubt sie, den Bezug auf Diven wie Mary J. Blige, Lauryn Hill oder auch Michael Jackson besonders drastisch in das Spannungsfeld von Affirmation und Ironisierung zu stellen. Zweitens entsteht die Assoziation eines post-HipHop-Scratchens, das digital in den Produktionprozess vorverlegt wurde. Drittens und nicht zuletzt bemächtigt sich die Cut-Up-Technik in einem ganz neuen Ausmass der vokalen Ebene von Musikstücken. Aus Mosaik-Samples zusammengesetzte Beats und geloopte Vocals, o.k., alles schon gehört. Dass aber die Gesangsspur des MCs für Vinyl postproduziert und denselben Routinen unterworfen wird, das hat wirklich neue Qualität. 6) lyrical, lylylyrical, lyrical Eine der aktuellen Entwicklungen scheint dahin zu laufen, dass 2Step Garage den MC neu erfindet. Ein äusserliches Merkmal ist, dass die MC-Präsenz auf Vinyl schon jetzt beinahe grösser ist, als sie sieben Jahre Jungle/Drum & Bass zusammengenommen hervorgebracht haben. Das hat natürlich ein wenig damit zu tun, dass Drum & Bass sich bis 99 generell weg von seinem früheren vocalen Strang entwickelt hat. Aber die starke Position des 2Step Garage MCs hat auch Gründe, die mit 2Step selbst zu tun haben. Der souveräne Plauderer nebenbei steht bei 2Step Garage in einem ganz anderen Spannungsverhältnis zur Musik, als dies bei Drum & Bass der Fall ist. Er konterkariert häufiger und geht nicht so oft die musikalische Bewegung mit. Das macht ihn weniger entbehrlich. An diesem Punkt unterscheidet sich der 2Step Garage MC aber auch wieder grundlegend vom HipHop MC. Als Hüter über Authentizität und Skills tritt der MC in 2Step Garage Tracks gerade dadurch in Erscheinung, dass sein Beitrag selbst im kommentierbaren, zum Beispiel den formalen Riten unterwerfbaren Material aufgeht. Wer glaubt, dass das eine Beschränkung der künstlerischen Freiheit oder gar eine Zurücksetzung mit sich bringe, soll sich mal die MC Neat featurenden Tracks anhören! Dessen startaugliche Präsenz wird nicht schwächer, weil sich nebenbei jemand aus dem Studio zu Wort meldet, der der Hörerin und dem Hörer sagt: Hör nochmal genau hin – und über einer bösen trockenen Bassline eine Blüte in die Schleife schickt: lyrical, lylylyrical, lyrical content to wreck – my check… Ein Fazit zuletzt. Die 2Step Popularität hat mit derselben urbanen Erregung zu tun, die 94/95 Jungle gross gemacht hat. Begonnen hat das Fieber damals wie jetzt mit grobschlächtigen Basslines und Breakbeats, und auch die Entwicklungslinien scheinen einer ähnlichen Dramaturgie zu folgen. UK Underground/2Step Garage ist mit seinem Erfolg auch in die Phase seiner Differenzierung getreten. Dark Dubs und Mixes wie der Dem2 Remix von Antonios Bad Funk (Locked on 14) stecken schon mal die Rahmenbedingungen für die vollständige Emanzipation vom Champagnerklischee ab. Aber auch der Mainstream des Genres, Artists wie Zed Bias, Steve Gurley, Bump & Flex, Silvaquest, Trick or Treat, das (Dortmunder) Gush Collective und all die namenlosen White Label Acts, sind weit davon entfernt, sich nach der Gleichung Popularität=Banalität reduzieren zu lassen. Im Gegenteil: Anything goes ist ganz offenkundig das Motto der Stunde. Spannend wird dabei nicht zuletzt sein zu verfolgen, was sozial passiert: 2Step Garage crossovert stilistisch unbefangen zwischen musikalischen Genres, die sich sozial zuweilen wenig zu sagen haben. Welche Crowds dieser weitest möglich gefassten Street Credibility folgen werden, das zu verfolgen wird gerade in Deutschland ein Ereignis sein. Der Hype jedenfalls scheint unaufhaltsam. I hope you’re feeling fine, fefine-fefine-fefine-fefine…

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Elektronische Lebensaspekte.