Martin Margiela ist ein Säulenheiliger der 90er-(Männer-)Mode. Der 20-jährige Geburtstag wurde im Antwerpener MOMU mit einer großen Retrospektive gefeiert.
Text: Atilano Gonzalez aus De:Bug 127


Maison Martin Margiela
In allen vier Ecken / soll ein Faden drin stecken

Helmut Lang und Martin Margiela sind die Säulenheiligen der 90er-(Männer-)Mode. Die bourgeoise Kreativ-Klasse schwört auf sie. Lang hat sich längst nach Long Island zurückgezogen. Aber das Maison Martin Margiela verblüfft weiterhin mit Ideen, die Konzept, Kunst und Klamotte zu tragbarer Avantgarde verbinden. Der 20-jährige Geburtstag wird im Antwerpener MOMU mit einer großen Retrospektive gefeiert.

Martin Margiela ist der Thomas Pynchon unter den Modedesignern: Von einer großen Fangemeinde abgöttisch verehrt bleibt er ein Unbekannter. Doch während es von dem Schriftsteller noch einige wenige Fotos gibt, die in den Medien kursieren, hat Margiela es geschafft, in den letzten 20 Jahren anonym zu bleiben. Beide sind Bestseller, Margiela hat inzwischen dreizehn Stores überall auf der Welt verteilt. Seine Kollektionen werden in den besten Shops verkauft. Und hier wie dort lassen sich die beiden nicht auf ein einziges Themenfeld, ein Genre oder einen Stil festlegen. Ein Autor im klassischen Sinne aber ist Margiela nicht.

Nach seinem Studium an der Antwerpener Modeakademie und einer mehrjährigen Assistenz bei Jean Paul Gaultier gründet Martin Margiela zusammen mit Jenny Meirens 1988 ein eigenes Label: Maison Martin Margiela. “Das Haus”, wie es unter den Eingeweihten genannt wird. Wenn man heute den Zusatz “Maison” im Zusammenhang mit einem Designer nutzt, ist meistens seine Linie für Inneneinrichtungen gemeint. “Dior” zum Beispiel aber hieß bei seiner Gründung 1941 noch “Maison Dior”. Und auch wenn der Verweis auf den Erneuerer der Modewelt nach dem zweiten Weltkrieg ihm nicht unrecht sein dürfte, so ist Margiela doch ganz ein Kind der achtziger Jahre, sicher nicht ästhetisch, aber doch konzeptuell.

Sein damaliger Chef Gaultier ist einer der einflussreichsten Designer, ein Star der Modeszene in einer Zeit, die in vielen Bereichen ein ausgeprägtes Starsystem entwickelt hatte. Luxus, Erfolg und Macht gelten als Ideale, die auch von der Mode in ihren Kreationen unter dem Stichwort des “power dressing” gefeiert werden. Enge Taillen, edle Stoffe und absurd hohe Schulterpolster schaffen mit tiefen Ausschnitten und Beinschlitzen kombiniert das absolute Babe, das selbstverständlich aber auch über einen “hardbody” verfügt. Im Businessdress eingesetzt verleiht diese Silhouette der Frau breite Schultern und “männliche” Autorität. Die erste Kollektion des Hauses Martin Margiela zeichnet einen völligen Gegenentwurf zu den gängigen Idealen der Modewelt der achtziger Jahre, sowohl im Entwurf als auch in der Präsentation. Sie wird begeistert gefeiert und hat großen Einfluss. Statt der übertriebenen Schulterpolster und der Vespentaille entwirft MMM eine Silhouette mit schmalen Schultern, eng anliegenden, gerade geschnittenen Kleidungsstücken mit überlangen Ärmeln und bricht so mit dem gängigen Körperideal. Statt der Top Models, die sonst auf den Pariser Laufstegen zu sehen sind, spricht MMM junge Frauen auf der Straße an. Damit nicht genug, ihre Gesichter werden in Stoff gehüllt und sie so zu reinen Mannequins abstrahiert. Statt der Verwendung eigens für die Kollektion gewebter edler Stoffe verarbeitet MMM sogar Second-Hand-Kleidung in seinen Entwürfen und erinnert daran, dass die Zeitrechnung nicht mit jeder Kollektion zwei mal im Jahr neu anfängt, wie sonst üblich in der Modeindustrie. Statt den Schnittverlauf mit feinem Futter zu verbergen, kehrt MMM die Nähte nach außen und offenbart so das Konstruktionsprinzip der Kleidung – und die Mode selbst als Konstrukt.

So könnte man den Ausgangspunkt des Modehauses beschreiben, dass in diesem Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag feiert. Zu diesem Anlass zeigt das Antwerpener Modemuseum eine Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit dem MMM entstanden ist und dessen Mythos fortschreibt. Was damals als Reaktion auf die herrschenden Trends begann, hat im Laufe der Jahre sein Instrumentarium verfeinert, um Mode als Medium zu nutzen, in dem das MMM über wichtige Themen wie Zeit, Leben, Arbeit, Authentizität, Wert und Autorschaft nachdenkt. Insofern leuchtet es ein, dass die Ausstellung nicht chronologisch gestaltet ist, sondern verschiedene Motive, Methoden und Themen in Margielas Schaffen aufgreift und zeigt, wie sie über die Jahre in Variationen auftauchen und sich verwandeln. Besonders oft ist es die Farbe Weiß.

Nicht leicht zu erkennen
Anstatt eines Schriftzugs näht Margiela vielmehr hinten ein weißes, rechteckiges Etikett mit vier Stichen ein. Das Konzept der “white label”-Produkte stammt aus den siebziger Jahren. Hersteller liefern ein ungebrandetes Produkt in der Regel an mehrere Firmen gleichzeitig, die es unter ihrem eigenen Namen in den Handel bringen. Der Kunde erst vervollständigt das Produkt und auch Margielas Kleidungsstück wird anders aussehen je nachdem, wer es trägt. Da die vier Stiche, die das Etikett halten, von außen zu sehen sind, verzichtet MMM zwar auf eine Signatur, nicht aber auf ein Logo, das übrigens auch markenrechtlich geschützt ist. Wie oft sind Margiela-Kunden schon darauf angesprochen worden, sie hätten vergessen, das Etikett rauszutrennen. Und wie oft haben sie daraufhin ihr jeweiliges MMM-Bekenntnis gesprochen und die Marke erklärt. Ein Logo, das danach schreit, entfernt zu werden, und zugleich eine geschickte “mouth-to-mouth” Strategie. Ein Logo so stark abstrahiert, dass es der kreativen Klasse vornehm genug erscheint, um sich dazu zu bekennen (denn kaum jemand trennt es raus), und doch so konkret, dass es als Produktionsfehler gelesen werden kann.

Individuell, vergänglich, weiß
Sowohl die Büroräume als auch die Läden vom MMM sind komplett weiß. Die Räumlichkeiten werden meistens so belassen, wie vorgefunden, lediglich weiß übertüncht. Nicht nur Wände, sondern auch Böden und Einrichtungsgegenstände. Sitzmöbel werden mit weißen Überzügen versehen und die Verkäufer wie auch alle anderen Mitarbeiter vom MMM in der Öffentlichkeit tragen weiße Kittel in Anlehnung an die “blouses blanches”, die bei den Pariser Haute-Couture-Ateliers getragen werden. Mit der Zeit ist beim MMM sogar die Tradition entstanden, für besondere Events weiße Objekte in limitierter Auflage zu produzieren. Das MMM bevorzugt Weiß, da es die Farbe ist, die am deutlichsten altert. Sie verzeichnet alle Spuren und selbst, wenn sich nichts ereignet, so vergilbt sie mit der Zeit, schafft eine Patina. Sogar Kleidungsstücke werden mit weißer Farbe übermalt, die beim Tragen nach und nach abbröckelt und so ein vom Träger bestimmtes, individuelles Aussehen bekommt. “One of a kind” ist eine oft vom MMM genutzte Formulierung und Authentizität ein gern verfolgtes Ziel, das sich nicht zuletzt im Recycling alter Materialien zeigt, insbesondere in der streng limitierten “Artesanal”-Linie, bei der in Handarbeit aufwendig gearbeitete Stücke entstehen, die je nach Material mehr oder weniger tragbar sind. Ein Klassiker ist die Porzellanweste von 1989. Andere Materialien wie Lederfußbälle, Gürtel, Krawatten, Vinyle, Plastiktüten oder auch Papierkugeln werden in durchschnittlich fünf bis sechs Tagen in Unikate verwandelt. Ihr Wert ist nicht das Material, sondern die Idee und die Arbeit, die dieses Material formt. Hier zeigt sich am besten Margielas Ästhetik der Transformation, die sich das hohe Handwerk der Schneiderkunst zu Nutze macht.

Die konzeptuell, nicht chronologisch angelegte Ausstellung bietet einen tiefen Einblick in die Vielfalt des MMM-Universums. Sie beleuchtet einzelne Themen wie “Incognito“, “Tailoring“, “Trompe L’Oeil“ oder “Replica“ und zeigt vor allem, wie durchdacht das Schaffen Margielas ist, sowohl auf der handwerklichen, der ästhetischen als auch der kommunikativen Ebene. Immer wieder in den 20 Jahren bezieht er eine kritische Position zum System der Mode und ihren Postulaten, sei es das Diktat des Neuen oder bestimmte Körperideale. Diese beiden Elemente kommen zusammen, als er Kleidungsstücke, die für Barbie und Ken geschneidert wurden, maßstabsgetreu vergrößert und so zeigt, dass sie als Menschen eher monströs erscheinen würden. Die Skalierung der Accessoires und Reisverschlüsse, die ja in der Puppenkleidung schon für Menschenhände gemacht waren, führt bei MMM zu überdimensionierten Details.

Was jedoch MMM finanziell trägt, ist die solide, weniger spektakuläre “Ready to wear”-Linie. Seit Juli 2002 ist Diesels Renzo Rosso Mehrheitseigner beim “Haus” und wenn auch immer beteuert wird, dass sich nichts verändert habe, so fällt auf, dass die Firma seitdem schneller wächst. Mit der Größe steigt auch der Druck, höhere Umsätze zu machen, und es bleibt abzuwarten, wie lange das MMM seine gute Qualität durch aufwendige Verarbeitung und seine kritische Position innerhalb der Modebranche glaubhaft wird halten können. Im kommenden Jahr wird ein Parfum präsentiert, aber selbst von Comme des Garçons gibt es ja mittlerweile Unterwäsche.

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Elektronische Lebensaspekte.